Lernt streiten!

In der Öffentlichkeit gibt es nur noch Gut und Böse. Überempfindlichkeit ist in. Jeder empfindet sich als Opfer. Meinungsfreiheit ist zum Schlagwort geworden. Und geschlagen wird von allen Seiten. Denn inzwischen hauen auch diejenigen, die sich für die Guten halten. Alles schön abgetippt im Netz. Einfach drauf los. Denken scheint aus der Mode gekommen zu sein.

Menschistklein
Die Welt ist groß und wir Menschen klein.

Was Medien inzwischen aus der Politik machen, hat kaum noch mit Informationsvermittlung zu tun. Es ist pure Sensationsgeilheit und Manipulationslust. Zudem wird mehr geschrieben als nachgedacht. Früher wäre das eine ohne das andere nicht denkbar gewesen, doch wer will heute noch Ansprüche stellen? Immerhin setzen Ansprüche gewisse Denkleistungen voraus. Und Überlegen bedeutet auch Hinterfragen. Doch das gilt inzwischen als pfui. Berichtet wird nur über bestimmte Dinge und in der Regel aus nur einer Perspektive. Es lohnt sich darauf zu achten, worüber nicht oder nur am Rande berichtet wird.

Doch verlassen wir mal kurz die Welt der Presse und schauen auf uns selbst. Auch für uns ist das Hinterfragen out. Konsumiere – frage nicht nach! Und falls du das versehentlich mal tust, dann hoffe, dass deine Meinung dem Mainstream entspricht, sonst bist du böse. Wer nicht dem Trend folgt, ist gegen den Trend – und somit ein Feind. Ihr wollt Beispiele?

Ein Spiel ist nur ein Spiel ist nur ein Spiel der Medien

Man braucht nicht in die ferne Politik schweifen, wenn ein Spiel liegt so nahe: Pokémon Go. Während in der Welt Schlimmes geschieht und es uns nicht an gesellschaftlichen Baustellen mangelt, schüren die Medien einen Streit um das betreffende Spiel. In den sozialen Netzwerken gab es wochenlang exakt zwei Lager: die User des Spiels und die Gegner. Wers glaubt, …. Ich hatte nämlich nicht den Eindruck, dass die Auflehnung gegen das Spiel groß ist. Im realen Leben sah ich plötzlich überall Pokémon Go spielende Pärchen und las nur ab und an auf Facebook, dass ein kleiner Teil meiner Kontakte (wie ich) kein Interesse an dem Spiel hat. Harmlose Bemerkungen, ein witziges Meme – das war alles. In den Medien hingegen ging die Post ab. Tatsache ist, dass in keinem anderen Land so viel über Pokémon Go berichtet wurde, wie hierzulande. Sogar seriöse Radiosender kramten irgendeinen Australier heraus, den das Spiel angeblich seinen Job gekostet hatte, weil es derart süchtig macht. Tagelang drehte sich alles um dieses Thema. Hatten die Journalisten ernsthaft nichts besseres zu tun? Nicht die Nation war gespalten, sondern die Medien spalteten sie.

Auch Blogger sprangen auf das glänzende Pferd der Reichweitenmaximierung. Klar, ein vermeintlich polarisierendes Thema ist gut für die Blogstatistik. Bestes Mittel: Sich dem Trend anschließen und alle anderen zu den Bösen erklären. Die meisten Blogger bezeichneten alle Menschen, die Pokémon Go gegenüber skeptisch sind, als „die ewig Gestrigen“. Sie kritisierten, dass dieses Hinterfragen typisch deutsch sei und alles Gute (denn der „Fortschritt“ gilt als „das Gute“) abbremst. Gähn. Ob denn alles Neue immer unbedingt einen Fortschritt bedeutet und ob dieser automatisch und grundsätzlich „gut“ ist, sei dahin gestellt. Viel unpassender fand ich die Tatsache, dass Menschen, die nicht mit der Masse schwimmen, sondern ihre eigene Meinung haben, als Miesepeter abgestempelt werden. Denn es war nicht die Rede von unsozialen Trollen, die Hasskommentare veröffentlichen. Nein, alle Nichtnutzer wurden in einen Topf geworfen und mit dem Deckel „Gegner des Fortschritts“ versehen. Als ob es nicht auch Menschen gäbe, denen das Spiel schlicht und einfach egal ist.

Ich bin netzaffin und (nicht nur) im Rahmen der Digitalisierung sehr engagiert. Dennoch interessiert mich das besagte Spiel nicht die Bohne. Als gestrig oder spießig kann man mich jedoch nicht bezeichnen. Die Sache ist im Grunde ganz einfach: Wer will, spielt es und lässt die anderen damit in Ruhe. Fachleute interessiert ohnehin viel mehr, wie sich Augmented Reality weiterentwickeln wird. (Ein spannendes Thema auch für die Bereiche Tourismus und Kultur.)

Und wo bleibt die Streitkultur?

Das Spiel hat leider offenbart, wie schlecht es um unsere Streitkultur steht. Nicht, dass es vorher keiner gewusst hätte. Aber überlegt mal, wenn ein Spiel Menschen in Gruppen spaltet und dazu führt, dass sich seine Nutzer als Opfer betrachten und weinerlich bloggen, sie hätten die Beleidigungen seitens der Nichtnutzer so satt, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. Wie sollen wir als Land unter anderem die multikulturellen Herausforderungen meistern, die an der Tagesordnung stehen und unser reales Leben betreffen, wenn schon fiktive Geschöpfe und digitale Spiele für beleidigte Schmollmünder,  Trolle und hasserfüllte Tolerante sorgen. Wenn diejenigen, die Toleranz auf ihre Fahne schreiben, wegen eines Spiels die Opferrolle über sich stülpen und den Hass in sich entdecken, können alle, die noch mitdenken, einpacken.

Streitet, statt zu stempeln

Lest, schaut hin, denkt nach, hinterfragt und diskutiert. Streitet euch, aber hört einander zu und hört auf in Schubladen zu denken. Gut und Böse? Pff, wir alle sind beides. Es ist unerträglich zu sehen, wie wenig Menschen noch sagen dürfen, ohne an den Pranger gestellt zu werden. So oder so. Steckt euch die übertriebene political correctness in den Allerwertesten. Sie wurde leider längst ins Lächerliche gezogen. Minderheit, Diskriminierung, Rassismus und Intoleranz sind die beliebtesten Stempel, die aktuell herumgereicht werden. Hast du einen Stempel abbekommen, gilt deine Meinung als böse und nicht hörenswert. Dabei wird schneller gestempelt als hingehört oder hingeschaut. Und es stempelt inzwischen jeder. Trotz eingeschalteter Nebelmaschine.

