Die Kassiererin, oder: Von Kundenfreundlichkeit zur Arbeitslosigkeit

KasseEntlassungen werden auch anders genannt und gerne umschmeichelnd beschrieben. Professionell, versteht sich. Doch ob man gefeuert oder lediglich ein Arbeitsvertrag nicht verlängert wird, macht keinen großen Unterschied. Im Endeffekt fällt nämlich eine Geldsumme weg, über die man sich nicht nur gefreut, sondern für die man auch Leistung erbracht hat. Man muss nicht selbst entlassen werden, um traurig zu sein, denn die Entlassungen anderer Menschen können uns ebenfalls konkret betreffen.

Es gibt da einen Spielzeugladen, der gut läuft und von vielen Eltern mit Kindern mindestens einmal pro Woche besucht wird. Nämlich immer dann, wenn ihre Kinder in der Nähe Sport treiben. Das ist täglich der Fall, nur die Familien wechseln. Ich bin alle paar Wochen da, wenn wir mal wieder Schulmaterial benötigen oder Kindergeburtstagspartys anstehen. Im besagten Laden arbeiten sehr nette Frauen. Wie es der Zufall will, stand mehrere Male stets eine ganz bestimmte Verkäuferin an der Kasse, wenn wir kamen. Sie unterhielt sich gerne mit meinem Nachwuchs, gab Tipps, informierte und war herzlich. Als ich eines Tages alleine vor ihr stand, weil mein Jüngstes im Sporttraining weilte und ich diese Zeit für einen Schnelleinkauf nutzen wollte, kam es zu einem unerwartet traurigen Gespräch.

„Demnächst werden Sie mich hier nicht mehr antreffen“, teilte mir die Kassiererin mit. „Mein Vertrag wurde nicht verlängert und ab kommendem Monat bin ich weg.“ Sie blickte traurig durch die große Fensterscheibe nach draußen. „Schauen Sie mal, wie es regnet. Heftig, dieser plötzliche Wetterwechsel, nicht wahr?“ Ich tat es ihr nach und schaute ebenfalls hinaus. Es goss in Strömen. Das war mir vorher gar nicht aufgefallen, doch nun war klar, dass ich in aller Ruhe mit ihr sprechen konnte, wenn ich nicht unbedingt komplett durchnässt an meinem Auto ankommen wollte.

„Was meinen Sie damit, dass Ihr Vertrag nicht verlängert wurde? Sie sind freundlich und zuvorkommend, tragen mit Ihrer Herzlichkeit dazu bei, dass man gerne hier ist – so eine Mitarbeiterin behält man.“ Nun lächelte mein Gegenüber ein wenig.

„Vielen Dank. Ja, ich arbeite seit mehreren Jahren hier – und sehr gerne! Mein Vertrag als Aushilfe wurde bereits zweimal verlängert und bei einer weiteren Verlängerung müssten die mir eine Festanstellung geben. Deshalb tun sie es nicht.“

Ich spürte Wut in mir aufsteigen. „Aber Sie können mir doch nicht erzählen, dass hier keine Verstärkung benötigt wird! Das Weihnachtsgeschäft steht quasi vor der Tür“, werfe ich ein und die Kassiererin nickt.

„Stimmt. Inzwischen kaufen die Leute viel mehr online, aber vor Weihnachten ist hier trotzdem viel los. Dafür wird dann bestimmt kurzfristig jemand engagiert. Eine neue Aushilfe.“ Die Frau seufzt. „Mir geht es nicht einmal so sehr um das Geld, sondern viel mehr um die Aufgabe. Mein Mann verdient gut, ist aber natürlich viel auf der Arbeit und unser Kind ist schon ein Teenager. Ich werde bis zum späten Nachmittag alleine zu Hause sitzen müssen. Da werde ich noch verrückt! Gerade bei dem dunklen Herbst- und Winterwetter!“ Sie blickte wieder nach draußen. Es regnete inzwischen nicht mehr so stark, aber der Himmel war für die Tageszeit ungewohnt dunkel. Ja, die Hochsaison der Depressionen rückte immer näher.

