Bettler: Ein Beruf mit Zukunft?

Verschlossene, überwucherte FensterlädenDie Caritas hat gestern einen kleinen Ratgeber zum Umgang mit bettelnden Menschen veröffentlicht. Den entsprechenden Artikel teilte heute einer meiner Kontakte auf Facebook. Ich las die 13 Tipps der Caritas-Redaktion, empfand widersprüchliche Gefühle und tippte einen Kommentar ab, den ich dann doch nicht postete. Denn einen so langen Kommentar wollte ich niemandem zumuten. Doch wofür hat man einen Blog? Darum jetzt hier meine Gedanken zum Thema.

Ich teile gerne, weil ich so erzogen wurde. Und wenn ich mal ausnahmsweise an einem bettelnden Menschen vorbeigehe, ohne etwas zu geben, sprechen mich meine Kinder darauf an. Die Realität sieht aber nunmal so aus, dass man nicht jedem der inzwischen erstaunlich vielen Bettler in der Stadt Geld geben kann. Und soviel, dass es wehtut? Hm, viele von uns spenden regelmäßig – ich u.a. für eine Krebsstiftung – und haben selbst auch kein überquellendes Konto. Wenn man die Zeitung aufschlägt oder die Blogs von beispielsweise Alleinerziehenden liest, weiß man, dass sich hierzulande immer mehr Familien nicht einmal gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt oder im Sommer Eis für die Kids leisten können. Vielleicht gehören sie trotzdem zu denjenigen, die ab und an einem Bettler etwas in Hut oder Dose werfen. Es ist doch meist so, dass gerade diejenigen, die selbst nicht allzu viel haben, gerne teilen.

Warum das Thema sonst noch schwierig ist? Manchmal frage ich mich zum Beispiel, ob die jungen (und fit wirkenden) Leute Anfang 20 tatsächlich unbedingt betteln müssen oder nicht vielleicht doch auch andere Möglichkeiten haben. Ich habe in dem Alter Schuhregale geputzt – zwar als Studentin, aber zum Angeben war dieser Job gewiss nichts. Trotzdem hat die Arbeit gutes Geld gebracht und mich froh gestimmt. Ich kenne nicht wenige kluge Frauen, die sich über ihren Putzjob freuen.

Schwierig ist das Thema aber auch wegen der negativen Erfahrungen, die man sammelt. Kürzlich sprach mich eine Bettlerin im Zug an. Sie wollte mir für zwei Euro eine Obdachlosenzeitung verkaufen. Ich gab ihr die zwei Euro (bis auf wenige Cent hatte ich keine weiteren Münzen bei mir), aber das genügte ihr plötzlich nicht. Sie sah, das ich mit Kind unterwegs war und meinte, als Mutter müsste ich ihr fünf Euro geben. Es war eine unangenehme Szene, da die Frau sehr aufdringlich agierte und mir meine Geldbörse am liebsten aus der Hand gerissen hätte (nein, da stand kein Hunderteuroschein ab). Plötzlich wurde mir klar, warum alle anderen im Zugabteil diese Frau von Anfang an ignoriert hatten. Ich war quasi der naive Neuling in der Regio-Bahn. „Das ist unverschämt“, sagte ich laut zu ihr. Erst als sie merkte, dass ich mir nicht alles gefallen lassen würde, gab sie nach, sah in den nächsten Waggon rüber und ging. Die Zeitung habe ich übrigens nicht bekommen.

Trotzdem beende ich den Kommentar ungern mit einem negativen Beispiel, denn unsere Gesellschaft ist viel zu egoistisch und man sollte die Bereitschaft zum Teilen fördern.

Im Caritas-Artikel wird aus einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung zitiert: „Mehr Arbeit ist offenbar keine Garantie für weniger Armut. Der Beschäftigungsaufwuchs in Deutschland beruht zu einem großen Teil auf dem Anwachsen der Teilzeitstellen, anderer atypischer Beschäftigungsverhältnisse sowie des Niedriglohnsektors insgesamt”.  Außerdem heißt es, dass häufig „aus armen Haushalten von Arbeitslosen arme Haushalte von Erwerbstätigen werden”, weil das Gehalt zu niedrig ist. Tja, wen überrascht das? Und wer sollte etwas daran ändern? Meiner Meinung nach, dürfte es so etwas nicht geben, dass ein Mensch den ganzen Tag arbeitet und trotzdem zu wenig zum Leben (für sich und seine Familie) hat. 2017! In einer modernen Gesellschaft, die sich als innovativ bezeichnen möchte! Nein, die Lösung ist nicht bei den Armen, Bettlern und emphatischen Fußgängern zu suchen. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

In Zukunft wird es nicht weniger, sondern mehr Arbeitslose und auch mehr Ausbeutung in jeglicher Form geben (da sind wir Menschen doch stets einfallsreich), daher müssen wir uns mit dem Thema Armut gründlich auseinandersetzen. Früher oder später wird es zu wenige geben, die noch etwas haben, das sie dem Bettler geben können. Oder wollen? Denn Wut und Verbitterung steigen ebenfalls. Was nach Schwarzmalerei klingen mag, ist nur ein kleiner Hinweis auf die zunehmend auseinander klaffende Schere unserer Gesellschaft. Es ist ein tiefergehendes Problem, dem man sich sowohl als Einzelner als auch als Gesellschaft und vor allem endlich mal auch in der Politik stellen muss. Geben und Nehmen – daraus besteht das Leben, aber wie kann und sollte das künftig aussehen? Statt 13 Tipps zum Umgang mit bettelnden Menschen, sollte es 13 Forderungen an die Politik geben.