Content, Influencer, Brr, Blabla und Plam

Gehen euch einzelne Wörter manchmal auf die Nerven? Hasst ihr einige vielleicht sogar? Wenn man Begriffe wie Content und Influencer im ganzen Netz muten (also ausblenden) könnte, würde ich es tun. Dann bliebe allerdings nicht mehr viel von den Artikeln, Blogbeiträgen, Tweets und Posts übrig. Denn gleichgültig, auf welcher sozialen Plattform man sich bewegt und welche Online-Magazine man bevorzugt – alles ist mit diesen Worten vollgestopft. Buzzwords, Keywords …. Da wird mir ganz brrrrr. Schreibt doch direkt Blabla oder Plam.

Arbeitest du noch - oder erstellst du schon Content?

Begriffe, die jeden normalen Leser nahezu irre machen…. Ich habe nämlich kürzlich bei Twitter festgestellt, dass ich keine Ausnahme bin. Immer mehr netzaffine Menschen scheinen von Buzzwords gelangweilt, wenn nicht sogar angewidert zu sein. Hey, ihr schlauen Leute da draußen, deren Beruf mit Buzzwords verschmolzen zu sein scheint: Wir mögen Euch und zweifeln nicht an Eurer Kompetenz, sonst würden wir Euch auf Twitter & Co gar nicht folgen. Nur haben wir allmählich genug von dieser Buzzword-Flut. Gebt es doch mal zu, Ihr könnt diese Worte langsam auch nicht mehr sehen. Wenn uns beim Lesen schlecht wird, muss es Euch beim Schreiben bestimmt mindestens genauso übel gehen. Immerhin befasst Ihr Euch seit Jahren damit.

 

INFLUENCER-CONTENT-BASHING

 

Im Studium sprachen wir häufig von Multiplikatoren. Buuh, denken jetzt manche, weil es kein englischer Begriff ist, aber immerhin musste dabei niemand an eine Krankheit denken. Heute ist überall von Influencern die Rede.

Manche verstehen das als Oberbegriff und teilen Influencer in zwei Gruppen: a) Multiplikatoren und b) Meinungsmacher (absatzwirtschaft). Dabei sind beide Begriffe häufig deckungsgleich. Mir scheint, wir erhalten immer mehr überflüssige neue Namen für längst Bekanntes, das bereits einen Namen hat. Nun klingen die englischen Wörter aber viel schöner, oder? Pustekuchen! Nichts klingt gut, wenn man es zu oft liest. Essen wir eine Woche lang dreimal täglich Schokoladenpudding, werden wir es danach nicht einmal mehr sehen wollen. Und wenn dann jemand „Pudding“ sagen würde, zöge sich in uns alles zusammen. Brechreiz. Begrifflichkeiten erzeugen Befindlichkeiten.

 

Schlimm ist vor allem, dass da so gut wie nie etwas Neues zu lesen ist. Zu Content dürfte nun wirklich schon alles gesagt und geschrieben worden sein. Content, Content-Marketing, Content-Management … bis hin zu Content-Vandalismus (golem). Da darf man nach einigen Jahren auf Durchzug schalten. Vorsichtig ausgedrückt. Von der Politikverdrossenheit zur Contentverdrossenheit.

 

VIELE FLIEGEN AUF KACKE

 

Doch kommen wir auf die Influencer zurück. Das sind Menschen, die viele andere Menschen beeinflussen (können). Und lassen wir uns nicht alle grundsätzlich gerne von anderen beeinflussen? Manipulieren? Da kennt man einen netten Blogger, liest seine Texte, vertraut vielleicht sogar auf seine Meinung – und dann wird er als Influencer entdeckt. Okay, ob er dann trotz schöner Geldsummen immer noch so vertrauenswürdig bleibt, ist eine Frage für sich und hängt von vielen Faktoren ab. Noch blöder ist nämlich, dass diese Influencer gar nicht intelligent oder (in echt jetzt) nett sein müssen. Vergessen wir also unseren kompetenten und authentischen Blogger von eben. Denn dieser hat vielleicht gar nicht genug Leser, um als Influencer erkannt zu werden. Was zählt, sind nunmal die Followerzahlen. Egal, wofür Influencer bekannt sind, entscheidend ist lediglich, wie viele Leute sich deren Kram anschauen, anhören oder durchlesen. Dabei müssen sie gar nichts Sinnvolles tun.

Wenn beispielsweise jemand einen Pupskanal führen und mit der Sammlung seiner Fürze viele Klicks generieren würde, wäre ganz schnell Kaffee- oder Bohnenwerbung auf seiner Seite zu sehen. Kurze Zeit später käme Werbung für Mittelchen gegen Verstopfung und Durchfall hinzu. Eine eigene TV-Show? Nicht ausgeschlossen. So läuft das. Das ist in meinen Augen Kackkram.

Vergesst Niveau und Relevanz. Vergesst Können und Anspruch. Es zählen Oberflächlichkeiten. Mehr Schein als Sein.

 

MIST IST GOLD WERT

 

Besonders spannend wird die Sache übrigens, wenn renommierte Verlage und sonstige Unternehmen aus diesem Kackkram Gold zu machen versuchen. Sie haben da etwas gewittert. Kein Wunder – haben Haufen so an sich. Wo sie aber früher weggeschaut oder vielleicht amüsiert hingeschaut und sich gewundert hätten, wie man mit Mist so viele Menschen erreichen kann, möchten sie heute mitmischen – ohne sich dreckig zu machen. Und weil ihre Finger nicht nur sauber bleiben, sondern strahlen sollen, wagen sie den Versuch, den Mist schön zu verpacken und höher zu heben, damit er glänzt. Warum nicht aus Schminktipps Bücher machen? Vielleicht intermedial? Die YouTuberin, die nicht weiß, wann sie zum letzten Mal ein Buch (mit kleinen Buchstaben, ohne Bilder) gelesen hat, weil sie nunmal nichts so gut kann wie Lidschatten aufzutragen, wird zur professionellen Beauty-Beraterin mit dem ultimativen (Ausmal?-)Buch für …. ihre Zielgruppe. Ja, Zielgruppe ist auch ein Wort, das NIEMALS mehr aus unserem Sprachschatz verschwinden wird. Es ist existenziell wichtig. Mindestens.

 

FAZIT: Wer sich im Studium über das stupide Lernen von Fachbegriffen ärgert oder das Vokabular von Medizinern beschimpft, sollte mal ins Neuland schauen. Hier im Netz ist es viel schlimmer. Und ich verrate euch noch etwas: Besonders genervt ist man von diesem Influencer- und Content-Gedöns, wenn man versteht, worum es dabei geht. Denn dann weiß man, dass sich alles auch ohne diese Begriffe sagen lässt – und ohne viel Aufwand. Brrr. Blabla. Plam.

 

Lesbares:

Mein erstes BarCamp: #bcko16

„Das Besondere an euch BarCamp-Teilnehmern ist, dass ihr alle so locker und menschlich seid. Für uns ist es eine der angenehmsten Veranstaltungen des Jahres“, vertraute mir eine Servicekraft im Koblenzer Zentrum für Gesundheit und Ernährung an, in dem das zweite BarCamp Koblenz (#bcko16) stattfand.

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Die BarCamp-Sticker waren sehr gefragt.