„Es tut mir sehr leid. Ich habe Sie hier stets gerne angetroffen“, sagte ich. Wir wechselten noch einige kurze Sätze und ich verließ den Laden, um meinen Nachwuchs vom Sport abzuholen.

Während ich die erlebte Szene abtippe, bin ich traurig. Online einzukaufen macht häufig Sinn, weil der Kundenservice in vielen Geschäften leider miserabel ist. Verkäufer, die sich verstecken oder keine Ahnung von den Produkten haben, scheinen die Regel zu sein. Doch dort, wo man noch gut beraten wird und menschliche Wärme erfährt, spricht alles für einen Einkauf vor Ort. Mitarbeiter in Geschäften oder Dienstleister allgemein, die etwas von Kundenfreundlichkeit und Kundenservice verstehen, müssen Anerkennung erhalten. Ja, es macht mich traurig, immer wieder Beispiele dafür zu erfahren und zu erleben, dass sich die Dinge in der Berufswelt weiterhin in die falsche Richtung bewegen.

Auch die Tatsache, dass man Arbeit sowohl wegen des Geldes als auch wegen der Beschäftigung braucht, wird häufig unterschätzt. Inzwischen kenne ich mehr als genug Menschen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit psychisch erkrankt sind.

Besagter Kassiererin wünsche ich alles Gute und hoffe, dass nicht noch weitere Mitarbeiterinnen ihren Job in diesem Spielzeugladen verloren haben.

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Ein Sommer im Baumarkt, Teil 2: Bauhaus versus Hornbach

Du willst renovieren?Wer schon einmal ein Haus gebaut oder sein Zuhause renoviert hat, weiß, dass man dabei allerlei Stress bewältigen muss. Kürzlich schrieb ich von meinen Erfahrungen mit Handwerkern und nun sind die Baumärkte dran. Diesmal erzähle ich nicht nur, was ich persönlich erlebt habe, sondern auch was man mir erzählt hat. All das hat sich tatsächlich während unserer Renovierungsphase abgespielt.

Um euch grausige Albträume von Zombies zwischen Baumarktregalen zu ersparen, fasse ich es zunächst kurz zusammen. Typische Antworten von Baumarkt-Mitarbeitern an verzweifelt wartende Kunden:

  • „Merken Sie nicht, dass das nichts bringt?!“
  • „Fragen beantworten nur Mitarbeiter mit der roten Weste!“
  • „Woher soll ich das wissen? Haben Sie schon danach gegoogelt?“

Nun die längere Fassung, falls ihr wissen möchtet, wie es zu den genannten Antworten kam. Am besten ich nenne keine Namen, sondern schreibe von Baumarkt X und Baumarkt Y. Am Ende dürft ihr dann selbst überlegen, bei welchem davon es sich um BAUHAUS und bei welchem um HORNBACH handelt.

Baumarkt X

Als einer der Männer unseres Renovierungsteams schnell mal etwas im Baumarkt X kaufen wollte, sich aber nicht sicher war, ob er das richtige Teil in den Händen hielt, wandte er sich an einen der Mitarbeiter. Darauf dieser: „Fragen beantworten nur Mitarbeiter mit der roten Weste. Und wie Sie sehen, trage ich eine grüne.“ Zu dumm, dass weit und breit keine rote Weste zu sehen war.

