Interview: Hier kannst du niemanden wegklicken

Die sozialen Netzwerke zeigen fortwährend, dass es hierzulande schlecht um die Gesprächskultur steht. Doch nicht nur Shitstorms, Hater oder andere Kommunikationsprobleme im Netz machen stutzig. Auch in Schulen und am Arbeitsplatz beklagen Lehrer und Vorgesetzte, dass es immer mehr Jugendlichen beziehungsweise Mitarbeitern an der Fähigkeit fehlt, sich tatsächlich auf Gespräche einzulassen, zu argumentieren und vor allem auch zuzuhören.

Der Salon ist ein Ort, an dem Sprachkultur gefördert wird.

Ich hatte das große Glück, den Zukunftsgestalter Franz-Josef König kennenzulernen, der sich aus Hingabe für die Gesprächskultur einsetzt. Vor 10 Jahren gründete er im Schloss Liebieg einen Salon und bietet dort seitdem Salongespräche an. Was das genau ist und warum ihm so viel daran liegt, obwohl er beruflich mehr als genug zu tun hat, habe ich ihn im folgenden Interview gefragt. #longread

Lächelnd im Interview

AK: Franz-Josef, erzähl uns bitte als Erstes, was ein Salon überhaupt ist.

FJK: Ein Salon hat eine lange Tradition. Die Salons wurden gegründet von Frauen der gehobenen Gesellschaft, um sich in guter Atmosphäre mit anderen unterhalten zu können. Früher war der Salon Treffpunkt für Menschen aus unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft, um sich über aktuelle Themen in der Gesellschaft und der Politik auszutauschen. Das ist auch die Idee, die mich inspiriert hat, vor zehn Jahren den Salon im Schloss zu gründen. Ich wollte diesen Gedanken wieder aufleben lassen und damit das gut wird, den Salon hier einrichten.

Im Salon geht es darum, dass man in eine Kommunikation mit den Menschen, die hier sind, einsteigt, Argumente austauscht, eine Meinung hat und diese hier auch vertritt.

AK: Also hast du dir diese Zeit bewusst dafür genommen, obwohl du ohnehin schon als Unternehmer viel um die Ohren hattest.

FJK: Ja, ich war oft in Kontakt mit Unternehmern und merkte, dass wenn man sich ein wenig näher kennenlernt, man sehr schnell auch über andere Dinge spricht – über Dinge, die die Menschen bewegen. Da habe ich mir gedacht: Warum kann man das nicht auch außerhalb von Businessgesprächen machen? Und so ist es dann dazu gekommen.

AK: Und jetzt machst du das seit fast zehn Jahren. Hast du im Laufe der Jahre eine Veränderung festgestellt? Wie hat sich das alles entwickelt?

FJK: Ja, ich habe in den 10 Jahren Veränderungen festgestellt, insbesondere im Kommunikationsverhalten. Ich erlebe, dass Menschen sich schwerer damit tun, miteinander ins Gespräch zu kommen – das mag im Zusammenhang mit der Digitalisierung sein – aber auch, dass Menschen mehr konsumieren möchten. Und hier im Salon geht es ja darum, sich aktiv einzubringen. Hier kann man nicht zuhören und sich vielleicht amüsieren, erstaunen oder beeindrucken lassen, sondern im Salon geht es darum, dass man in eine Kommunikation mit den Menschen, die hier sind, einsteigt, Argumente austauscht, eine Meinung hat und diese hier auch vertritt – zu einem bestimmten Thema, zu dem hierher eingeladen wird.

AK: Wenn du zurückblickst, gab es da Themen, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

FJK: Mich hat immer sehr beeindruckt, wenn es um persönliche Themen des Menschen ging. Also zum Beispiel „Krise als Chance“ ist so ein Thema gewesen. Das haben wir einige Male hier schon gehabt. Und es hat mich zum Teil sehr beeindruckt, wie Menschen in diesen Gesprächen berichtet haben von ihren persönlichen Krisen, von beruflichen Krisen und wie sie dann doch gestärkt aus diesen Krisen herausgegangen sind – und sich zum Teil völlig verwandelt haben, andere Menschen waren und andere Berufe ausgeübt haben. Dann haben wir einige Male über das Thema „Umgang mit Komplexität“ gesprochen. Und auch das hat mich immer wieder fasziniert – wie Menschen diese komplexe Welt, in der wir sind, erleben und wie sie sich darin verhalten.

Salonkultur zeichnet sich durch Werteorientiertheit, Redefreiheit und Verschwiegenheit aus.

AK: Das heißt, die Gesprächsteilnehmer gehen sehr aus sich heraus?

FJK: Ja, wir haben hier die Salonkultur, symbolisiert auch durch das Kreuz, das für die christlichen Werte steht, für Ethik. Dann durch den Narren, also die Narrenfreiheit – die Redefreiheit, die hier herrscht. Und die Schweigerose über der Tür, die besagt, dass alles, was im Raum besprochen wird, auch hier bleibt. Das ist die Salonkultur und wird vor jedem Gespräch nochmal erläutert. Immer wieder kommt es vor, dass sich Teilnehmer von Salongesprächen auf die Salonkultur beziehen, darauf hinweisen und sehr vertrauliche, persönliche Informationen über sich preisgeben.