Spannende Menschen, nette Gespräche, bemerkenswerte und gut ausgestattete Räumlichkeiten der HWK Koblenz sowie gute Verpflegung. Ob Organisator, Servicekraft oder Administrator – sie alle waren kooperativ und zuvorkommend. Wie hätte man sich da nicht wohlfühlen können?

Doch was auch immer ich hier schreiben mag, stets wird jemand dabei zu kurz kommen. Daher nehme ich eines vorweg: Das BarCamp hat mich mit vielen sympathischen und klugen Menschen zusammengebracht. Auf den weiteren Austausch mit ihnen freue ich mich schon.

 

BarCamps bedeuten spannende Begegnungen

Es ist nicht einfach die Stimmung eines Events zu beschreiben. Ich möchte es daher am Beispiel von Christoph Krause tun, der zu den Organisatoren des BarCamps gehörte. Wir hatten uns nie zuvor (im realen Leben) gesehen, dennoch konnte ich mit ihm sprechen, als seien wir uns schon länger bekannt. Kurz und zwischendurch, aber total unkompliziert. So ging es mir auch mit anderen Bekannten aus dem Netz und ganz neuen Kontakten: Wir verstanden uns mühelos.

„Hallo, mein Name ist Anja. Ich lese dein Blog und war eben in deiner Session.“ (Mit diesen Worten überraschte mich Anja von kindinkoblenz.)

Da ich Euch nicht mit langen Dankesreden langweilen möchte, weise ich nur kurz darauf hin, dass wir Teilnehmer wunderbar verköstigt wurden – mit Frühstück, leckerem Mittagessen, am Abend mit Burgern, Bier, Cocktails und allem, was man brauchte. Ich habe das sehr genossen. (Immerhin musste ich an den Tagen nicht selbst kochen.) Der Kaffee war gut, die Gespräche bei den Mahlzeiten inspirierend und die Atmosphäre einfach nur schön.

(Der Snap´n´Walk, den wir am zweiten Tag unternommen haben, war – im wahrsten Sinne des Wortes – erfrischend.) 

Jede Session hat etwas zu bieten

Damit wären wir schon beim wichtigsten Punkt: Die Sessions waren so interessant, dass ich von einer zur nächsten eilte und bis auf die Mittagspause kaum Zeit für längere Gespräche fand. Bestimmt habe ich einige spannende Themen verpasst, weil ich mich immer zwischen zwei oder drei Sessions entscheiden musste, die parallel stattfanden. Hinzu kommt, dass ich während meiner beiden Sessions natürlich nicht zeitgleich woanders sein konnte. Daher entschied ich mich a) für Themen, die mir zwar nicht fremd waren, über die ich aber unbedingt mehr wissen wollte (u.a. Pinterest und Storytelling) und b) Themen, mit denen ich mich noch nicht nennenswert befasst hatte – wie zum Beispiel Cardboard und Snapchat. Gerne hätte ich auch Roboterjournalismus, 4D-Druck, die Comedy-Session und viele weitere Vorträge besucht, aber vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal. Oder man sieht und unterhält sich auch mal so? Jedenfalls haben mich alle Sessions an Wissen bereichert. Denn jede(r) hatte Ahnung vom eigenen Thema und gab das mit Leidenschaft weiter. Ein tolles Erlebnis!!

Schaut über Euren Tellerrand – geht zu BarCamps

Glücklicherweise können viele der BarCamp-Teilnehmer exzellent fotografieren. Unter #bcko16 findet Ihr die vielen(!) Tweets zur Veranstaltung, sowie Links zu Fotogalerien. Auch haben bereits andere Blogger über dieses Event geschrieben – die entsprechenden Links setze ich ans Ende meines Textes. Schaut Euch alles an, lest und macht auch mal bei einem BarCamp mit. Ihr müsst keine Session halten, aber ich empfehle es Euch. Das war mein erstes Mal auf einer Unkonferenz, und dennoch habe ich einen Vortrag gehalten. Was einigen als Größenwahn vorkommen mag, halten andere für großartig und mutig. Beides stimmt. Vermutlich. Doch was kann Euch denn schon passieren? Vielleicht kommen nur wenige zur Session, weil sich nicht viele für Euer Thema interessieren. Möglicherweise bekommt ihr ein großes Publikum, aber nicht alle stimmen Euren Thesen zu. Na und? Ihr seid die Experten für Euren Vortrag und könnt ihn gestalten wie Ihr wollt. Abgesehen davon, erweisen sich Meinungsunterschiede nicht selten als Fortschritt – weil man plötzlich aus einer neuen Perspektive auf etwas gut Bekanntes blicken muss. Ich hatte auch keine Ahnung, was mich erwarten würde, bekam aber sehr positives Feedback (und werde aufgrund der Nachfragen meine Folien online bereitstellen).

Solche Erfahrungen tun gut und man entwickelt sich weiter. Außerdem ergeben sich bei derartigen Treffen neue Ideen. Von Gesprächen mit den Anwesenden angeregt, führten Stephan Mahlow und ich am zweiten Tag des BarCamps eine Gesprächsrunde mit Unternehmern, Bloggern & Co aus der Region, die etwas für die Vernetzung dieser Region tun möchten. Es wird sich noch zeigen, wohin uns der Austausch führen wird, aber ich bin ganz zuversichtlich.

Fazit: Das BarCamp Koblenz rockt!!

Meinungen anderer Teilnehmer:

P.S.: #bcko16 stand bei Twitter zeitweise sogar auf Platz eins.

 

Emoji-Wahn: Wörter waren gestern

Glaubt Ihr, es wird mal ein Online-Magazin ohne Worte geben?  Blogger, die nur mit Symbolen arbeiten? Ganz ohne Buchstaben? Irre Vorstellung und daher nicht auszuschließen. Linguisten sind sich in der Frage, ob Emojis eine positive oder negative Auswirkung auf die Kommunikation haben und eventuell sogar eine neue Sprache daraus entstehen wird, uneinig.*

Emoticons kennen wir schon lange, doch seit sämtliche Massanger immer mehr Emojis anbieten, gewinnt das Thema an Bedeutung. Wenn man sie gerade mal nicht sieht, hört man jemanden darüber sprechen. Und jeder hat Vorschläge für neue Emojis. Ihr glaubt mir nicht? Dann schaut mal:

Carolin Kebekus bedauerte kürzlich bei Twitter, dass es für ihr Lieblingsessen noch keine passenden Bildchen gibt:

 

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Jahnkes Emoji für „Gute Laune“ oder auch als Antwort auf die Frage: Was machst du gerade?

Da ist ihre Kollegin Gerburg Jahnke wesentlich weiter. Sie hat eigene Ideen für neue Emojis nicht nur ausgearbeitet, sondern die Ergebnisse in ihrer Sendung LADIES NIGHT bereits vorgestellt. Und – haltet Euch fest – man kann die „offiziellen Ladies-Night-Emojis“  hier downloaden. Die öffentlich-rechtlichen Sender geben Gas.