Erinnert ihr euch noch an den Baumarktwitz, dass sich die Mitarbeiter immer vor den Kunden verstecken? Immerhin tun das im Baumarkt X nicht mehr alle – nur die mit der roten Weste. Außerdem gibt es dort Infotheken. Vielleicht ist euch schon mal aufgefallen, dass auf diesen Theken Telefone stehen. Ein Schild daneben erklärt dem Kunden: „Wenn diese Information nicht besetzt ist, rufen Sie die Nummer 526 an“. Ein Kunde hob den Hörer ab und wählte die Nummer. Daraufhin klingelte ein Handy, das auf dem Tresen neben dem Telefon lag. Der Mitarbeiter war einfach ohne sein Mobiltelefon losgezogen. Was tut man in so einer Situation? Besagter Kunde war hart im Nehmen und ließ das Telefon einfach klingeln. Sein Hintergedanke lautete vermutlich: Der Mitarbeiter hört das Mobiltelefon schon von weitem und kommt dann zur Information. Nach einigen sehr langen Minuten erschien der Baumarkt-X-Mitarbeiter tatsächlich, schaute den Kunden verwirrt an und fragte: „Merken Sie nicht, dass das nichts bringt?!“ – „Ja, jetzt schon“, entgegnete dieser. Dann verschwand der Baumarkt-X-Typ wieder. Effekt: Der Kunde ließ den gut gefüllten Einkaufswagen stehen und kaufte die Sachen bei der Konkurrenz.

Übrigens endete nahezu jeder unserer Besuche im Baumarkt X damit, dass wir die Ware doch nicht kauften, sondern zur Konkurrenz fuhren. Irgendwann sahen wir ein, dass man eine Menge Zeit spart, wenn man direkt zum Mitbewerber fährt.

Baumarkt Y

Jetzt fragt ihr euch vermutlich, wo es einen Baumarkt gibt, in dem sich die Angestellten nicht verstecken. Ich hätte auch nicht gedacht, dass es die Spezies „kompetenter und kundenfreundlicher Mitarbeiter“ in diesen Häusern überhaupt noch gibt, aber das tut es.

Ob es im Baumarkt Y Infostände mit Telefonen gibt, weiß ich gar nicht, denn ich konnte nie danach suchen. Stets kam mir ein Mitarbeiter mit der Frage „Kann ich Ihnen weiterhelfen?“ dazwischen. Da muss man sich als erfahrener Baumarkt-X-Kunde extrem im Griff haben, um den Baumarkt-Y-Menschen nicht herzlich zu umarmen. Beinahe hätte ich einen der Azubis adoptiert. Der junge Kerl hatte Fachwissen. Nein, nicht ein wenig, sondern so richtig. Es ging um Bodenbeläge, aber später sah ich, wie er eine Familie in der Tapetenabteilung beriet. Bevor ihr nun glaubt, der noch unverdorbene Kerl sei eine Ausnahme gewesen, weise ich ausdrücklich darauf hin, dass auch andere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf mich zugekommen waren.

Vergesst nicht, dass ich die ganzen Sommerferien im Baumarkt verbracht habe – das ist ganz schön viel Zeit, um Leute kennenzulernen. Doch egal an welchem Wochentag oder um wie viel Uhr ich im Baumarkt Y den Eingang durchquerte, stets gesellte sich eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter zu mir. Jeder davon kannte sich gut aus und erschien mir sowohl kompetent als auch vertrauenswürdig.

Nun seid ihr dran. Denkt an eure Erfahrungen zurück und überlegt, welcher Baumarkt hinter X und welcher hinter Y stecken könnte.

 

 

 

 

 

 

Koblenz und ich, oder: Ein Interview mit mir

Vor einigen Monaten erhielt ich eine Interview-Anfrage, die mich sofort interessierte. Im Gespräch sollte es um meine Wahlheimat gehen: Koblenz. Das ist die wunderschöne Stadt an zwei Flüssen, deren Größe genau richtig ist, um sich darin wohl zu fühlen. Kultur und Natur, Stadtleben und Erholung – ein Miteinander mit rheinischem Mittelmeerflair. Altstadt mit Charme, Karneval und sehr viel Potenzial für Arbeit und Leben von morgen. Kurz: Lebensqualität.