Link: 13 Tipps für den Umgang mit bettelnden Menschen (caritas.de)

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So denkt ein Teenager

Ein 17jähriger erklärte mir seine Welt. Er lag im Krankenhaus und teilte sich das Zimmer mit einem meiner Kinder. Als er nicht einschlafen konnte, begann er von seinem Freundeskreis und dem eigenen Leben zu erzählen.

„Wir suchen nach der wahren Liebe und um uns herum zerbricht alles.“

„Es ist alles so oberflächlich!“, beklagte er. „In der Schule finden immer nur diese Vergleiche statt. Wer ist cooler? Wer hat mehr sexuelle Erfahrungen gesammelt? Und immer nur Äußerlichkeiten. Außerdem muss alles schnell gehen. Längere Beziehungen sind uncool, aber diese kurzen Sachen machen einen nicht glücklich.“

Finn

Interessant, wenn solche Worte von einem zweifellos gefragten Jungen kommen. Groß, sichtbar sportlich und schlau – keine Frage, die meisten Mädchen mussten ihn attraktiv finden. Viel überraschender fand ich jedoch, dass er bei all seinen klugen Worten und gut erläuterten Klagen, nicht auf die Idee kam, auch Mädchen könnten mit so manchem Getue verletzt werden. Auf meinen Hinweis, für Mädchen seien die Situationen, die er beschrieb, auch nicht toll, reagierte er überrascht. „So wie du das sagst, habe ich es noch nicht gesehen. Vielleicht hast du recht.“ Kurze Pause. „Aber viele von ihnen machen einen auf billig. Ernsthaft. Die Mädchen erzählen sich sogar, mit wem von uns sich eine Nummer lohnt“, klärte er mich auf und blickte in sich gekehrt zur Decke. „Weißt du, mein Ziel ist, eine Partnerin zu haben, mit der ich alt werden kann. Es ist aber nicht einfach, so ein Mädchen zu finden.“ Während er sprach und ich dachte, dass er doch erst 17 sei und noch alle Zeit der Welt habe, der passenden Frau über den Weg zu laufen, wurde mir bewusst, dass ich in seinem Alter ähnlich dachte. Einiges verändert sich nicht. Egal wie die Gesellschaft ist, in der wir leben und wieviele Generationen dazwischen liegen, manche Bedürfnisse ändern sich nicht. Vieles von dem, was wir uns als Teenager wünschten, suchen auch die heutigen Jugendlichen. Was sich verändert, sind die Umstände – und diese wirken wiederum auf uns ein.

Finn unterbrach meine Gedanken. „Mensch, wir suchen sehnsüchtig nach der wahren Liebe und um uns herum zerbricht alles. So viele Eltern lassen sich scheiden und die Väter vernachlässigen uns. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele in meinem Freundeskreis schon Selbstmordgedanken hatten! Das Einzige, was mir Mut macht, ist der Blick auf meine Großeltern, die alt sind, sich aber immer noch lieben. Das sieht man! Die sind großartig.“

Man konnte Finns Kopf arbeiten hören. Er machte sich Sorgen um andere Teenager aus seiner Verwandtschaft und aus seinem Freundeskreis. „Ich weiß, wie es ist, wenn der eigene Vater sich keine Zeit für einen nimmt“, bemerkte er. „Inzwischen kann ich damit umgehen, aber ein kleines Mädchen – meine Cousine – ist noch zu jung, um damit klarzukommen. Ihr geht das Desinteresse ihres Vaters noch richtig unter die Haut. Die Eltern haben sich getrennt und der Vater will sie nicht sehen, weil sie das Gesicht ihrer Mutter hat. Er lebt inzwischen mit einer anderen Frau zusammen. Schlimm ist, dass er nur die Tochter nicht sehen will, aber die Söhne gerne an den Wochenenden zu sich nimmt. Erklär das mal diesem Mädchen! Weißt du, wie sich die Kleine fühlt? Ich bin der Einzige, auf dessen Meinung sie hört, weil ihr klar ist, dass ich Ähnliches erlebt habe. Deshalb versuche ich ihr Mut zu machen und zu erklären, dass ihr Lebensglück nicht von dem Typen abhängt.“ Wenn Finn von Scheidung und Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern sprach, war er mit Leidenschaft dabei.

„Was mir Mut macht, ist ein Blick auf meine Großeltern.“

Finn erzählte jedoch nicht nur aus seinem Leben, sondern stellte mir auch Fragen. „Ist der Mann, der vorhin hier war, also dein Ehemann, der Vater deiner Kinder? Oder eines deiner Kinder?“ – „Von beiden“, gab ich zur Antwort und wunderte mich merklich über die Frage. „Hat mich nur so interesssiert. Ist ja nicht selbstverständlich“, erklärte er.