AK: Und wie ist das Feedback der Teilnehmer, wenn sie vorher so viel über sich erzählt und ihre Meinung kundgetan haben? Kriegst du da Rückmeldungen?

FJK: Was ich durchweg immer wieder an Rückmeldungen höre, ist wie angenehm die Menschen die Atmosphäre im Salon einschätzen. Wie sie es genießen, beachtet zu werden, respektiert zu werden, dass jemand zuhört und auf ihre Argumente eingeht. Da es eine Atmosphäre ist, wo es nicht um das Ego geht. Wo es nicht darum geht, sich zu präsentieren und es nicht um eine persönliche Performance geht, sondern wo ich als Mensch so bin, wie ich bin und nicht irgendjemandem etwas beweisen muss.

AK: Das ist im Grunde das, was in unserer Gesellschaft zu fehlen scheint. Wenn man sich in die sozialen Netzwerke begibt und schaut, wie da miteinander kommuniziert wird, dann habe ich den Eindruck, täte so manchem ein Salongespräch gut.

FJK: Ja, ich halte es für unbedingt wichtig. Einmal natürlich, um den Menschen, für die das wichtig ist, die Möglichkeiten zu geben und den Raum zu schaffen und sowas anzubieten. Aber mittlerweile sehe ich auch den Salon als einen Ort, an dem Sprachkultur gefördert wird, überhaupt erlebbar wird. Ich glaube, manch einer, der hierhin kommt, wird vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt in so eine Situation kommen, wo in dieser Art und Weise, wie hier im Salon, miteinander umgegangen wird – in Respekt und Wertschätzung miteinander kommuniziert wird.

In dieser Atmosphäre können wir sehr respektvoll und wertschätzend miteinander kommunizieren – und das macht uns stark, um dann auch in anderen Situationen unsere Meinung zu vertreten.

AK: Ja, das kann ich bestätigen. Ich durfte ja auch schon dabei sein und habe das sehr genossen. Aber vielleicht erzählst du mal, wie so ein Salongespräch überhaupt abläuft.

FJK: Ein Salongespräch ist fast ein Ritual. Und ich glaube, dass das wichtig ist. Denn es bedeutet nämlich, dass Menschen, die einmal hier waren und wieder hierhinkommen, sofort wieder auch in diesem Spirit des Salons sind.

Es nehmen in der Regel sieben bis acht Gäste am Salongespräch teil. Mehr geht auch nicht und macht auch keinen Sinn, weil man sonst nicht miteinander kommunizieren kann. Als Erstes geht es also darum, die Geschichte, die Philosophie und die Kultur des Salons vorzustellen und dann stelle ich das Thema kurz vor, aber wirklich nur in einer halben Minute, um nicht gleich schon zu viel Input zu geben. Und dann wird jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin darum gebeten, sich persönlich vorzustellen und schon mal zwei, drei Hinweise zu geben, was sie oder ihn besonders an dem Thema interessiert. So macht es dann die Runde und ich nehme in dem Moment schon Argumente auf, höre was die Positionen der Teilnehmer zum Thema sind und greife das dann hinterher im moderierten Gespräch immer wieder auf. So ergibt sich eine lebhafte Diskussion, die ungefähr anderthalb Stunden dauert. Dazu gibt es immer Wein, natürlich Riesling hier aus der Region, und es gibt auch Wasser und Brot dazu. Die Kulinarik steht aber im Hintergrund.

Am Ende läute ich die Schlussrunde ein, es gibt noch einen Eintrag ins Gästebuch und seit einigen Jahren hat es sich eingebürgert noch eine Klangmeditation zu machen. Ich habe auch einen Meditationsraum hier im Schloss. Das ist dann nochmal ein kleiner Höhepunkt – zum Abschluss in einer Klangmeditation das Gespräch zu reflektieren und sich beschwingt auf den Heimweg zu machen.

AK: Würdest du sagen, dass das eine der Besonderheiten dieses Salons ist – die Klangmeditation danach?

FJK: Ja, ich glaube, das gesamte Paket, so nenne ich das jetzt mal, ist etwas Besonderes. Einmal den Salon hier zu erleben, einmal die Nähe zu erleben, die die Menschen zum Teil zu den anderen haben, die sie vorher nie gesehen haben – und trotzdem merkt man, da entsteht eine Verbundenheit. Das macht sicherlich der Raum hier und die Atmosphäre, in der wir hier sind. Und danach dann noch die Gongmeditation zu erleben, ist etwas ganz Besonderes. Mich sprechen manchmal Menschen an, die schon vor Jahren mal hier waren, das erlebt haben und sagen „Das ist mir immer noch präsent, dass ich damals diese Gongmeditation erleben durfte“.

AK: Wer sind die Gäste, die hierher kommen?