Für mich ist Koblenz eine Herzenssache, daher sagte ich zu und traf mich im September mit Bettina Manuela Lange (genannt Bela) am Moselufer in Koblenz-Güls. Dort fanden die kleine Foto-Session und unser Gespräch statt. Obwohl mir in Koblenz viele Plätze sehr gefallen und ich beispielsweise die italienische Stimmung am Jesuitenplatz genieße, entschied ich mich für die Lauf- bzw. Spazierstrecke an der Mosel. Gerne lasse ich euch an dem Interview teilhaben. Wer mag, kann es hier lesen: Augenblick mal – Mein Zuhause. Meine Stadt.

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September 2017 – Interview auf: augenblickmal-meinzuhausemeinestadt.de

 

Ein Sommer im Baumarkt, Teil 1: Der Handwerker

WerkzeugMein Sommer, falls sich diese Wochen überhaupt als Sommer bezeichnen lassen, enthielt leider keinen Urlaub. Stattdessen durfte ich Umzugskartons packen, Tapeten sowie Fußböden aussuchen und das neue Zuhause renovieren. Nein, nicht ganz alleine. Allerdings auch nicht mit professioneller Unterstützung, denn die guten Handwerker waren so kurzfristig nicht mehr zu bekommen und diejenigen, die ich hätte kriegen können, wollte ich dann lieber doch nicht. Womit soll ich nun anfangen, mit der Handwerker-Story oder dem unfreiwilligen Baumarkttest?

„Wer sich auf den Handwerker verlässt, ist verlassen.“

Kennt ihr diesen Spruch? Früher hätte ich sofort mit „Stimmt doch gar nicht! Es gibt hervorragende Handwerker!“ geantwortet. Früher. Natürlich weiß ich auch heute noch, dass es in jedem Beruf solche und solche gibt, aber – ihr mögt mir verzeihen – aktuell bin ich etwas vorbelastet und verlasse mich lieber nicht so schnell auf andere.

Handwerker X, der unter anderem für ein angesehenes Einrichtungsunternehmen arbeitet, wurde mir empfohlen und wollte sich tatsächlich sehr gerne Zeit für mein Anliegen nehmen. Aus familiären Gründen musste der Profi jedoch kurzfristig ins Ausland reisen und daher mehrere seiner Termine absagen, auch den Termin mit mir. Netterweise hatte einer seiner Bekannten, ebenfalls ein Mann vom Fach, Zeit und sollte für ihn einspringen. Zum abgesprochenen Zeitpunkt stand ich also im baldigen Zuhause und wartete auf Handwerker Y, der sich vorab die Wohn- und Kinderzimmerwände anschauen wollte. Natürlich hatte ich von den Tapeten mit anspruchsvollem Muster schon mal jeweils eine Rolle dabei. Auch an die lange Röhre mit der XXL-Vlies-Fototapete für eines der Kinderzimmer hatte ich gedacht. Der große Kofferraum im Wagen meiner Schwester erwies sich als besonders praktisch. Alles war gut organisiert, damit sich der Fachmann ein besseres Bild von seiner anstehenden Aufgabe machen konnte. Meine Kids waren bei den Großeltern und das baldige Zuhause stand extra für das Treffen offen. Alles perfekt. Nur der Handwerker fehlte. Er kam nicht.