Glaubt nun bloß nicht, das Thema beschränke sich allein auf die Kabarett- und Comedy-Szene. Auch in öffentlichen Reden, die nicht im Zusammenhang mit Humor stehen, kommen Emoji-Vorschläge vor. Sascha Lobo präsentierte in seinem Vortrag auf der re:publica dieses Jahr ein passendes Emoji zum von ihm mit neuer Bedeutung belegten Wort „Trotzdem“:

Außerdem fordert er ein Anti-Ironie-Emoji als Abgrenzung zur „Dauerscherzkultur“. Doch auch das ist noch nicht alles. Denn zur Freude aller Emoji-Liebhaber und -Kritiker, gibt es jetzt (ganz neu) dieses Musikvideo der schwedischen Band Peter Bjorn and John:

Peter, Bjorn & John »What you talking about?« (Director’s Cut) from A NICE IDEA EVERY DAY on Vimeo.

Lesetipp:

*Emoji – Entstehung einer neuen Sprache ohne Worte? (Technische Uni Dresden)

Emojis. Firlefanz oder neue Geheimsprache? (Stuttgarter-Zeitung)

Emojis: Wie Bildzeichen die Kommunikation verändern (Goethe Institut)

Berufswahl? Hauptsache glücklich.

Bewundert Ihr auch gerne, was Eure ehemaligen Schulkameradinnen und Kameraden inzwischen machen? Ich finde das faszinierend. Wir sind alle so unterschiedliche Wege gegangen, dass es wirklich spannend ist zu sehen, wer welchen Beruf ergriffen hat, wer ins Ausland gezogen ist oder gar an unserer ehemaligen Schule als Lehrer arbeitet. Ich habe fünf Schulen (in zwei Ländern) besucht und damit eine Menge sowohl herzliche als auch weniger nette Menschen kennengelernt.

Wenn man genauer hinschaut, ergeben sich daraus manchmal ganz lustige Geschichten. Zum Beispiel sitzen einige meiner alten Mitschüler*innen, die besonders gerne Beamtenwitze erzählten, inzwischen selbst hinter den Schreibtischen beim Amt. Mein Klassenkamerad, der sich beklagte, weil er nie von unserem (beliebten) Philosophielehrer ausgewählt wurde, um eine Unterrichtsstunde zu halten, ist inzwischen selbst Lehrer. Er ist allerdings nicht der Einzige. Den Lehrerberuf haben erstaunlich viele ergriffen. Weiterer Fun Fact: Ein Mitschüler, der nach seinem geisteswissenschaftlichen Studium keine Arbeitsstelle finden konnte, berät jetzt Arbeitslose und hilft ihnen, eine Stelle zu finden. Auch schön zu sehen ist, dass manche tatsächlich den Job ausüben, den sie sich schon im 5. Schuljahr als Ziel gesetzt hatten.

Neben Juristen, ITlern und anderen Berufsgruppen, gehen einige sogar mehreren Jobs parallel nach. Typisch neue Berufswelt. Ein Teil der Leute von früher ist in der Wirtschaft oder Wissenschaft tätig und bereist die Welt. Andere haben einen ganz anderen Weg gewählt und sind in den Bereichen Kunst und Medien aktiv. Schauspielerin, Kameramann.. Ich liebe es, mir ihre Werke anzusehen oder sie in Aktion zu erleben und zu wissen: Mit ihm/ihr bin ich mal zur Schule gegangen. Wenn ich eine alte Freundin als Schauspielerin im TV sehe oder einen Kommilitonen in einer Gameshow wiedererkenne und ihm die Daumen drücke, ist das vergleichbar mit einem Sieg bei der Fußball-EM. Vielleicht liegt es daran, dass wir nicht in Berlin – wo inzwischen viele von uns leben – die Schulbank gedrückt haben, sondern in einer deutlich weniger bekannten, aber viel schöneren Stadt: Koblenz. Dann denke ich nämlich: Schaut her, Koblenzer haben was drauf!

Umso mehr freue ich mich, dass mein alter Schulkamerad Axel einen Film über die wunderschöne Stadt an zwei Flüssen gemacht hat. Der fröhliche Kerl hat eine Firma auf die Beine gestellt, die sich mit ihren Filmen einen Namen gemacht hat: NANDOO.

Das Video ist von 2015, aber es kam mir jetzt wieder in den Sinn, weil ich kürzlich das Making Of davon gesehen habe. Während also viele von uns nicht mehr in Koblenz, sondern in deutschen und ausländischen Metropolen leben, können wir uns in den sozialen Netzwerken miteinander austauschen und uns gemeinsam zum Beispiel dieses Video anschauen. Das empfinde ich als sehr schön.

Und wie seht Ihr das? Habt Ihr noch Kontakt zu Leuten, mit denen Ihr die Schulbank gedrückt habt?

 

#KulturImWandel: Über Diversität und Toleranz

Bei #KulturImWandel handelt es sich um das anspruchsvollste Thema, mit dem ich mich jemals im Rahmen einer Blogparade beschäftigt habe. Es ist so komplex und interessant, dass man eine umfangreiche wissenschaftliche Arbeit darüber verfassen könnte. Damit kann ich hier im Blog verständlicherweise nicht dienen und halte daher Axel Kopps Idee, eine Blogparade – also eine Ansammlung vieler Texte mit unterschiedlichen Schwerpunkten – daraus zu machen, für spannend und sinnvoll.

Beim Stichwort Kultur denken viele von uns an die hohe Literatur, Theater, Museen und Kabarett. An Orte, an denen man Gehobenes erlebt und sich schlimmstenfalls höllisch langweilt. Für nicht wenige ist Kultur abstrakt. Wie seltsam mag dann die Frage nach der Wirkung von Migranten auf unsere Kultur klingen! Menschen mit Migrationshintergrund sind doch inzwischen Alltag, die sieht man überall – werden nicht wenige denken. Stimmt, und Kultur findet auch im Alltäglichen statt. Unser Leben beeinflusst die Kultur und sie beeinflusst wiederum uns. Krass. Wenn wir also vom Wandel in der Kultur sprechen, dann fängt dieser mitten unter uns an.

Eine kurze Antwort ist nicht möglich

Kurz und einfach formuliert würde meine Antwort lauten: Migranten verändern unsere Kultur, indem sie eigene – uns zunächst fremde – Traditionen, Erfahrungen und Lebenseinstellungen sowie Sichtweisen mitbringen und sich bestenfalls auch auf unsere einlassen. Sie, die Migranten also, passen sich dem Leben hier an, ohne ihr altes Leben ganz aufzugeben. Wir lernen von ihnen und sie von uns. Niemand braucht dafür sich selbst aufzugeben. Gemeinsam schaffen wir hier und da etwas Neues. Künstler tun das. Künstler sind Menschen – und jeder von uns ist sein eigener Lebenskünstler. Klingt gut? Theoretisch könnte es so schön und einfach sein, ist es aber nicht.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Charakter – mancher ist offen für Neues, mancher nicht. Bei Migranten spielt die Mentalität auch eine große Rolle. Das weiß jeder, der in einer multikulturellen Familie oder Beziehung lebt. Zwei Menschen zusammen sind schon eine komplizierte Angelegenheit, wenn sie zusätzlich kulturell unterschiedlich geprägt sind, wird es deutlich schwieriger. Kein Wunder also, wenn kulturelle Unterschiede in einer Gesellschaft nicht nur bereichernd sind, sondern auch eine Menge Konfliktpotenzial in sich tragen.