FJK: Dadurch, dass wir Menschen einladen, die in der Gesellschaft in irgendeiner Form Verantwortung übernehmen – ob es im Rahmen eines Unternehmens ist, einer Organisation, in einem Verein oder in einer Schule oder wo auch immer, sind es meist Menschen, die irgendeiner Verpflichtung nachgehen. Überwiegend geht es ihnen darum, sich über ein bestimmtes Thema auszutauschen und zu erfahren, ob es andere Menschen gibt, die vielleicht so wie sie über dieses Thema denken. Bedeutend ist, dass sich der Salon sehr stark an seine Werteorientierung hält, also hier geht es wirklich um Werte, Ethik, um Offenheit, um Respekt, Wertschätzung und Toleranz. Wenn wir zum Beispiel über Arbeiten 4.0 sprechen oder über das Thema Populismus, dann ist es natürlich wichtig für mich und für andere zu erfahren: Wie wird denn auf meine Meinung reagiert? Wie argumentiere ich denn? Wenn wir nicht hier im Salon lernen zu argumentieren – in dieser Atmosphäre -, wie soll es dann funktionieren, wenn wir draußen sind, am Arbeitsplatz, in der Familie oder im Freundeskreis anfangen über unsere Meinung zu sprechen? Hier können wir das sehr respektvoll und wertschätzend tun – und das macht uns stark, um dann auch in anderen Situationen unsere Meinung zu vertreten.

Das ist ein großer Unterschied zu den digitalen sozialen Netzwerken: Wenn hier jemand deine Meinung nicht teilt, kannst du ihn nicht einfach wegklicken.

AKWürdest du sagen, dass ein Salongespräch einem Kraft geben kann? Und kann es auch sein, dass man mit neuen Argumenten wieder rausgeht?

FJK: Ja, unbedingt. Es gibt einmal Kraft, weil ich natürlich eventuell Bestätigung bekomme, doch es kann vielleicht auch im ersten Moment sein, dass ich denke „Hoppla, meine Meinung ist hier auf Widerstand gestoßen“. Aber auch das ist ja gut, weil ich dann nochmal überprüfen kann: Bin ich mit meinen Gedanken auf einem guten Weg? Und des Weiteren nehme ich auch Argumente mit auf. Und das ist der Unterschied zum Beispiel zu der Kommunikation in den digitalen Medien. Wenn da jemand meine Meinung nicht akzeptiert, dann klicke ich ihn weg oder hetze nochmal und beleidige ihn vielleicht, aber ich setze mich nicht mehr mit ihm auseinander. Ich umgebe mich nur noch mit den Menschen, die meine Meinung bestätigen. Und das ist im Salon nicht der Fall. Es geht hier niemand einfach raus, weil ihm die Gesellschaft nicht passt, sondern hier findet eine Auseinandersetzung statt, die ja sehr wichtig ist.

AK: Du moderierst die Salongespräche. Was sind da die Herausforderungen für dich?

FJK: Die Herausforderung ist, jeden Menschen, der hier sitzt, zu ermutigen, seine Meinung kundzutun. Wir haben hier einerseits Menschen, die rhetorisch sehr begabt sind. Denen fällt das leicht. Aber wir haben hier auch Menschen, die ihre Meinung haben, aber denen es schwerfällt, sie auszudrücken, in Worte zu fassen. Diejenigen dabei zu unterstützen und zu ermutigen das zu tun, ist auch wichtig. Hier gibt es keine Rangordnung zwischen Menschen, die sich vielleicht besser ausdrücken können und anderen. Mich persönlich interessiert die Vielfalt der Meinungen. Letztendlich möchte ich auch diesen Ort entwickeln und pflegen, damit diese Kommunikationskultur erhalten bleibt.

AK: Der Salon ist in seinem zehnten Bestehungsjahr und du hast mir erzählt, dass das Gästebuch voll ist. Das heißt, ein neues wird angelegt und passend dazu soll es auch einen neuen Themenfokus geben?

FJK: Ja, bisher haben wir die Salongespräche im Kontext von Unternehmen organisiert. Natürlich haben wir auch immer Randthemen angesprochen, aber es war stark auf Führungskräfte und Unternehmer fixiert. Der Salon im Schloss hieß ja auch im zweiten Namen Unternehmersalon. Diese Grenze möchte ich aufheben, das heißt auch mehr Menschen ansprechen, die etwas zu dem Thema zu sagen haben und sich zu dem Thema Gedanken machen, das wir ansprechen – unabhängig davon, ob sie unternehmerisch tätig sind. Wer etwas zu dem Thema zu sagen hat, ist hierher eingeladen, egal aus welchem Bereich er kommt. Entscheidend ist, dass er die Werte des Salons akzeptiert.

AK: Wie siehst du die Zukunft des Salons?

FJK: Das ist eine gute Frage. Ich selbst bin ja auch als Zukunftsgestalter. Für mich ist es wichtig zu erfahren und zu erleben, dass meine Vision, die ich mit dem Salon verbinde, auf die Menschen stößt, die nach so etwas suchen. Da stehe ich zum Teil noch am Anfang und brauche auch Unterstützung und suche nach Gleichgesinnten, die den Salon und seinen Gedanken weiterentwickeln und mittragen möchten. Den Salon wird es immer geben, davon bin ich überzeugt. Dieser Raum inspiriert, macht nachdenklich. Hier finden andere Gespräche statt, als vielleicht in einem Restaurant oder einem Konferenzraum, deshalb ist es mir wichtig, diesen Raum auch weiter zu nutzen, anzubieten und auch den Menschen, die sich für diese Art der Gespräche interessieren, zu erhalten.

AK: Ich finde das sehr spannend, bin davon überzeugt, dass das eine gute Sache ist und wünsche dir weiterhin viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

FJK: Vielen Dank auch für deine Fragen, Alexandra.