Meine Schwester, die mir den Kontakt zum erstgenannten Unternehmer beschaffen hatte, seine Vertretung jedoch nicht kannte, griff nach dem Handy und rief den Handwerker an. Ich stand neben ihr, sah wie sie sich genervt an die Stirn fasste und sagte: „Die Adresse habe ich Ihnen, wie besprochen, per SMS geschickt.“ Pause. Der Kerl sprach, dann wieder sie: „Nein, nicht nur eine SMS! Ich habe Ihnen die Adresse mehrfach geschickt!“ Sie schüttelte den Kopf. Ich wunderte mich. Der Kerl hatte doch auch ihre Nummer und hätte sie anrufen können, falls die SMS nicht angekommen wären. Zweifellos hatte er Mist gebaut und versuchte nun alles meiner zuverlässigen Schwester in die Schuhe zu schieben. Unverschämter Mensch. Im Grunde wäre die Sache ganz einfach gewesen, doch meine Schwester wusste, wie dringend ich einen Handwerker brauchte und wie ausgebucht die meisten von ihnen waren. Sie ließ nicht locker. „Gut, wenn Sie in der Nähe sind ….“ Plötzlich wandte sie sich an mich. „Er ist auf einer Baustelle etwa 10 Minuten von hier und könnte herkommen, aber dann schaffst du es nicht mehr zu deinem anderen Termin.“ Ich überlegte und sie zeigte mir schnell die sieben SMS, die sie dem Typen tatsächlich geschickt hatte. Ein Lügner! Aber vielleicht war da ja doch etwas schiefgelaufen. „Er soll kommen, ich warte“, erwiderte ich aus purer Verzweiflung. Also griff sie abermals zum Smartphone. „Dann nenne Ich Ihnen die Adresse jetzt noch einmal.“ Nachdem sie die Straße genannt hatte, hörte ich den Kerl laut sagen: „Also das ist mir zu kompliziert. Schicken Sie mir die Adresse besser per SMS.“

Wisst ihr, ich kann sehr ungeduldig sein. Wut fuhr in meinen Arm und riss meiner Schwester das Handy aus der Hand. Dann hörte ich mich mit dem Mann sprechen.

Er wirkte seltsam lässig bis fröhlich. Ihm schien die Situation nicht neu zu sein und keineswegs unangenehm. „Also, ich könnte entweder morgen kommen oder in fünf Minuten bei Ihnen sein“, fing er an. Ob seine fünf Minuten sich wohl mit meinen deckten? Ich hatte einen geschäftlichen Termin und konnte keine längere Warterei gebrauchen. Daher schlug ich vor, sich am nächsten Abend zu treffen. Seine Antwort vereinfachte mir jegliche weitere Entscheidung immens. „Ja, hm, vielleicht.“ Ein beschwingtes, sehr melodisches VIELLEICHT, das noch lange in meinem Ohr nachhallte. Ich beendete das Gespräch zügig. „Bei mir gibt es kein Vielleicht. Es gibt ein Ja und Nein, aber ein Vielleicht akzeptiere ich nicht!“

Wegen dieses Typen hatte ich in Kauf genommen, zu einem wichtigen Meetup verspätet zu erscheinen. Alles, was ich im Vorfeld hatte organisieren müssen, um das Treffen mit ihm überhaupt auf die Reihe zu bekommen, all das hätte ich mir sparen können.

Danach erhielt ich lieb gemeinte Tipps, welche Malermeister, etc. von hier bis fast nach Bonn „super“ seien. Je beliebter der Handwerker, desto voller sein Terminplan. „Gerne, ab Oktober hätte ich Zeit“, lautete eine der Antworten. Konsequenz: Familie mobilisieren, Ärmel hochkrempeln und alle gemeinsam anpacken. Wände, Böden …. Was soll ich sagen? Wir arbeiteten schneller und besser als so mancher Profi.

Was noch nicht ist, kann ja noch werden

2017-10-17 17.12.49Selbst der harmloseste Satz kann im entsprechenden Zusammenhang an Bedeutung gewinnen.

Wie Motten vom Licht, so werden Menschenmassen von verkaufsoffenen Sonntagen angezogen. Auf mich wirkt dieser Magnet nicht, denn ich bin anders gepolt. Je näher so ein Event rückt, desto mehr stößt mich die Location ab. Ich entferne mich in eine andere Richtung. Doch ganz gleich, wie weit weg ich mich bewege, hin und wieder werden mir Sachverhalte zugetragen, die sich an derartigen Veranstaltungen ergeben. Erst kürzlich erzählte mir ein Bekannter von DEM Gespräch mit einer Kassiererin. „Das war so verrückt!“, meinte er. Als Kunde war er zum ersten (und vermutlich letzten) Mal in einem Fachgeschäft für Jägerbedarf gewesen, nur um zwei Kaffeebecher mit einem schönen Waldmotiv zu kaufen, die er zuvor in der Werbung gesehen hatte. Was man so alles für die gemütliche Herbststimmung zu Hause macht ….