Wir unterhielten uns stundenlang. Es war seine letzte Nacht und meine erste Nacht im Krankenhaus. Während ich vor Sorge um mein Kind nicht schlafen konnte, hielt ihn die Vorfreude auf seine Entlassung wach. Endlich könnte er wieder Sport treiben. Vielleicht vertraute er mir auch deshalb so viel an, weil er dachte, dass ich im sozialen Bereich tätig und, wie er später erwähnte, „von Berufswegen Gesprächspartnerin für Jugendliche“ bin.

„Es hat gut getan, sich mal so richtig auszusprechen“, sagte er am nächsten Morgen. „Man kann nicht mit jedem so reden wie mit dir. Du solltest das irgendwie beruflich machen.“ Die spürbare Aufrichtigkeit seiner Worte tat gut. Auch mir hatte das Gespräch viel gebracht – nämlich einen Blick auf die Probleme der heutigen Jugend aus der Sicht eines Jungen. Nie hätte ich mit soviel Offenheit und Bedürfnis zu einem intensiven Gespräch gerechnet. Finn hatte mich überrascht.

Lustig wurde es aber auch – nicht zuletzt als im Laufe des Vormittages seine Mutter ins Zimmer kam. Die hübsche Frau wirkte kaum älter als ich. Sohn und Mama sahen sehr schön nebeneinander aus, wie Freunde. Als sie kurz den Raum verließ, um mit einer Krankenschwester zu sprechen, konnte ich mich nicht zurückhalten. „Finn, du hast eine sehr attraktive, junge Mutter“, sagte ich. Er machte große Augen. „Danke, hübsch ist sie, aber jung? Eher ziemlich alt. 39 schon!“

Ich lachte laut. „Das ist doch nicht alt!“

Er wirkte irritiert. „Wie alt bist du denn eigentlich?“

„37*.“

 

Wenig später verabschiedeten wir uns. Mit der Türklinke in der Hand, blickte Finn in den Raum zurück. „Man sieht sich zweimal im Leben.“

 

*Inzwischen bin ich 38. Das Gespräch liegt über ein Jahr zurück und war schon lange als Text auf meinem Laptop gespeichert. Kürzlich habe ich ihn zufällig entdeckt und nun mit Euch geteilt. Zu dem Titel hat übrigens mein Sohn geraten, der selbst fast ein Teenager ist.

Die Kassiererin, oder: Von Kundenfreundlichkeit zur Arbeitslosigkeit

KasseEntlassungen werden auch anders genannt und gerne umschmeichelnd beschrieben. Professionell, versteht sich. Doch ob man gefeuert oder lediglich ein Arbeitsvertrag nicht verlängert wird, macht keinen großen Unterschied. Im Endeffekt fällt nämlich eine Geldsumme weg, über die man sich nicht nur gefreut, sondern für die man auch Leistung erbracht hat. Man muss nicht selbst entlassen werden, um traurig zu sein, denn die Entlassungen anderer Menschen können uns ebenfalls konkret betreffen.

Es gibt da einen Spielzeugladen, der gut läuft und von vielen Eltern mit Kindern mindestens einmal pro Woche besucht wird. Nämlich immer dann, wenn ihre Kinder in der Nähe Sport treiben. Das ist täglich der Fall, nur die Familien wechseln. Ich bin alle paar Wochen da, wenn wir mal wieder Schulmaterial benötigen oder Kindergeburtstagspartys anstehen. Im besagten Laden arbeiten sehr nette Frauen. Wie es der Zufall will, stand mehrere Male stets eine ganz bestimmte Verkäuferin an der Kasse, wenn wir kamen. Sie unterhielt sich gerne mit meinem Nachwuchs, gab Tipps, informierte und war herzlich. Als ich eines Tages alleine vor ihr stand, weil mein Jüngstes im Sporttraining weilte und ich diese Zeit für einen Schnelleinkauf nutzen wollte, kam es zu einem unerwartet traurigen Gespräch.

„Demnächst werden Sie mich hier nicht mehr antreffen“, teilte mir die Kassiererin mit. „Mein Vertrag wurde nicht verlängert und ab kommendem Monat bin ich weg.“ Sie blickte traurig durch die große Fensterscheibe nach draußen. „Schauen Sie mal, wie es regnet. Heftig, dieser plötzliche Wetterwechsel, nicht wahr?“ Ich tat es ihr nach und schaute ebenfalls hinaus. Es goss in Strömen. Das war mir vorher gar nicht aufgefallen, doch nun war klar, dass ich in aller Ruhe mit ihr sprechen konnte, wenn ich nicht unbedingt komplett durchnässt an meinem Auto ankommen wollte.

„Was meinen Sie damit, dass Ihr Vertrag nicht verlängert wurde? Sie sind freundlich und zuvorkommend, tragen mit Ihrer Herzlichkeit dazu bei, dass man gerne hier ist – so eine Mitarbeiterin behält man.“ Nun lächelte mein Gegenüber ein wenig.

„Vielen Dank. Ja, ich arbeite seit mehreren Jahren hier – und sehr gerne! Mein Vertrag als Aushilfe wurde bereits zweimal verlängert und bei einer weiteren Verlängerung müssten die mir eine Festanstellung geben. Deshalb tun sie es nicht.“

Ich spürte Wut in mir aufsteigen. „Aber Sie können mir doch nicht erzählen, dass hier keine Verstärkung benötigt wird! Das Weihnachtsgeschäft steht quasi vor der Tür“, werfe ich ein und die Kassiererin nickt.