Links:

write, print, scan …. repeat

Alle sprechen von Digitalisierung und großartigen technischen Errungenschaften. Sie nennen es Fortschritt und nutzen diesen zur Vereinfachung von Arbeitsabläufen in ihren Unternehmen. Oder etwa nicht? Müsste man eigentlich glauben, doch die folgenden Storys zeugen, sagen wir mal ganz vorsichtig, vom Gegenteil.

Online-Bewerbungen haben ihre Vorzüge. Eigentlich.

Eine Freundin von mir bewarb sich mal bei einem IT-Unternehmen per E-Mail, weil das so erwünscht war. Wenige Wochen später steckte ein DINA4-Umschlag in ihrem Briefkasten. Verwundert öffnete sie das Kuvert und hielt einen Stapel Papier mit ihrer ausgedruckten Bewerbungsmappe in der Hand. Darauf lag das Anschreiben von der Firma, bei der sie sich online beworben hatte: „Hiermit schicken wir Ihnen Ihre Bewerbungsunterlagen zu unserer Entlastung zurück.“ Meine Freundin:

Ich war so froh, dass sie mich abgelehnt haben!

Gewöhnlicher Büro-Alltag früher und heute

Stellen wir uns die folgende Szene vor: Der junge Chef eines großen Unternehmens verfasst ein Rundschreiben an alle Mitarbeiter und mailt es seiner Sekretärin. Die Sekretärin druckt das Schreiben aus und geht mit dem Blatt zum Chef, damit dieser unterschreibt. Mit dem signierten Blatt geht sie zum Scanner und scannt das Schreiben ein. Nun hat sie es wieder schön digital und mailt es an sämtliche Mitarbeiter. So war es 1996. Büroalltag 2017.

papier_digitalisierung_2017

Nicht genug? Na gut. Take this:

„Also wenn bei uns eine interne Veranstaltung geplant wird, läuft Kollegin XY durch die Gänge und sammelt Unterschriften. Wer kommt zum Event? Mit wie vielen Personen? Ist die Tabelle erstmal ausgefüllt, wird der Inhalt abgetippt, digital bearbeitet und dann zum Aushängen wieder ausgedruckt.“

(verzweifelter Informatiker)

 

Tagsüber im Museum

museum-sind-nicht-fur-alle-daNachts ist in Museen bekanntlich mit allem zu rechnen. Ihr wisst schon, mit viel Fantasie – wie in den Filmen. Doch was, wenn die Realität selbst den krassesten Filmplot überbieten würde? Und zwar sogar bei Tageslicht! Kaum zu glauben, aber da scheint sich etwas zu verändern in den deutschen Museen. Etwas, das – so liest man – manche Zuständigen in kalten Schweiß ausbrechen lässt. Na, was könnte das sein?

Von Wegen zum Leben erwachte Statuen, Zombies, Außerirdische oder …. Obwohl, vielleicht wirken Legastheniker, körperlich Beeinträchtigte und *räusper* unterdurchschnittlich Intelligente auf höchst qualifizierte Museumsbosse und extrem fachkundige Besucher so ungewohnt, dass sie quasi als Wesen vom fernen Planeten wahrgenommen werden. Wer weiß? Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass dem so ist, daher brachte mich der kürzlich veröffentlichte Artikel „Deutsche Museen machen es ihren Besuchern nicht leicht. Die Angst vor dem offenen Haus für alle“ ins Grübeln. Denn vor allem die dort zitierte Frage, die der engagierten Museumspädagogin Birgit Baumgart gestellt worden war, schockierte mich beim Lesen. „Wollen Sie diese Leute wirklich im Museum haben?“ hatte man sie gefragt, als „Blinde, Gehörlose und Menschen mit kognitiven Schwierigkeiten“ zur Vernissage gekommen waren. Die Frage kam übrigens von einer Sammlungsleitern. Des Weiteren ist im Artikel zu lesen, dass die Museen zwar Kinder inzwischen als Zielgruppe erkannt hätten, Erwachsene mit gewissen Besonderheiten – wie beispielsweise höherem Alter – jedoch weiterhin nicht oder zu wenig berücksichtig würden. An dieser Stelle fiel mir etwas ein, das ich selbst mal beobachtet hatte.

Als in den Ferien schlechtes Wetter gemeldet war, fuhr ich mit meinen Kids bereits am Morgen ins Museum. Dort wurden zu dem Zeitpunkt die Cover von Die drei ??? ausgestellt. Für mich persönlich von geringem Interesse, aber was tut man nicht alles für den Nachwuchs, nicht wahr? So früh am Tage war in den Räumlichkeiten kaum jemand außer uns. Konkret: Eine Museumsangestellte, die sichtlich nichts von der Ausstellung verstand, zwei Teenager, die bald wieder gingen und eine ältere Besucherin, die sich mit der Thematik sehr gut auszukennen schien. Die große und schlanke alte Dame hatte nach einer Weile Mühe auf den Beinen zu stehen. Sie blickte auf die drei bunten Sitzsäcke, die man auf dem Boden drapiert hatte und erklärte der Museumsfrau: „Wissen Sie, hier ist einiges gut gemacht, aber die Sitzgelegenheiten sind nichts für alte oder geschwächte Leute.“ Wie wahr! Ich fühle mich jung und bin fit, aber die Sitzsäcke waren sichtlich für Kids und Teens gedacht. Sie standen dort, wo man sich per MP3-Player u. a. Interviews mit der Künstlerin Aiga Rasch anhören konnte. Wer sich hinsetzte, lag quasi auf dem Boden. Nebenbei: Mit der Technik kannte sich die (wirklich!) freundliche Mitarbeiterin leider nicht aus. Und versteht mich bitte nicht falsch, ich gebe dieser Frau keine Schuld daran. Die Museumsleitung sollte dafür sorgen, dass alle MitarbeiterInnen auf dem aktuellsten Wissensstand bezüglich betreffender Ausstellungen sind. So war die nette Frau zwar bei allem bemüht, aber zugleich leider überfordert. Eine blöde Situation auch für sie selbst.