„Haben Sie unsere Kundenkarte?“, fragte die Kassiererin den Kunden zuvorkommend.  – „Nein.“

„Möchten Sie gerne eine haben? Die lohnt sich bereits ab 1000 Euro Jahresumsatz bei uns!“ Ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht. Der Kunde schluckte. Eintausend Euro! Er räusperte sich. „Nein, ich denke nicht, dass ich auf diese Summe kommen werde.“

„Ach was“, winkte die Kassiererin ab, „das geht doch ganz schnell mit der Munition.“ Der Kunde fuhr sich nervös mit der Hand übers Kinn. „Ähm, nein, das verstehen Sie falsch. Ich habe gar keine Waffe.“

Darauf die Kassiererin aufmunternd: „Was noch nicht ist, kann ja noch werden.“

 

(Mit diesem Dialog eröffne ich eine neue Kategorie im Blog: „Im Laden“. Obwohl – oder vielleicht gerade weil(?) – immer häufiger online gekauft wird, entstehen in Geschäften ganz besondere Gespräche. Mal lustig, mal ernst – Hauptsache lesenswert.)

Es geht nicht um Mitleid

Bildschirmfoto 2017-09-18 um 22.09.24Aktuell frage ich mich, ob ich in diesem Blog eine neue Kategorie anlege oder parallel ein komplett neues Blog starte. Kassiererin im Fachgeschäft, verzweifelter arbeitsloser Familienvater auf dem Parkplatz, schlecht bezahlte Akademiker, ernsthaft Erkrankte und andere Mitmenschen sprechen mich auf der Straße an oder schreiben mir und erzählen von ihren Problemen. Was soll ich mit alledem tun? Wie könnte ich helfen?

„Danke, dass Sie sich meinen Kram angehört haben.“

Mit meinen privaten Angelegenheiten möchte ich kein Sprachrohr sein, aber für die Angelegenheiten anderer kann ich gerne als solches fungieren. Denn die meisten Menschen da draußen haben kein Blog, wollen oder können keines haben und, was auch immer davon zutreffen mag, es ist in Ordnung so. Gehen wir daher von genau diesen Menschen aus, vielleicht auch von dir, liebe Leserin/lieber Leser. Bedeutet es etwa, dass eine Person ohne Blog kein Leben hat? Keine Probleme? Nichts zu erzählen? Wohl kaum. Aus unterschiedlichen Gründen werde ich immer wieder von Menschen angesprochen, die einfach nur jemanden zum Reden brauchen. Sie suchen nach einem offenen Ohr, einem Gegenüber, das sich Zeit nimmt und zuhört. Manchmal genügen fünf Minuten. „Danke, dass Sie sich meinen Kram angehört haben. Es tut gut, mal mit jemandem darüber zu sprechen“, bekam ich am Ende eines derartigen Gesprächs zu hören. Es war mitten auf dem Parkplatz eines Supermarktes und ich musste bis auf wenige „Hm“ und „Oh“ nicht viel sagen. Ein arbeitsloser Familienvater, den die Sorgen um seine Familie quälten, wollte mit mir sprechen, weil ich nicht zur Familie gehöre und er das Bedürfnis hatte, die ihn quälenden Gedanken und Schuldgefühle auszusprechen. Insofern sind das manchmal keine Gespräche, sondern Monologe. Ich diene lediglich als Zuhörer.