Beim Kochen gilt: Je mehr Zutaten du hast, desto reichhaltiger kann die Mahlzeit werden. In Bezug auf unsere Kultur denken wir das nicht. Immerhin haben wir ja schon eine und müssen keine neue zubereiten. Außerdem würden wir uns dann nur die erlesenen Zutaten aussuchen, um sicherzustellen, dass die Speise am Ende tatsächlich schmeckt. Kultur funktioniert jedoch anders. Mal davon abgesehen, dass sie nicht stillhält, sondern in Bewegung bleibt, können wir uns nicht alles aussuchen, sondern müssen zusehen, dass aus dem, was da ist, etwas Gutes entsteht. Genau das zeichnet auch einen guten Koch aus. Ihr merkt, woran das Beispiel hapert? In der Kultur gibt es keinen Entscheider, der sagt wo es langgeht. Zum Glück, eigentlich. Doch politischen Entscheidungen kommt durchaus eine bedeutende Rolle zu, da sie sich nicht zuletzt auf die Stimmung im Land auswirken und das Miteinander beeinflussen können.

Warum kann die Sache nicht so einfach sein?

Spätestens seit die Flüchtlingspolitik auf der Tagesordnung steht, sind Reaktionen in der Bevölkerung zu beobachten, die sich vorher überwiegend unterschwellig abspielten. Menschen bemängeln ihre eigene soziale Situation, fühlen sich von der Politik unfair behandelt und äußern Sorgen um die (abendländische) Kultur. Ihre Bedenken – und ich meine damit keine ohnehin längst radikal gestimmten Menschen – werden als Hysterie, Dummheit und Fremdenfeindlichkeit abgestempelt und wie ein lästiges Dokument beim Amt in eine dunkle Schublade gesteckt. Was man wegpackt, muss nicht bearbeitet werden. Eine erbärmliche Vorgehensweise, die fatal für unsere Kultur ist. Wir wissen, dass immer mehr Menschen in unser Land kommen werden, deren Sozialisation sich stark von unserer unterscheidet. Viele von ihnen haben möglicherweise ein ganz anderes Weltbild, leben uns fremde Traditionen und sprechen nicht unsere Sprache. Mit ihnen kommen zweifellos große Herausforderungen auf uns zu – finanziell und menschlich.

Wir wissen zugleich, dass es in Deutschland schon vorher mehr als genug Probleme gab: Kinderarmut, soziale Ungerechtigkeit (z.B. gegenüber Alleinerziehenden und ganzen Berufsgruppen), Steuerhinterziehung durch Wohlhabende (während der kleine Bürger sich dämlich zahlt) …. Wer sich zudem schon vor Jahren mit den „einfachen Bürgern“ unterhielt, konnte schnell feststellen, dass sich diese von der Politik benachteiligt fühlten und den Eindruck hatten, Ausländer hätten es leichter. Ich habe das vor allem in Gesprächen über die Schule und Ausnahmesituationen wie Hochwasser beobachtet. „Mein Kind hat Probleme beim Lesenlernen, darf aber nur am schulischen Förderunterricht teilnehmen, wenn wir es ärztlich testen lassen. Alle Kinder, deren Eltern oder Großeltern irgendwann aus dem Ausland nach Deutschland kamen, dürfen automatisch zum Förderunterricht – wegen Migrationshintergrund“, beklagte sich mal eine junge Mutter bei mir. Eine ältere Dame erzählte, wie schwer ihre Familie einst vom Hochwasser geschädigt war. Alles hatten sie neu besorgen müssen, aber den Nachbarn nebenan hatte man kostenlos eine neue Waschmaschine und andere Geräte gebracht – „weil Menschen mit Migrationshintergrund entlastet werden müssten, hieß es damals“. Bis heute fühlt sich die Familie ungerecht behandelt. An dieser Stelle ist nicht entscheidend, ob all das hundertprozentig stimmt, sondern was es mit den Menschen macht. Sie erleben etwas, empfinden Benachteiligung, schließen ihre Rückschlüsse und prägen sich die negativen Gedanken ein. Mit Migranten verbinden sie Ungerechtigkeit und nehmen sich selbst in der Opferrolle wahr. Was wir in der Flüchtlingskrise erleben, ist lediglich die Zuspitzung dessen, was schon lange weniger auffällig wuchs. Der erste Schritt zur Vorbeugung einer Eskalation ist, sich mit diesen Problemen zu beschäftigen – also den Menschen zuzuhören, sich dem Stichwort Ungerechtigkeit zu stellen und zu fragen, wie man sich eine intakte tolerante Gesellschaft vorstellt.