Als Otto Normalbesucherin ohne kunsthistorisches Fachvokabular im Hirn, hätte ich mir niemals angemaßt eine Beurteilung der Ausstellung zu äußern. Buchcover in einer scheinbaren Einfachheit wie es nunmal typisch ist für DIE drei ??? ,  betrachte ich eher oberflächlich und entdecke daher nicht sofort deren Besonderheiten. Um es vorsichtig auszurücken. Aber ich habe stets die Absicht, ein Museum schlauer zu verlassen als ich es betreten habe. Daher blätterte ich in besagter Ausstellung ein dickes Buch durch, dessen Herausgeber sich intensiv mit den Covern befasst hatten. Nach der Lektüre war ich nicht wesentlich klüger als zuvor. Um ehrlich zu sein, war das Buch zwar schön gearbeitet, wirkte jedoch nicht übersichtlich genug, um GERNE darin zu recherchieren. Neben dem Buch hatten die fachkundigen Menschen vom Museum einen schnöden schwarzen Ordner hingelegt, der etwa 15 oder 20 in Schutzhüllen gesteckte Seiten enthielt. Von außen unattraktiv und innen wie primitive Collagen gestaltete Blätter. Was soll ich Euch sagen? Allein diesem Ordner habe ich zu verdanken, dass mich die Ausstellung plötzlich tatsächlich zu interessieren begann. Den Rest der Ausstellung betrachtete ich mit anderen Augen. Was der Ordner im Gegensatz zum Buch geboten hatte, möchtet Ihr wissen? Er enthielt beispielsweise Kopien alter Zeitungsausschnitte oder Werbeplakate, von denen sich die Künstlerin hatte inspirieren lassen. Zuerst sah man das ursprüngliche Bild (manchmal waren das mehrere Bilder; samt Quellenhinweis usw.) und dann das Ergebnis, also das entsprechende Buchcover. So simpel und doch so wichtig. Der direkte Vergleich, konkret und übersichtlich.

Jetzt denkt Ihr womöglich, es habe an mir gelegen und das Buch sei in Wahrheit deutlich besser als der blöde Ordner. Tja, das dachte ich auch. Doch dann sah und hörte ich, wie die kluge alte Dame mit der Museumsangestellten sprach. Zu dem Zeitpunkt hatte sie der Mitarbeiterin nicht nur spannende Hintergrundstorys über die Künstlerin erzählt (Wahnsinn, kannte sie sich aus!), sondern hatte sowohl das Buch als auch den Ordner unter die Lupe genommen. Nun standen die beiden Frauen also da und die alte Frau sagte: „Wissen Sie, dieser Ordner ist viel besser als das Buch. Hier wird deutlich, worum es überhaupt geht. Das Buch bringt es nicht rüber.“ Yes! Es lag also nicht an mir! Wenn eine derart bewanderte, intelligente und mit dem Thema vertraute Dame meine Meinung teilte, konnte ich beruhigt sein.

Insofern: Es geht nicht nur um besonders intelligente oder irgendwie benachteiligte Museumsbesucher, sondern um Menschlichkeit und die Frage, ob ein Museum nur zum Schauen oder auch zum Verstehen und Lernen ist. Wenn ein Museumsbesuch zum Erlebnis werden soll, bei dem man etwas vermittelt bekommt und/oder an das man sich später noch erinnert, dann müssen sich die Menschen hinter den Museumskulissen in ihre Besucher hineinversetzen. Und nein, liebe Museumsexpertinnen und Experten, ein Museum sollte nicht für eine ausgewählte Klientel, sondern für alle offen sein. Museen bedeuten Wissen und Bildung – also etwas, auf das jeder ein Anrecht hat. Wir sollten die heutigen Möglichkeiten nutzen und die Türen öffnen.

Um mit einem schönen Beispiel für einen Museumsbesuch abzuschließen, weise ich gerne auf meinen Blogpost über die Nacht der Museen hin. Viel Spaß beim nächsten Museumsbesuch! 🙂

Gastbeitrag: Salongespräche im Schloss

Der erste Gastbeitrag auf NICHTS NEUES kommt von Franz-Josef König zum Thema Salonkultur. Ich habe den Unternehmer, Coach und Zukunftsgestalter durch eine Initiative kennengelernt, die ich Euch demnächst vorstellen werde. Herrn Königs Geschäftsräume befinden sich – wie könnte es anders sein – in einem Schloss.  Dorthin lädt er regelmäßig Gäste zu Salongesprächen ein. Worum es dabei geht und wie er auf diese spezielle Idee gekommen ist, verrät er Euch selbst:

Seit 2008 gibt es den Salon im Schloss Liebieg in Kobern-Gondorf an der Mosel. Ein Impuls während eines Besuches in Weimar war letztendlich ausschlaggebend für die Gründung. Johanna Schopenhauers Salon war Anfang des 19. Jahrhunderts der kulturelle Mittelpunkt Weimars außerhalb des Hofes. Hier kamen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zum Gedankenaustausch über aktuelle Themen zusammen. Diesen Gedanken wollte ich in die heutige Zeit übernehmen und ein besonderes Angebot des informellen Austausches schaffen.

salonnovember2016
Königs Gästebuch.