Dennoch oder gerade deshalb macht mich diese Situation traurig. Menschen begnügen sich mit einem fünfminütigen Gespräch oder der Tatsache, dass ihnen jemand kurz mal die volle Aufmerksamkeit schenkt und sich ihre Nöte anhört. Das ist so wenig und gleichzeitig alles. Es löst nicht ihre Probleme, aber lässt sie durchatmen. Mitunter bietet man als Zuhörer dem Gegenüber also eine Art Ventil. Wenn man sich das mal durch den Kopf gehen lässt, bedeutet es doch, dass ein Mensch ein Gegenüber benötigt, eine Resonanz braucht. Ansonsten könnten diese Menschen, also wir alle, auch einfach mit den Wänden im Wohnzimmer oder auf dem Klo sitzend reden. (Nun gut, das werden die meisten von uns auch schon getan haben.) Dies ist jedoch nicht genug.

Wenn mir jemand etwas anvertraute, dann war es jedes Mal eine Angelegenheit, mit der die betreffende Person nicht allein dasteht, sich aber alleine und teilweise auch verlassen vorkommt. Ein Problem, das viele andere Menschen teilen, aber entweder ungern darüber sprechen oder sich von der Öffentlichkeit (Medien, Gesellschaft, Politik) nicht ernstgenommen fühlen. Entsetzlich. Traurig.

Sie haben kein Blog, aber ich. Sie sprechen mit mir und ich schreibe es auf. Dieser Gedanke geht mir seit Jahren durch den Kopf, wird aber zunehmend konkreter. Die Kassiererin von neulich, die Angst vor dem trüben Herbst hat, möchte ich genauso zu Wort kommen lassen wie andere Personen mit ihren Gedanken. Nicht wie in einer Zeitung und ohne Bilderstory mit unzutreffender, peinlicher Überschrift darüber. Es geht nicht um Mitleid, sondern um Aufmerksamkeit. Keine Meinungsmache. Nur Menschlichkeit.

Marcus aus der 10.1

Heute habe ich erfahren, dass einer meiner liebsten Klassenkameraden gestorben ist.

Eigentlich müsste ich jetzt weiter meine Umzugskartons packen, stattdessen sitze ich auf dem Sofa, das Notebook auf den Knien. Schlucken fällt mir schwer und die Zeilen verschwimmen.

In den letzten Jahren habe ich mehrfach darüber nachgedacht, Marcus zu interviewen und das Gespräch hier zu bloggen. Gedacht, aber nicht getan. Jetzt bereue ich es. Er hätte bestimmt mitgemacht, denn er wollte anderen etwas auf den Weg geben, uns allen zeigen, was wirklich wichtig ist im Leben. Deshalb möchte ich Euch von Marcus erzählen.

Als Teenager war Marcus extrem schüchtern. Sehr zurückhaltend, aber lächelnd. Ein langer, schlanker, blonder und sehr schweigsamer Kerl, dessen Mund meist ein Grinsen umspielte.

Einige Jahre nach dem Schulabschluss, betrat ich die Königsbacher Brauerei, um meine alten Schulfreunde aus der 10.1 zu treffen. Als ich auf den für uns reservierten Tisch zuging, saß dort ein kahlköpfiger Mann. Sein Alter ließ sich auf die Entfernung schwer einschätzen, doch ich war mir sicher, ihn nicht zu kennen. Er schien anderer Meinung zu sein, denn beim Anblick von meiner Freundin und mir, sprang er auf und winkte uns zu. Ich wunderte mich. Wer konnte das sein? Dann lächelte er.

Dieses Lächeln, das konnte nur Marcus sein. Was war geschehen? Wir begrüßten einander und setzen uns an den Tisch. Marcus sah nicht aus wie Marcus und verhielt sich auch nicht so. Der verschlossene Junge von damals saß als extrovertierter, vor Energie sprühender Mann zwischen uns. Er strahlte pure Lebensfreude aus, erzählte Witze – und er erzählte von seinem Leben. Nie zuvor hatten wir ihn so gesehen. Redselig und locker. Marcus hatte sich verändert. Er lächelte nicht nur, sondern lachte und ging aus sich hinaus. Das fiel uns allen auf. Wir sprachen offen darüber. „Naja, wenn man mit Mitte zwanzig bereits geschieden ist und einen Gehirntumor hatte ….“, begann er.