„Stimmt. Inzwischen kaufen die Leute viel mehr online, aber vor Weihnachten ist hier trotzdem viel los. Dafür wird dann bestimmt kurzfristig jemand engagiert. Eine neue Aushilfe.“ Die Frau seufzt. „Mir geht es nicht einmal so sehr um das Geld, sondern viel mehr um die Aufgabe. Mein Mann verdient gut, ist aber natürlich viel auf der Arbeit und unser Kind ist schon ein Teenager. Ich werde bis zum späten Nachmittag alleine zu Hause sitzen müssen. Da werde ich noch verrückt! Gerade bei dem dunklen Herbst- und Winterwetter!“ Sie blickte wieder nach draußen. Es regnete inzwischen nicht mehr so stark, aber der Himmel war für die Tageszeit ungewohnt dunkel. Ja, die Hochsaison der Depressionen rückte immer näher.

„Es tut mir sehr leid. Ich habe Sie hier stets gerne angetroffen“, sagte ich. Wir wechselten noch einige kurze Sätze und ich verließ den Laden, um meinen Nachwuchs vom Sport abzuholen.

Während ich die erlebte Szene abtippe, bin ich traurig. Online einzukaufen macht häufig Sinn, weil der Kundenservice in vielen Geschäften leider miserabel ist. Verkäufer, die sich verstecken oder keine Ahnung von den Produkten haben, scheinen die Regel zu sein. Doch dort, wo man noch gut beraten wird und menschliche Wärme erfährt, spricht alles für einen Einkauf vor Ort. Mitarbeiter in Geschäften oder Dienstleister allgemein, die etwas von Kundenfreundlichkeit und Kundenservice verstehen, müssen Anerkennung erhalten. Ja, es macht mich traurig, immer wieder Beispiele dafür zu erfahren und zu erleben, dass sich die Dinge in der Berufswelt weiterhin in die falsche Richtung bewegen.

Auch die Tatsache, dass man Arbeit sowohl wegen des Geldes als auch wegen der Beschäftigung braucht, wird häufig unterschätzt. Inzwischen kenne ich mehr als genug Menschen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit psychisch erkrankt sind.

Besagter Kassiererin wünsche ich alles Gute und hoffe, dass nicht noch weitere Mitarbeiterinnen ihren Job in diesem Spielzeugladen verloren haben.

Ein Sommer im Baumarkt, Teil 1: Der Handwerker

WerkzeugMein Sommer, falls sich diese Wochen überhaupt als Sommer bezeichnen lassen, enthielt leider keinen Urlaub. Stattdessen durfte ich Umzugskartons packen, Tapeten sowie Fußböden aussuchen und das neue Zuhause renovieren. Nein, nicht ganz alleine. Allerdings auch nicht mit professioneller Unterstützung, denn die guten Handwerker waren so kurzfristig nicht mehr zu bekommen und diejenigen, die ich hätte kriegen können, wollte ich dann lieber doch nicht. Womit soll ich nun anfangen, mit der Handwerker-Story oder dem unfreiwilligen Baumarkttest?

„Wer sich auf den Handwerker verlässt, ist verlassen.“

Kennt ihr diesen Spruch? Früher hätte ich sofort mit „Stimmt doch gar nicht! Es gibt hervorragende Handwerker!“ geantwortet. Früher. Natürlich weiß ich auch heute noch, dass es in jedem Beruf solche und solche gibt, aber – ihr mögt mir verzeihen – aktuell bin ich etwas vorbelastet und verlasse mich lieber nicht so schnell auf andere.

Handwerker X, der unter anderem für ein angesehenes Einrichtungsunternehmen arbeitet, wurde mir empfohlen und wollte sich tatsächlich sehr gerne Zeit für mein Anliegen nehmen. Aus familiären Gründen musste der Profi jedoch kurzfristig ins Ausland reisen und daher mehrere seiner Termine absagen, auch den Termin mit mir. Netterweise hatte einer seiner Bekannten, ebenfalls ein Mann vom Fach, Zeit und sollte für ihn einspringen. Zum abgesprochenen Zeitpunkt stand ich also im baldigen Zuhause und wartete auf Handwerker Y, der sich vorab die Wohn- und Kinderzimmerwände anschauen wollte. Natürlich hatte ich von den Tapeten mit anspruchsvollem Muster schon mal jeweils eine Rolle dabei. Auch an die lange Röhre mit der XXL-Vlies-Fototapete für eines der Kinderzimmer hatte ich gedacht. Der große Kofferraum im Wagen meiner Schwester erwies sich als besonders praktisch. Alles war gut organisiert, damit sich der Fachmann ein besseres Bild von seiner anstehenden Aufgabe machen konnte. Meine Kids waren bei den Großeltern und das baldige Zuhause stand extra für das Treffen offen. Alles perfekt. Nur der Handwerker fehlte. Er kam nicht.