Heute finden im Salon Gespräche zu aktuellen Themen aus Gesellschaft und Wirtschaft statt. Hier treffen Menschen zu intensiven Gesprächen zusammen, die sich teilweise vorher noch nicht begegnet sind. In einer Gesprächskultur, die von Wertschätzung, Offenheit und Vertrauen geprägt ist, entstehen neue Gedanken, verändern sich Meinungen und formen sich Argumente, die an kaum einem anderen Ort wie diesem entstehen können.

Fokus – durch eigene Augen schauen, aber auch die Perspektive wechseln, Wichtiges neu entdecken!

Kommentar einer Teilnehmerin im Gästebuch

So auch wieder in dieser Woche. „Selbstbestimmung – Tun wir noch, was uns wichtig ist?“ So lautete das Thema des gut besuchten Salongespräches. Wir leben teilweise in einem Umfeld, das von Fremdbestimmung geprägt ist. Entscheidungen treffen wir nicht wirklich frei, oft werden sie uns abverlangt oder wir registrieren nicht mehr, dass wir etwas tun, was wir eigentlich gar nicht tun wollen. So belasten wir unsere Umwelt, konsumieren zu Lasten anderer und schaden uns selbst und unserer Gesundheit mit Verhaltensweisen, die wir bei genauerem Hinsehen eher ablehnen.

Selbst bestimmt leben, das wurde uns im Gespräch klar, setzt voraus, dass ich mein Selbst bestimmen kann, das ich meiner selbst bewusst bin und dem Sinn meines Lebens auf der Spur bin. „Warum bin ich hier?“, so lautete dann auch eine der Fragen, die immer wieder gestellt wurden. Auf die innere Stimme hören und der Intuition folgen führt zur Selbstbestimmung und damit auf einen Weg, der sicherlich kein Ende hat.

Das Gespräch endete wieder mit einer Gong-Meditation, in der die Teilnehmenden ihre Gedanken ausklingen lassen konnten. Im nächsten Gespräch im Januar geht es um „Das neue Arbeiten – Gewinner und Verlierer von Arbeiten 4.0″.

Vielen Dank an Franz-Josef König für die schöne Einführung ins Thema, mit dem ich mich künftig intensiver befassen werde: Salonkultur. Auch möchte ich hier öfter Gastblogger willkommen heißen. 🙂

Warum sind wir so kalt zueinander?

Beobachtungen, die mich nicht mehr loslassen. Bilder und Gespräche, die mir immer wieder in den Sinn kommen, weil sie mich wütend oder traurig machen. Meist beides zugleich. Herbe Enttäuschung. Wie herzlos können wir Menschen bloß sein? Zu Fremden und zu unseren Lieben. Manchmal fürchte ich, an dem, was ich sehe und erlebe, zu zerbrechen. An Mitmenschen und mir selbst zu verzweifeln.

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Bevor ich mich in Gedanken verliere, die allzu abstrakt erscheinen, möchte ich Euch konkrete Beispiele nennen. Etwas aus dem Sommer und dann das Aktuellste.

Als Mutter

Fröhliche, laute Kinder, verliebte Paare, sportliche Senioren – Menschen diverser Lebensphasen begegneten mir im Sommer auf dem Festungsplateau in Koblenz. Dort kann man seine Runde laufen, Badminton oder andere Spiele spielen, die Kids auf dem großen Spielplatz toben lassen oder einfach entspannen. Als ich an einem der herrlichen Sommertage dort war, fiel mir Romantik ins Auge. An einem der Büsche saß ein Liebespaar auf der Picknickdecke, der Mann mit einer Gitarre im Arm und einem kleinen Mädchen zulächelnd, das gerade auf sie zukam. Mir wurde warm ums Herz. Was für ein schönes Bild einer liebevollen Familie! Doch dieses Kunstwerk zerplatzte wie ein Luftballon, dessen Knall einen aufschrecken lässt. Denn als das Mädchen an der Picknickdecke ankam, winkte es die Mutter weg. Das Kind ging nicht, sondern blieb stehen und sah zum Mann mit Gitarre. Darauf die Mutter streng und laut: „Los jetzt! Lass uns allein! Geh spielen!“ Das Mädchen ließ den Kopf hängen und zögerte. Der Mann tat, als sähe er nur seine Gitarre und bekäme nichts mit. Die Mutter brüllte: „Na los! Geh weg!“ Das Kind drehte sich um und ging Richtung Schaukeln. Der Anblick brach mir das Herz.