Toleranz und Akzeptanz nützen einseitig nichts

Je mehr Menschen mit unterschiedlichem Background zusammenleben, desto mehr Toleranz und Akzeptanz ist vonnöten. Allerdings auf beiden Seiten! Das ist der entscheidende Punkt, in dem wir als Gesellschaft zu scheitern drohen. Was akzeptieren wir und was sollen bitte die anderen an uns akzeptieren? Ich habe den Eindruck, dass der zweite Teil dieser Frage in der Öffentlichkeit mit Intoleranz gleichgesetzt wird. „Wir müssen tolerant sein!“, heißt es so schön und schon backen die ersten Helferinnen arabisches Gebäck als Willkommensgruß für die Flüchtlinge. Eine nette Geste, oder etwa nicht? Und was hat das überhaupt mit unserem Thema zu tun? Nun, zunächst einmal ist gegen Aufmerksamkeit nichts zu sagen. Dennoch hat all das nichts mit Toleranz zu tun, sondern ist – in meinen Augen – Ausdruck eines Missverständnisses. Ein Teil der engagierten und ehrenamtlich tätigen Menschen hierzulande weiß nicht, wie es ist, in ein fremdes Land zu fliehen und tut im Grunde das, was den anderen vorgeworfen wird: handelt nach (positiven) Vorurteilen. „Wir müssen deren Kultur entgegenkommen“, hörte ich mal jemanden sagen. Mit Speisen nach den Rezepten aus ihrem jeweiligen Herkunftsland? Aber sie sind doch jetzt in Deutschland. Klingen meine Worte für Euch fremdenfeindlich? Glaubt Ihr an dieser Stelle, dass ich etwas gegen mir fremde Kulturen habe? Ich kann Euch beruhigen, dem ist nicht so. Als Neunjährige habe ich über ein Jahr lang mit Leuten unterschiedlicher Herkunft zusammengelebt und denke noch heute gerne an diese Zeit zurück. Ich habe erlebt, was Menschen, die neu in dieses Land kommen, denken und fühlen. Eines ist klar: Deutschland ist für sie wie das Paradies. Jedenfalls stellen sie sich das in ihrem Heimatland so vor. Das hat etwas mit den Medien zu tun, die sie konsumieren – und mit ihrer Fantasie bzw. mit optimistischen Klischees. Dann gelingt ihnen die Flucht. Sie kommen hier an und wollen dieses großartige Land erleben, es kennenlernen und sich hier ein neues Leben aufbauen. Essen aus ihrer Heimat können sie sich früher oder später selbst kochen. Was für sie viel interessanter ist, ist unsere Küche, unsere Lebensweise. Das möchten sie sehen – auch wenn sie es später nicht unbedingt so übernehmen. Aber das Unbekannte und Neue ist genau das, weshalb sie hierher kommen. Das Deutschland, zu dem viele Deutsche nicht stehen. Das Deutschland, zu dem sich die meisten meiner Generation nicht bekennen wollen, weil sie glauben, die Fehler ihrer Ahnen sühnen zu müssen. Sie wollen nicht stolz auf dieses Land sein. Die Fremden hingegen, die in ihrer Heimat ein paradiesisches Bild von Deutschland hatten, verstehen das nicht. Ich beobachte, dass ein großer Teil der Leute, die zum Beispiel in den 90ern aus dem Osten oder Süden Europas in die BRD kam, viel offener zu diesem Land steht, als Deutsche ohne Migrationshintergrund. Je integrierter sie sind, desto mehr sorgen sie sich aktuell um die hiesige Kultur. Warum? Weil sie wissen, dass Anpassung und gegenseitiges Lernen, Toleranz und Akzeptanz keine Selbstverständlichkeit sind. Ihnen ist klar, dass jeder seine eigenen Traditionen mitbringt und es am Einzelnen liegt, ob er dazu bereit ist, einen Teil davon zugunsten der hiesigen Traditionen möglicherweise aufzugeben oder zu verändern und sich überhaupt für die deutsche bzw. europäische Kultur zu öffnen. Jeder, der einst selbst diesen Weg gegangen ist, weiß, welche Herausforderungen sich ergeben und ist nicht grundlos besorgt.

Ich halte es für essentiell, für Realismus auf beiden Seiten zu sorgen: „Neuankömmlingen“ sollte verständlich gemacht werden, dass es auch hierzulande arme Menschen gibt und Deutschland auch für Deutsche kein Paradies ist, sondern sich jeder hart sein Brot verdienen muss und deshalb manche nicht Hurra rufen, wenn noch mehr Hilfsbedürftige ins Land kommen. Für die deutsche Bevölkerung wiederum ist es wichtig zu sehen, dass sie – vor allem diejenigen, denen es ohnehin nicht gut geht – durch die Unterstützung von Migranten nicht noch mehr benachteiligt oder gar vergessen werden.

Wie stehen bereits integrierte Migranten zu diesem Thema?

In TV-Talkshows wie dem Kölner Treff habe ich häufig Prominente mit Migrationshintergrund sagen gehört, sie seien für den Blick von außen dankbar. Nazan Eckes – um nur ein Beispiel zu nennen – erklärte, dass sie Deutschland und die hiesige Kultur sowohl von innen heraus kennt, als auch von außen (aus türkischer Sicht) darauf blicken kann und dies für eine Bereicherung hält. Ich verstehe das gut. Wer aus mehreren Perspektiven darauf schaut, weiß nämlich auch, wie wertvoll unsere vielfältigen Besonderheiten sind. Man hat sowohl die Schwächen als auch die Stärken eines Landes besser in Sicht und sieht die Unterschiede sowie die Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen beider (oder mehrerer) Länder. Wie sich die kulturelle Kombination auf ihr persönliches Leben auswirkte, erzählte die TV-Moderatorin mal in der Sendung Bettina und Bommes.

Als nach den schlimmen Ereignissen in der Kölner Silvesternacht Bettina Böttinger einen Live-Talk mit dem Titel „Nach Köln: Was muss sich ändern?“ moderierte, fiel mir genau das auf, was ich auch im Alltag wahrnehme: Die Mehrheit der Deutschen sprach sich für Toleranz aus, während die Migranten mehr Anpassung seitens neuer Zuwanderer verlangten. Konkret: Im Publikum saßen überwiegend deutsche Bürger und Bürgerinnen, die für mehr Toleranz gegenüber Flüchtlingen und Ausländern im Allgemeinen plädierten. Irgendwann meldete sich ein junger Marokkaner zu Wort und stellte klar: In Marokko würden sich diese Kriminellen gar nicht trauen zu stehlen, weil die Strafen dort viel härter sind. In Deutschland ist das alles zu lasch und sie lachen nur darüber. Hier sollte es härtere Strafen geben! (Ich habe das jetzt in meinen Worten wiedergegeben, aber wer sich das Video anschaut, wird wissen, dass es sich inhaltlich deckt.) Kurz: Während die Front der Deutschen Toleranz für Rücksichtnahme einstand, verlangten Migranten nach härteren Gesetzen und konsequenter Bestrafung. Denkt mal darüber nach, welche der beiden Seiten wohl besser einschätzen kann, was notwendig ist. Eine tolerante Gesellschaft, die unterschiedliche Kulturen in sich trägt, kann nur funktionieren, wenn für alle gültige Regeln bestehen und diese von allen Seiten eingehalten werden. Mir scheint, dass viele Menschen diesen Grundsatz mit Intoleranz verwechseln – und gleichzeitig die eigene Kultur, in der sie aufgewachsen sind, ablehnen. Da ist unfassbar viel Gesprächsbedarf auf allen Seiten.

Wurzeln sind wichtig – und Vielfalt ist schön

Blicken wir zurück in die Küche. Nicht alle Zutaten passen zusammen. Dennoch hat sich im Laufe der Jahre herausgestellt, dass Erdbeeren und Pfeffer ein besonderes Geschmackserlebnis bieten und Buttermilch mit Zitronengeschmack keinen Brechreiz auslöst. Klar, ist alles Geschmackssache, aber grundsätzlich ist vieles möglich und stellt sich im Nachhinein als eine Bereicherung für den Gaumen heraus.

Theoretisch können wir durch die Erweiterung unseres Erfahrungs- und Kulturschatzes viel dazugewinnen, allerdings nur, wenn man von uns nicht verlangt, dass wir einen Teil unseres alten Schatzes wegwerfen. Ich liebe die vielfältige deutsche Kultur. Die regionalen Besonderheiten, die sich nicht unbedingt nach den Bundeslandgrenzen richten, sind wertvoll. Dialekte, diverse Traditionen – all das zeichnet dieses Land aus. Ich möchte nichts davon missen, sondern wünsche mir, dass alle Menschen, die hierher kommen, sehen, was uns als Land ausmacht. Unsere Feste haben bereits Namen – sie zu ändern, damit Migranten sich nicht daran stören, halte ich für irrsinnig und bezweifle, dass irgendein Migrant das wirklich möchte. Zum Thema Sonne-Mond-und-Sterne habe ich mal unter dem Titel „Ist St. Martin out?“ gebloggt und viel Zustimmung erhalten.