Meine Schwester, die mir den Kontakt zum erstgenannten Unternehmer beschaffen hatte, seine Vertretung jedoch nicht kannte, griff nach dem Handy und rief den Handwerker an. Ich stand neben ihr, sah wie sie sich genervt an die Stirn fasste und sagte: „Die Adresse habe ich Ihnen, wie besprochen, per SMS geschickt.“ Pause. Der Kerl sprach, dann wieder sie: „Nein, nicht nur eine SMS! Ich habe Ihnen die Adresse mehrfach geschickt!“ Sie schüttelte den Kopf. Ich wunderte mich. Der Kerl hatte doch auch ihre Nummer und hätte sie anrufen können, falls die SMS nicht angekommen wären. Zweifellos hatte er Mist gebaut und versuchte nun alles meiner zuverlässigen Schwester in die Schuhe zu schieben. Unverschämter Mensch. Im Grunde wäre die Sache ganz einfach gewesen, doch meine Schwester wusste, wie dringend ich einen Handwerker brauchte und wie ausgebucht die meisten von ihnen waren. Sie ließ nicht locker. „Gut, wenn Sie in der Nähe sind ….“ Plötzlich wandte sie sich an mich. „Er ist auf einer Baustelle etwa 10 Minuten von hier und könnte herkommen, aber dann schaffst du es nicht mehr zu deinem anderen Termin.“ Ich überlegte und sie zeigte mir schnell die sieben SMS, die sie dem Typen tatsächlich geschickt hatte. Ein Lügner! Aber vielleicht war da ja doch etwas schiefgelaufen. „Er soll kommen, ich warte“, erwiderte ich aus purer Verzweiflung. Also griff sie abermals zum Smartphone. „Dann nenne Ich Ihnen die Adresse jetzt noch einmal.“ Nachdem sie die Straße genannt hatte, hörte ich den Kerl laut sagen: „Also das ist mir zu kompliziert. Schicken Sie mir die Adresse besser per SMS.“

Wisst ihr, ich kann sehr ungeduldig sein. Wut fuhr in meinen Arm und riss meiner Schwester das Handy aus der Hand. Dann hörte ich mich mit dem Mann sprechen.

Er wirkte seltsam lässig bis fröhlich. Ihm schien die Situation nicht neu zu sein und keineswegs unangenehm. „Also, ich könnte entweder morgen kommen oder in fünf Minuten bei Ihnen sein“, fing er an. Ob seine fünf Minuten sich wohl mit meinen deckten? Ich hatte einen geschäftlichen Termin und konnte keine längere Warterei gebrauchen. Daher schlug ich vor, sich am nächsten Abend zu treffen. Seine Antwort vereinfachte mir jegliche weitere Entscheidung immens. „Ja, hm, vielleicht.“ Ein beschwingtes, sehr melodisches VIELLEICHT, das noch lange in meinem Ohr nachhallte. Ich beendete das Gespräch zügig. „Bei mir gibt es kein Vielleicht. Es gibt ein Ja und Nein, aber ein Vielleicht akzeptiere ich nicht!“

Wegen dieses Typen hatte ich in Kauf genommen, zu einem wichtigen Meetup verspätet zu erscheinen. Alles, was ich im Vorfeld hatte organisieren müssen, um das Treffen mit ihm überhaupt auf die Reihe zu bekommen, all das hätte ich mir sparen können.

Danach erhielt ich lieb gemeinte Tipps, welche Malermeister, etc. von hier bis fast nach Bonn „super“ seien. Je beliebter der Handwerker, desto voller sein Terminplan. „Gerne, ab Oktober hätte ich Zeit“, lautete eine der Antworten. Konsequenz: Familie mobilisieren, Ärmel hochkrempeln und alle gemeinsam anpacken. Wände, Böden …. Was soll ich sagen? Wir arbeiteten schneller und besser als so mancher Profi.

Es geht nicht um Mitleid

Bildschirmfoto 2017-09-18 um 22.09.24Aktuell frage ich mich, ob ich in diesem Blog eine neue Kategorie anlege oder parallel ein komplett neues Blog starte. Kassiererin im Fachgeschäft, verzweifelter arbeitsloser Familienvater auf dem Parkplatz, schlecht bezahlte Akademiker, ernsthaft Erkrankte und andere Mitmenschen sprechen mich auf der Straße an oder schreiben mir und erzählen von ihren Problemen. Was soll ich mit alledem tun? Wie könnte ich helfen?

„Danke, dass Sie sich meinen Kram angehört haben.“

Mit meinen privaten Angelegenheiten möchte ich kein Sprachrohr sein, aber für die Angelegenheiten anderer kann ich gerne als solches fungieren. Denn die meisten Menschen da draußen haben kein Blog, wollen oder können keines haben und, was auch immer davon zutreffen mag, es ist in Ordnung so. Gehen wir daher von genau diesen Menschen aus, vielleicht auch von dir, liebe Leserin/lieber Leser. Bedeutet es etwa, dass eine Person ohne Blog kein Leben hat? Keine Probleme? Nichts zu erzählen? Wohl kaum. Aus unterschiedlichen Gründen werde ich immer wieder von Menschen angesprochen, die einfach nur jemanden zum Reden brauchen. Sie suchen nach einem offenen Ohr, einem Gegenüber, das sich Zeit nimmt und zuhört. Manchmal genügen fünf Minuten. „Danke, dass Sie sich meinen Kram angehört haben. Es tut gut, mal mit jemandem darüber zu sprechen“, bekam ich am Ende eines derartigen Gesprächs zu hören. Es war mitten auf dem Parkplatz eines Supermarktes und ich musste bis auf wenige „Hm“ und „Oh“ nicht viel sagen. Ein arbeitsloser Familienvater, den die Sorgen um seine Familie quälten, wollte mit mir sprechen, weil ich nicht zur Familie gehöre und er das Bedürfnis hatte, die ihn quälenden Gedanken und Schuldgefühle auszusprechen. Insofern sind das manchmal keine Gespräche, sondern Monologe. Ich diene lediglich als Zuhörer.