Ein Weilchen später, saß ich mit meiner Familie auf einer Bank – jeder mit Eisbällchen in der Waffel. Als eine Familie mit vier Kindern an uns vorbeiging, wärmte sich wieder mein Herz, weil das ein derart süßer Anblick war. Das älteste Kind ging vorne, daneben der Vater mit einem kleineren Geschwisterchen huckepack, dahinter das Zweitjüngste und hinter diesem die Mutter samt Buggy, in dem das kleinste Familienmitglied saß. Ein lebendiges Bild, das mit der Sonne im Hintergrund hätte fröhlich sein müssen. Könnte ich malen, wäre es ein warmes und beschwingtes Gemälde geworden. Doch auch hier zerplatzte die Illusion, als die Mutter plötzlich mit Nachdruck den Buggy gegen die Fersen ihres Zweitjüngsten Kindes schob und dabei „Jetzt mach schon! Geh schneller!“ blaffte. Ich weiß, wir alle machen unseren Kindern manchmal Druck und verlangen, dass sie sich beeilen – zumindest habe ich das schon öfter getan, aber nicht so! Während der Rest der Familie entspannt weiterspazierte, das besagte Kind im Gehen brav sein Eis leckte und sich an das Schritttempo der anderen hielt, schob die Mutter wieder sichtbar bewusst den Buggy gegen seine Fersen und brummte ihm wütend etwas zu.

An diesem Tag fragte ich mich, was mit uns Erwachsenen los ist. Mit uns Müttern und Vätern. Mit mir. Denn auch ich mache Fehler. Nicht solche, wie die genannten, aber andere. Jeder von uns ist mal blöd zu jemand anderem – unfair, genervt oder einfach schlecht gelaunt. Wir sind nur Menschen. Andererseits muss es Grenzen geben. Was passiert in einem Kind, das von seiner Bezugsperson Nr. 1 (Mutter/Vater) derart behandelt wird? Vielleicht nicht nur ausnahmsweise, sondern öfter? Und noch wesentlich schlimmere Dinge erlebt? Denken wir mal nach, wie verletzlich wir Erwachsenen sind.. Wir sind verdammt unfair den Kindern gegenüber. Sie brauchen noch mehr Liebe und Zuwendung als wir. Vielleicht bin ich zu empfindlich, aber die Beobachtungen dieses Sommertages gehen mir nicht aus dem Kopf. Das sind natürlich nur zwei Beispiele von vielen aus dem Alltag, aber an nur einem Tag mehrfach solche Situationen zu sehen …. Es prägt sich ein.

Als Gruppenleiterin

Spätestens seit meine eigenen Kinder zur Schule gehen, bekomme ich mit, wie viel manche Kids schon früh an privatem Ballast zu schleppen haben. Deshalb versuche ich möglichst unvoreingenommen an Kinder, die als „problematisch“ gelten, heranzugehen. Das fällt mir nicht immer leicht, denn ich habe leider schon Grundschüler erlebt, die sowohl hinterhältig und gewalttätig waren als auch tatsächlich große Freude am Leid anderer verspürten. Klingt hart, entspricht aber der Realität. Trotzdem denke ich, dass das nicht die Mehrheit, sondern die Minderheit ist und man Kindern sowohl mit Anspruch, aber auch mit Liebe begegnen und sie ernst nehmen muss.

In der Praxis sieht es so aus, dass sich vor allem die Arbeit mit großen Gruppen schwierig gestaltet, weil es zunehmend Kinder gibt, die nahezu ununterbrochen aufgedreht sind und kaum zwei Minuten zuhören können. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch, wollen witzig sein, die Aufmerksamkeit auf sich lenken …. die Autorität herausfordern. Für ihr familiäres und schulisches Umfeld tragen sie den Stempel „schwierig“. Ja, die Arbeit mit ihnen ist anstrengend, aber…. Aber! Diese Kinder sind nicht kaltherzig. Sie sind gut darin, von ihren Gefühlen, ihrer Verletzlichkeit abzulenken, doch die ist da. Gepaart mit Intelligenz und hoher Aufmerksamkeit für Dinge, die vielen anderen Menschen entgehen, steht mir die Aufgedrehtheit dieser Kinder entgegen. In meiner kleinen Gruppe artet das zwar nicht so aus, aber auch da stellen sich für mich Fragen. Wie soll ich mit ihrer Ruhelosigkeit umgehen? Ich bin doch nur ein einfacher Mensch. Keine Pädagogin, keine Psychologin. Was sollte ich also tun, um für mehr Aufnahmebereitschaft zu sorgen? Ich habe spontan gehandelt und den Kindern gesagt, dass ich sie mag. Dabei sah ich jedes einzelne Kind an, nannte es beim Namen und sagte es ihm. Die ganze Gruppe blickte mich mit großen Augen an, manche nickten und lächelten mir zu. „Ja“, sagte ich abschließend, „ich mag euch alle. Ihr seid meine Gruppe, ich bin freiwillig hier und möchte diese Zeit mit euch verbringen.“ Ausgerechnet der Junge, der besonders gerne für Ablenkung sorgt, blickte in Richtung der anderen und entgegnete: „Das verstehe ich nicht. Wir haben uns daneben benommen, und sie mag uns trotzdem?!“ Einige Kinder begannen zu kichern. Darauf er, in einer so erwachsenen Art, wie ich sie ihm nie zugetraut hätte: „Nein, seid mal ruhig. Ich meine es ernst. Wie kann sie uns trotzdem mögen?“ Nun sahen alle wieder mich an. Innerlich gerührt, ergriff ich das Wort. „Ich mag euch auch dann, wenn ihr euch schlecht benehmt. Problematisch ist aber, dass ihr es mir mit eurem Benehmen schwer macht….“ Natürlich waren die Kinder nicht plötzlich super brav (das hätte ich womöglich besorgniserregend gefunden), aber irgendwas scheinen meine Worte bewegt zu haben. Die Kinder wirkten beruhigt, zufrieden – glücklich? Ich weiß es nicht, aber es war gut, ehrlich ausgesprochen zu haben, was ich fühle. Denn ich mag sie wirklich alle. Und ich möchte ihnen etwas auf ihren Lebensweg mitgeben. Meine Güte, hoffentlich wird mir das mindestens Ansatzweise gelingen.