Diesmal waren wir diejenigen, die still dasaßen und zuhörten. Marcus hatte viel durchgemacht und scheinbar an Lebensenergie gewonnen. Es erschien nahezu paradox. Ich bewunderte ihn. „Die Ärzte sagten mir damals, ich hätte etwa 8 % Überlebenschancen“, erzählte er lachend und ich musste an das letzte MRT von meinem Schädel denken und wie groß meine Angst vor dem Ergebnis gewesen war. Ich hatte Glück gehabt und mir vorgenommen, auf die Bremse zu treten, mein Leben ein wenig umzukrempeln. Nichts davon hielt ich ein. Alte Verhaltensmuster sind schwer abzulegen. Doch da saß nun jemand neben mir, der all das Schreckliche tatsächlich am eigenen Leib erfahren hatte. OP, Chemo – alles. Und in all dem Schlimmen hatte Marcus seine zweite Ehefrau kennengelernt, von der er uns voller Freude erzählte. „Wisst ihr, ich hatte Krebs und ihr Sohn hatte Krebs, da sind wir uns in der Klinik begegnet. Und glaubt mir, man kann von Kindern so vieles lernen!“ Er lächelte von einem Ohr zum anderen. „Die Kinder machen ´ne Chemo durch, haben mit Nebenwirkungen zu kämpfen, aber düsen voller Spaß und Inbrunst auf den Bobby-Cars durch die Gänge!“ Er sprach beschwingt, berichtete Ernsthaftes, strahlte aber permanent pure Lebensfreude aus. Ich weiß, dass ich nicht die einzige war, die ihn am liebsten umarmt hätte.

Ein oder zwei Jahre später trafen wir uns wieder. Klassentreffen Nr. 2. An dem Abend saß ich nicht so lange mit am Tisch, sondern wechselte den Raum und leistete den Rauchern Gesellschaft. Die langweiligen Gespräche über familiäre Details, Angebereien usw. hatten mich (Nichtraucherin) in die Raucherecke verjagt. Dort wurde ehrlicher über das Leben gesprochen. Umso erfreuter war ich, als mich Marcus, mit dem ich nicht viel hatte sprechen können, fragte, ob ich ihn nach Hause fahren könne. Ich musste ohnehin in diese Richtung, das passte. Im Auto unterhielten wir uns über das Leben und er erklärte, dass Menschen sich viel zu sehr auf Unwichtigkeiten konzentrieren, Materielles zum Beispiel. „Sich Zeit nehmen, für einander da sein – das ist wichtig“, sagte er. Am liebsten hätte er sich jedes Jahr mit der alten Klasse getroffen. Auch wenn nicht viele kamen, lohnte es sich seiner Ansicht nach. Einander wiedersehen, miteinander sprechen – er wusste das zu schätzen.

Marcus machte sich viele Gedanken um gesellschaftliche Verantwortung und alles Schlimme, das sich die Menschheit selbst antut. Er wollte anderen helfen, manche wachrütteln oder einfach informieren. Das zeigten auch seine Facebook-Postings. Vorgestern war er dort noch aktiv, gestern postete jemand anderer eine Kerze an seine Pinnwand und heute erfuhr ich von seinem Tod.

Wir sind mehrere Leute aus der alten Klasse, die jetzt an dich denken und es nicht fassen können, Marcus. Es tut mir leid, dass es keine weiteren Klassentreffen gegeben hat. Wir haben es leider nicht auf die Reihe bekommen. Vermutlich würde dir jetzt ein lustiger Spruch einfallen, über den wir alle gemeinsam lachen würden. Wir werden dich nicht vergessen.