Dennoch oder gerade deshalb macht mich diese Situation traurig. Menschen begnügen sich mit einem fünfminütigen Gespräch oder der Tatsache, dass ihnen jemand kurz mal die volle Aufmerksamkeit schenkt und sich ihre Nöte anhört. Das ist so wenig und gleichzeitig alles. Es löst nicht ihre Probleme, aber lässt sie durchatmen. Mitunter bietet man als Zuhörer dem Gegenüber also eine Art Ventil. Wenn man sich das mal durch den Kopf gehen lässt, bedeutet es doch, dass ein Mensch ein Gegenüber benötigt, eine Resonanz braucht. Ansonsten könnten diese Menschen, also wir alle, auch einfach mit den Wänden im Wohnzimmer oder auf dem Klo sitzend reden. (Nun gut, das werden die meisten von uns auch schon getan haben.) Dies ist jedoch nicht genug.

Wenn mir jemand etwas anvertraute, dann war es jedes Mal eine Angelegenheit, mit der die betreffende Person nicht allein dasteht, sich aber alleine und teilweise auch verlassen vorkommt. Ein Problem, das viele andere Menschen teilen, aber entweder ungern darüber sprechen oder sich von der Öffentlichkeit (Medien, Gesellschaft, Politik) nicht ernstgenommen fühlen. Entsetzlich. Traurig.

Sie haben kein Blog, aber ich. Sie sprechen mit mir und ich schreibe es auf. Dieser Gedanke geht mir seit Jahren durch den Kopf, wird aber zunehmend konkreter. Die Kassiererin von neulich, die Angst vor dem trüben Herbst hat, möchte ich genauso zu Wort kommen lassen wie andere Personen mit ihren Gedanken. Nicht wie in einer Zeitung und ohne Bilderstory mit unzutreffender, peinlicher Überschrift darüber. Es geht nicht um Mitleid, sondern um Aufmerksamkeit. Keine Meinungsmache. Nur Menschlichkeit.

Marcus aus der 10.1

Heute habe ich erfahren, dass einer meiner liebsten Klassenkameraden gestorben ist.

Eigentlich müsste ich jetzt weiter meine Umzugskartons packen, stattdessen sitze ich auf dem Sofa, das Notebook auf den Knien. Schlucken fällt mir schwer und die Zeilen verschwimmen.

In den letzten Jahren habe ich mehrfach darüber nachgedacht, Marcus zu interviewen und das Gespräch hier zu bloggen. Gedacht, aber nicht getan. Jetzt bereue ich es. Er hätte bestimmt mitgemacht, denn er wollte anderen etwas auf den Weg geben, uns allen zeigen, was wirklich wichtig ist im Leben. Deshalb möchte ich Euch von Marcus erzählen.

Als Teenager war Marcus extrem schüchtern. Sehr zurückhaltend, aber lächelnd. Ein langer, schlanker, blonder und sehr schweigsamer Kerl, dessen Mund meist ein Grinsen umspielte.

Einige Jahre nach dem Schulabschluss, betrat ich die Königsbacher Brauerei, um meine alten Schulfreunde aus der 10.1 zu treffen. Als ich auf den für uns reservierten Tisch zuging, saß dort ein kahlköpfiger Mann. Sein Alter ließ sich auf die Entfernung schwer einschätzen, doch ich war mir sicher, ihn nicht zu kennen. Er schien anderer Meinung zu sein, denn beim Anblick von meiner Freundin und mir, sprang er auf und winkte uns zu. Ich wunderte mich. Wer konnte das sein? Dann lächelte er.

Dieses Lächeln, das konnte nur Marcus sein. Was war geschehen? Wir begrüßten einander und setzen uns an den Tisch. Marcus sah nicht aus wie Marcus und verhielt sich auch nicht so. Der verschlossene Junge von damals saß als extrovertierter, vor Energie sprühender Mann zwischen uns. Er strahlte pure Lebensfreude aus, erzählte Witze – und er erzählte von seinem Leben. Nie zuvor hatten wir ihn so gesehen. Redselig und locker. Marcus hatte sich verändert. Er lächelte nicht nur, sondern lachte und ging aus sich hinaus. Das fiel uns allen auf. Wir sprachen offen darüber. „Naja, wenn man mit Mitte zwanzig bereits geschieden ist und einen Gehirntumor hatte ….“, begann er.