Nachtrag (14.12.16):

Diesen Text könnt Ihr Euch nun auch anhören. Ich habe ihn für Euch vertont:

Digitale Welle zu handfesten Problemen: #systemkrank

systemkrankWährend ich das hier schreibe, schüttle ich gedanklich mit dem Kopf. Wie kann eine gute Idee derart verhunzt werden? Kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen nicht ernstgenommen fühlen.

Seit Montag schreiben Leute auf Twitter, was sie wütend oder traurig macht, was aus ihrer Sicht schiefläuft in unserem Land – gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch. Der Titel, unter dem diese Kommentare (Tweets) laufen, heißt #systemkrank und wurde von der bekannten Bloggerin Christine Finke alias @mama_arbeitet mehr oder weniger spontan ins Leben gerufen. Wie es dazu kam, hat sie Frau tv erzählt:

Finke schafft es regelmäßig mit passend gebauten Hashtags für mediale Aufmerksamkeit zu sorgen, und genau das ist ihr auch diesmal gelungen. Unfassbar viele Menschen schrieben sich bereits in den ersten Stunden Kummer und Wut von der Seele.

Auch ich habe mitgemacht, da mir das Thema wichtig ist. Im Grunde müsste man von den Themen sprechen, weil unter #systemkrank unterschiedliche Probleme angesprochen werden. Doch daran zeigt sich, dass insgesamt vieles falsch läuft und die Grundstimmung nicht positiv ist.

Was den Tweets entnommen werden kann, sind keine Geheimnisse. Beim Lesen denkt wohl niemand „Echt? Das ist mir neu!“, sondern nickt in Anbetracht der eigenen Erfahrungen oder Beobachtungen. Umso erstaunlicher und ärgerlicher fand ich die Aussage von Hans Vorländer im Interview mit dem NDR. Der Politikwissenschaftler behauptete unter anderem, die Einzelnen, denen es schlecht gehe, würden fälschlicherweise ihre persönlichen Probleme auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Ernsthaft? Zum Glück sieht es der NDR genauso wie viele Twitterer*innen und distanziert sich von den Äußerungen des Wissenschaftlers.

 

Da klagen nicht nur Einzelne, da klagt die Gesellschaft.

Von Kinderarmut bis Rente – es gibt viel zu besprechen, viel zum Aufregen oder Weinen. Wer sich trotzdem hinstellt und behauptet, es sei ein Grund zur Sorge, dass die Menschen ihre – ich zitiere Vorländer – „Unbefindlichkeiten“ auf die Gesellschaft übertragen, der hat etwas nicht verstanden.

Die #systemkrank-Tweets werden nicht von einer bestimmten Klientel verfasst, sondern von ganz unterschiedlichen Menschen, aus diversen beruflichen Richtungen und Lebensumständen. Christine Finke wollte vermutlich vor allem Alleinerziehenden eine Stimme geben, doch auch gemeinsam erziehende Eltern sowie Kinderlose nutzen den Hashtag und schreiben von ihrer Sicht der Dinge. Dabei scheint mindestens eins klar zu sein: Sehr viele Menschen sind unzufrieden mit den Entwicklungen in Deutschland (und der Welt?). Das sind alles potenzielle Wähler. Leider scheinen ausgerechnet diejenigen, für die das mal entscheidend werden könnte, die Sachlage zu unterschätzen. Unter den Tweet-Absendern sind kompetente Fachkräfte, ambitionierte Einsteiger und Arbeitskräfte mit Elan. Sollten zukunftsorientierte Unternehmen nicht endlich mal tatsächlich familienfreundlicher werden, statt Worthülsen zu plakatieren? Müssten sie nicht allmählich Frauen und Männer als Menschen begreifen, statt als praktisches oder problematisches Geschlecht? Wann wird all das nicht nur ein Werbeslogan, sondern Realität sein?

Im NDR-Interview heißt es, man könne nicht vom „System“ sprechen. Das sei übertrieben.. Herrje. Ich möchte an dieser Stelle nicht mit Systemtheorie anfangen, denn Fachbegriffe und Definitionen verändern die Erfahrungen und Emotionen der Einzelnen nicht. In den sozialen Netzwerken geht es um Aufmerksamkeit und Reichweite. Twitter bietet die Möglichkeit, auf Missstände aufmerksam zu machen, wenn sich genug Leute beispielsweise an so einer Aktion beteiligen und für eine Welle sorgen. Das wird künftig vermutlich öfter passieren. Politik, Medien, Wirtschaft oder Wissenschaft sollten weder wegschauen noch sich in Diskussionen über den Namen eines Hashtags verlieren, sondern müssen sich die Tweets anschauen und sich mit deren Inhalt auseinandersetzen.

Während ich das hier schreibe, werden neue Tweets zum Thema veröffentlicht. Daher möchte ich mit zwei der aktuellsten Tweets abschließen.

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