Wenn wir unsere Kultur leben und andere Menschen (wie Migranten) daran teilhaben lassen, werden sie bestenfalls einen Teil davon übernehmen, ihren eigenen kulturellen Background erweitern und unserem mehr oder weniger anpassen, was wiederum unsere Kultur durch ihre neuen Impulse bereichert. Das funktioniert aber nur dann, wenn wir Toleranz nicht mit Verleumdung der eigenen Kultur verwechseln, sondern unsere eigenen Traditionen kennen und schätzen. Die Türen nicht verschließen, aber gewisse Anpassung fordern und zugleich offen für kulturellen Austausch sind. Darin besteht kein Widerspruch. Bloß einfach ist das alles nicht. Vor allem, weil keine allgemeingültige Einverständnis darüber besteht. An diesem Punkt spielen sowohl Politik und Medien als auch jeder Einzelne von uns (als Vorbild) eine bedeutende Rolle. Im Alltag prägen wir „kleinen Leute“ die neuen Ankömmlinge und deren Einstellung unserem Land gegenüber. Ihr Verhalten beeinflusst wiederum unser Gesamtbild von ihnen. Beides ist verständlich und zugleich unfair, weil sowohl sie als auch wir von wenigen Menschen auf ganze Bevölkerungsgruppen schließen. Das lässt sich jedoch nicht verhindern und muss uns allen daher klar sein.

Was bedeutet das für die Kunst?

Die Herausforderungen, mit denen Europa und in unserem Fall speziell Deutschland zurechtkommen muss, sind prädestiniert dazu, künstlerisch verarbeitet zu werden. In den kommenden Jahren werden gewiss spannende Kunstwerke zum Thema Flucht und multikulturelle europäische Gesellschaft zu bestaunen sein. Ausstellungen, Bücher – wir werden es in vielfacher Form erleben (manches gibt es bereits). Ob das speziell gefördert werden muss? Diese Frage können Fachleute besser beantworten. Ich denke, dass wir alle Kids fördern müssen – Migranten UND Kinder aus Familien ohne Migrationshintergrund, weil auch sie etwas zu erzählen haben.

Einige Museen bieten Flüchtlingskindern die Möglichkeit, in ihren Räumen zu malen und auf diese Weise traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Das ist großartig. Langfristig halte ich es für sinnvoll, keine Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Gruppierungen zu machen. Wenn Kindergärten und Schulklassen die Angebote kultureller Einrichtungen wahrnehmen, bauen sie damit die Scheu vor derartigen Besuchen ab. Dann sind Theater und Co. den Kids nicht mehr fremd und sie gehen womöglich auch mit ihrer Familie hin.

Wer heute nach Deutschland kommt, kennt sich in der Regel mit dem Internet und den sozialen Netzwerken aus. Für kulturelle Einrichtungen bedeutet es daher, dass sie in diesem Bereich aktiv sein müssen, wenn sie die Menschen erreichen möchten. Das hat vielmehr mit Altersgruppen zu tun, denn mit Herkunftsländern. Wenn man Kids im Schulalter erreicht, werden sie als Erwachsene keine Berührungsängste mit dem Theater oder Museum haben. Die Vernetzung zwischen den jungen Leuten ist inzwischen so gut, dass sie beispielsweise ihre Besuche von kulturellen Veranstaltungen in Social Media teilen und die Kontakte darauf aufmerksam machen. Fördert man dies, erhält man mehr Reichweite und möglicherweise auch mehr Besucher. Hier und da gelingt es Kindern, ihre Eltern in Räumlichkeiten zu locken, die ihnen kulturell noch fremd sind und sie Überwindung kosten. Das ist jedoch bestimmt nicht die Regel. Daher halte ich es für deutlich komplizierter, erwachsene Migranten auf die hiesige Kultur aufmerksam zu machen und sie zum Mitwirken zu mobilisieren.

Als tolerantes Land (und das sind wir) können wir uns auf den Kopf stellen – wenn jemand sich nicht integrieren möchte, wird er es nicht tun. Will ein Erwachsener lieber nur Freunde haben, die seine Muttersprache sprechen, lebt er irgendwann in einer Subkultur innerhalb Deutschlands. Das ist schlecht für ihn und uns. Doch jeder von uns muss sich an die eigene Nase packen. Menschen, die sich auf der einen oder der anderen Seite verschließen, schaden der Kultur. Ich sehe es so: Kultur ist Bewegung und Bewegung ist Reibung. Auch ist entscheidend, wo und wie man bremst oder wohin man lenkt. Vorwärts.

#älterwerden: Sei kein Schwächling!

Das Leben istAltwerden ist keine Strafe und doch eine Last. Nein, ich fange lieber mit dem Belanglosen an. Bis vor etwa einem Jahr dachte ich noch, die Sache mit den Falten und grauen Haaren würde an mir vorbeigehen. Dann habe ich leider in den Spiegel gesehen. Zwei silberne Haare riss ich mir aus und wollte künftig damit fortfahren, bis mir ein Nachbar verriet, so habe es einst auch bei ihm angefangen. Der Mann hat eine Glatze.

Mit diesem Blogpost möchte ich mich an der von Frau Quadratmeter initiierten Blogparade #älterwerden beteiligen. Ich halte das für ein wichtiges Thema – in einer Gesellschaft, die von Selbstoptimierung und Oberflächlichkeiten nur so strotzt, zugleich aber immer älter wird. Älterwerden muss uns geradezu als Strafe erscheinen. Obwohl ich glaube, dass die Strafe vielmehr in dem Geschäft besteht, das mit unserem natürlichen Alterungsprozess gemacht wird. Die Industrie freut sich über unsere „Defizite“ und wir bezahlen sie dafür. Hach, ist das logisch. Aber das Leben hatte noch nie etwas mit Logik zu tun. Es ist hart. Glaubt Ihr etwa nicht? Natürlich meine ich damit keine Kleinigkeiten, komme Euch aber entgegen: Stimmt, Wechseljahre, Midlife-Crisis oder der Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und äußerem Erscheinungsbild sind früher oder später eine Herausforderung. Man fühlt sich jung und sieht alt aus, der Körper funktioniert nicht mehr wie gewohnt ….

80jähriger Mann: „Neulich war ich in Stuttgart meinen neuen Mercedes abholen. Meine Güte, war das entsetzlich. Um mich herum alles alte Leute!“

Gelenkbeschwerden, Krämpfe, Gleichgewichtsstörungen ….. Ehrlich gesagt sind mir mehr fitte alte Menschen bekannt, als junge Beschwerdefreie. Nehmt mir bitte nicht übel, was ich hier schreibe. Denn ich verstehe Furcht vor dem Alter und die Angst vor dem Tod. Oft genug habe ich derartige Gedanken von mir weggescheucht. Falls ich 50 Jahre alt werden darf, so werde ich mir dann vermutlich traurig vor Augen halten, die längste Zeit meines Lebens bereits hinter mir zu haben. Aber wer weiß, vielleicht ist das jetzt schon der Fall.