Diesmal waren wir diejenigen, die still dasaßen und zuhörten. Marcus hatte viel durchgemacht und scheinbar an Lebensenergie gewonnen. Es erschien nahezu paradox. Ich bewunderte ihn. „Die Ärzte sagten mir damals, ich hätte etwa 8 % Überlebenschancen“, erzählte er lachend und ich musste an das letzte MRT von meinem Schädel denken und wie groß meine Angst vor dem Ergebnis gewesen war. Ich hatte Glück gehabt und mir vorgenommen, auf die Bremse zu treten, mein Leben ein wenig umzukrempeln. Nichts davon hielt ich ein. Alte Verhaltensmuster sind schwer abzulegen. Doch da saß nun jemand neben mir, der all das Schreckliche tatsächlich am eigenen Leib erfahren hatte. OP, Chemo – alles. Und in all dem Schlimmen hatte Marcus seine zweite Ehefrau kennengelernt, von der er uns voller Freude erzählte. „Wisst ihr, ich hatte Krebs und ihr Sohn hatte Krebs, da sind wir uns in der Klinik begegnet. Und glaubt mir, man kann von Kindern so vieles lernen!“ Er lächelte von einem Ohr zum anderen. „Die Kinder machen ´ne Chemo durch, haben mit Nebenwirkungen zu kämpfen, aber düsen voller Spaß und Inbrunst auf den Bobby-Cars durch die Gänge!“ Er sprach beschwingt, berichtete Ernsthaftes, strahlte aber permanent pure Lebensfreude aus. Ich weiß, dass ich nicht die einzige war, die ihn am liebsten umarmt hätte.

Ein oder zwei Jahre später trafen wir uns wieder. Klassentreffen Nr. 2. An dem Abend saß ich nicht so lange mit am Tisch, sondern wechselte den Raum und leistete den Rauchern Gesellschaft. Die langweiligen Gespräche über familiäre Details, Angebereien usw. hatten mich (Nichtraucherin) in die Raucherecke verjagt. Dort wurde ehrlicher über das Leben gesprochen. Umso erfreuter war ich, als mich Marcus, mit dem ich nicht viel hatte sprechen können, fragte, ob ich ihn nach Hause fahren könne. Ich musste ohnehin in diese Richtung, das passte. Im Auto unterhielten wir uns über das Leben und er erklärte, dass Menschen sich viel zu sehr auf Unwichtigkeiten konzentrieren, Materielles zum Beispiel. „Sich Zeit nehmen, für einander da sein – das ist wichtig“, sagte er. Am liebsten hätte er sich jedes Jahr mit der alten Klasse getroffen. Auch wenn nicht viele kamen, lohnte es sich seiner Ansicht nach. Einander wiedersehen, miteinander sprechen – er wusste das zu schätzen.

Marcus machte sich viele Gedanken um gesellschaftliche Verantwortung und alles Schlimme, das sich die Menschheit selbst antut. Er wollte anderen helfen, manche wachrütteln oder einfach informieren. Das zeigten auch seine Facebook-Postings. Vorgestern war er dort noch aktiv, gestern postete jemand anderer eine Kerze an seine Pinnwand und heute erfuhr ich von seinem Tod.

Wir sind mehrere Leute aus der alten Klasse, die jetzt an dich denken und es nicht fassen können, Marcus. Es tut mir leid, dass es keine weiteren Klassentreffen gegeben hat. Wir haben es leider nicht auf die Reihe bekommen. Vermutlich würde dir jetzt ein lustiger Spruch einfallen, über den wir alle gemeinsam lachen würden. Wir werden dich nicht vergessen.

Verrückter Samstag

22. Juli 2017Stell Dir vor, Du wachst auf, gehts raus und alles läuft irgendwie seltsam. So war mein Samstag. Ein Tag voller Müll, Wiederholungen, einer eigensinnigen Kasse und einem Wunder.

Am frühen Morgen … nein … Später als sonst aufgewacht, eine Kleinigkeit gefrühstückt und samt der Familie ins Auto gestiegen, um Sachen zu erledigen…. Ja, damit fing alles an. Aktuell haben wir aufgrund von Renovierungsvorbereitungen samstags mehr zu tun, als der Tag Stunden hat, daher überlegten wir uns genau, in welcher Reihenfolge wir die Dinge erledigen würden. Da wir unter anderem ein Beratungsgespräch bei der Telekom vor uns hatten, lautete unser Ziel: Möglichst viel möglichst schnell hinter uns bringen und dann das Wochenende genießen. Yay!

Papiermania

Nun war das mit dem „Yay!“ gar nicht einfach zu erreichen. Denn wir scheiterten bereits an Punkt A unserer Tagesordnung. Auf dem Weg zur Telekom wollten wir „nur mal schnell“ das Altpapier entsorgen. Zu unserer großen Überraschung waren die wenige Tage zuvor geleerten Container voll. Aus den Öffnungen standen Kartons und Zeitungen hervor. Doch nicht nur das. Auch um die ohnehin großen Container stapelten sich Altpapierberge. Eine regelrechte Müllhalde war das. Woher kam das alles? Warum hatten die Leute derart viel Papier? Leben wir nicht in digitalen Zeiten? Ich meine, Klopapier war das nicht. Müssten wir uns nicht mal Gedanken darüber machen, ob derartige Altpapierberge nicht eventuell vermeidbar sein könnten? Nur nebenbei: Wir fuhren in einen anderen Stadtteil und zwar in eine Gegend, in der es mehr Geschäfte als Wohnungen gibt. Dort stellten wir jedoch die gleiche Situation fest. Kurz: Schon zwei Tage nach der Leerung, sind überall sämtliche Behälter voll. Dabei kann (fast) jeder sein Altpapier am Abholtag vor dem Haus deponieren, damit es abgeholt wird. Wahnsinn.