Jeder geht anders mit dem Altern um

Manche Menschen lassen ihr Umfeld an jeder unangenehmen Befindlichkeit teilhaben. Das tun sie vermutlich auch schon in jungen Jahren, wenn ein Pickel juckt. Einst stand ich am Krankenbett einer alten Frau, die sich nie über ihr Leben voller Schicksalsschläge beklagt hatte. Sie konnte zuletzt kaum noch sehen und gar nicht mehr sprechen. Ihr war klar, dass sie im Sterben lag, doch sie blickte mich an, hielt meine Hand und gab mir noch Zeichen, um eine Botschaft loszuwerden, bei der es nicht um sie, sondern uns Anwesenden ging. Ihr war selbst unter diesen Umständen nicht egal, was mit ihren Mitmenschen passiert. Ich hoffe, dass ich auch mal eine starke alte Frau sein werde.

Meine 92jährige Nachbarin ist anders – stark, aber selbstbezogen. Sie beklagte sich kürzlich bei mir: „Das Alter setzt mir sehr zu. Mir tut mein Zeigefinger weh.“ Mit 92!

Leid ist keine Frage des Alters

Ich bin seit einem Jahr immer wieder mal in der Kinderklinik und treffe dort auf Familien, deren Kinder Leukämie haben. Die hätten allen Grund zum Klagen. Manche Patienten sind Teenager, manche erst 2 Jahre alt oder noch jünger. Und sie haben mit den Nebenwirkungen der Chemotherapie zu kämpfen. Die Eltern und Kids wären froh, wenn ihnen nur ein Finger wehtäte.

75jährige Bekannte: „Die Schiffstour war eigentlich ganz schön. Aber die vielen alten Leute gingen mir auf die Nerven.“

Wie es uns geht, ob wir Schmerzen haben, vergesslich werden, körperlich oder seelisch erkranken, ist keine Frage des Alters. Zwanzigjährige, die die Diagnose Multiple Sklerose bekommen, Dreißigjährige mit schweren Depressionen, Krebspatienten …. Ich bin froh, nicht alle Krankheiten zu kennen, denn es gibt eine Menge Mist, den man kriegen kann. Und in jedem Alter ist das ein Schock. Vielleicht kann man sich mit 80 und mehr zumindest damit trösten, dass man ein ganzes Leben hatte und dass die Kinder schon erwachsen sind. Doch Hand aufs Herz: Kennt Ihr niemanden, der zu jung gestorben ist? Menschen, die vorher litten und Menschen die ganz plötzlich weg waren. Säuglinge, Kinder, Teenager und Erwachsene. Menschen, die leben wollten. Menschen, die fehlen.

Wir sind hier. Wir leben. Und wir haben Angst vor dem Kontrollverlust, vor Krankheit, Unglück …. vor der Endlichkeit unserer Selbst. Zeitgleich spielen todkranke Kinder lachend im Hospiz. Das Leben ist hart.

Rein theoretisch wissen wir alle, dass wir täglich dankbar dafür sein sollten, wenn wir morgens aus dem Bett aufstehen. Trotzdem vergessen wir das im Alltag. Ich habe keine Lust dabei mitzumachen, in den Spiegel zu schauen und mich über eine neue Falte aufzuregen. Mit 36 habe ich noch leicht reden und womöglich gar kein Recht, mich zu diesem Thema zu äußern, aber trotzdem: Wenn einem mal schlecht zumute ist und man aufs Altern schimpfen möchte, sollte man es wohl rauslassen und danach an diejenigen denken, die gerne alt geworden wären. Vielleicht hilft das ein wenig.

Familien und Gesellschaften brauchen alte Menschen

Möglicherweise werft Ihr mir nun vor, die Sache nicht ernst zu nehmen. Ein Irrtum. Ich denke beispielsweise, dass es schmerzhaft sein kann, den eigenen Eltern beim Altwerden zuzusehen. Um dieses Thema mache mich mir Gedanken. Zugleich weiß ich aber auch wie es ist, wenn geliebte Verwandte schon im Alter von 42 Jahren sterben und Kinder hinterlassen, die gerne ihre Eltern als Großeltern erlebt hätten.

Alte Menschen sind eine Bereicherung für uns alle. Wer kein Anteil an ihrer Lebenserfahrung nehmen will, nicht von ihnen lernen möchte, verpasst eine Menge. Ich habe als 15jährige Schülerin für einige Wochen Menschen im Altenheim besucht, damit sie jemanden zum Reden hatten. Natürlich war es bedrückend die Bettlägerigen zu sehen – Menschen, die gar nichts mehr selbst tun konnten und völlig ausgeliefert waren. Ein grausamer Zustand. Ich war freiwillig dort und daher froh, dass meine Aufgabe darin bestand, für die noch fitten Alten da zu sein. Sie waren einsam, ihre Familien weit weg. Traurige Situation. Sie brauchten nur jemanden zum Zuhören und freuten sich riesig, weil sie mir aus ihrem Leben erzählen konnten. Ich erklärte ihnen, dass es auch mir viel bedeutet und mich glücklich macht, bin mir aber nicht sicher, ob sie das glaubten. Sie konnten nicht wissen, dass mir meine Großeltern fehlten. Inzwischen lese ich in der Zeitung, dass Schulen derartige Projekte anbieten und kann es Jugendlichen nur empfehlen.

Weil Fuchsberger kein Feigling war

Das Buch des großartigen Joachim Fuchsberger trägt den Titel „Altwerden ist nichts für Feiglinge“. Ein Satz, in dem viel steckt. Die Lektüre habe ich noch nicht gelesen und lasse daher lieber den Schauspieler selbst zu Wort kommen:

Zum Abschluss möchte ich Euch eine lustige Szene aus meinem Leben erzählen. Eines meiner Kinder musste mal in die Klinik und teilte sich das Krankenzimmer mit einem 17jährigen Jungen. Ich war als Begleitperson anwesend und staunte nicht schlecht, als die Mutter des Teenagers in der Tür erschien. Mutter und Sohn sahen fantastisch zusammen aus. Sobald sie den Raum verließ, sagte ich zu ihm: „Wow, hast du eine junge Mutter! Das finde ich toll.“ Darauf er: „Jung?! Sie ist schon 38!!“ Das klang wie 100. Ich: „Das ist doch nicht alt.“ Er: „Oh doch!! (Pause) Wie alt bist du eigentlich?“ Ich (damals): „35.“

Für manche sind schon Dreißigjährige steinalt. Aber Spaß beiseite: Ich wünsche mir für unsere Gesellschaft mehr Respekt vor alten Menschen – und überhaupt mehr Wertschätzung im Umgang miteinander.

(Übrigens, der Titel ist nicht an Euch gerichtet, sondern an mich. Ich möchte kein Schwächling sein, bin mir aber nicht sicher, ob das klappt.)