Alles Magenta oder was?

Nach der Müll-Manie statteten wir der Telekom einen Besuch ab und ließen uns über einen möglichen Festnetzanschluss informieren. Mit unserem aktuellen Anbieter sind wir nicht zufrieden. Es ist folglich die Suche nach dem kleineren Übel, Ihr versteht mich sicher. Überraschung: Der Mitarbeiter war sehr freundlich und es gibt nichts zu erzählen. Dennoch benötigte ich nach dem Gespräch einen Koffeinschub.

Verwirrung in der Bäckerei

Daher ging es ab ins Bäckerei-Café. (Nein, an dieser Stelle kann ich wirklich nichts Negatives über die Telekom-Menschen berichten.) Also weiter zur Szene beim Bäcker: Eine junge, sympathische Bäckereifachverkäuferin fragte, was sie uns reichen dürfe. Jedes Familienmitglied nannte seinen Wunsch. Zweimal. Mindestens. Denn die Mitarbeiterin wollte auf Nummer sicher gehen und fragte JEDES MAL nach, was es denn bitte NOCHMAL sei. „Ein Stück Zebra-Kirschkuchen“, sagte mein Nachwuchs. Die Dame hinter der Theke kniff die Augen zusammen. „Entschuldigung?“„Den Zebra-Kirschkuchen, bitte.“„Ach, zehn Käseküchenstücke!“, meinte die freundliche Frau schließlich und sah uns an, als hätten wir nicht mehr alle Tassen im Schrank. Doch unsere weit aufgerissenen Augen gaben ihr wohl zu denken. „Nicht, oder?“„Nein, zehn Stück wären etwas viel für uns im Augenblick“, erklärte ich lächelnd. Niemand von uns sprach leise oder undeutlich, daher war die Situation ungewöhnlich. „Ich hatte mich auch schon gewundert“, gab sie immerhin zu. „Mein Kind möchte gerne ein Stück Zebra-Kirschkuchen haben“, erklärte ich. Erstaunen huschte über ihr Gesicht: „Ach, den Kuchen haben wir? So heißt er, ja, stimmt, jetzt weiß ich es wieder.“ Irgendwann war ich mit meiner Bestellung dran. „Einen Cappuccino, bitte“, sagte ich daher. „Einen mittleren..?“, fragte sie. Ich freute mich in Gedanken, dass ich mich nicht wiederholen musste und revidiere lediglich: „Nein, ein kleiner genügt mir, danke.“ Daraufhin griff sie zwar zur kleinen Tasse, ließ aber statt der italienischen Variante, normalen Kaffee einlaufen. Nur nebenbei: Einfacher Kaffee wird in dieser Bäckerei gar nicht in klein angeboten, sondern geht erst mit mittelgroß los. Hm. Eigentlich war mir das nicht wichtig, doch eines der Kinder stellte an der Kasse fest: „Das sieht nicht wie ein Cappuccino aus“. Noch bevor ich „Ach, lassen Sie, ist schon in Ordnung“ sagen konnte, lief die nette Frau zum Kaffeeautomaten zurück und brachte mir das gewünschte Getränk. Eine wirklich sehr freundliche und nette Person, die vermutlich auch bloß einen verrückten Samstag hatte.

Seltsame Kasse

Gestärkt ging es zum Supermarkt weiter. Zu Fuß. Das sollte zwischendurch mal erwähnt werden. Wir hatten keinen Großeinkauf nötig, sondern wollten nur einige Kleinigkeiten für den anstehenden Spielabend besorgen. Opa, Papa und Sohn hatten sich verabredet und sollten es gemütlich plus lecker haben. Mit Trauben, Käse, Brezeln und anderen Sachen standen wir schließlich an der Kasse und wunderten uns nicht schlecht, als uns die Kassiererin die zu zahlende Summe nannte. Auch hier schien unser verdutzter Gesichtsausdruck zu fruchten, denn die nette Frau schob ihre Brille zurecht und sagte: „Da ist was komisch!“ Na, immerhin. Sie teilte unseren Eindruck also. Konzentriert betrachtete sie den Kassenbon, der noch im Gerät steckte. „Die Brezel, die sie da in der Tüte haben …. das sind nicht wirklich 74, oder?“ Meine Augenbrauen fuhren zwei Stockwerke höher. „74 Brezel? Nein, es sind sieben.“„Dachte ich´s mir. Daran liegt es. Wenn ich die abziehe, muss es passen. Ja, das waren die Brezel. Wie seltsam, dass es 74 waren.“ Hm, nein, das waren nie 74, aber egal. Vertippen kann sich jeder, überhaupt kein Problem. Wir verließen den Laden, blickten am Kofferraum aber doch noch mal auf den Kassenbon, weil uns die Summe weiterhin etwas seltsam vorkam. Kein Wunder, den Wein hatte die Kassiererin doppelt berechnet. Also zurück ins Geschäft…. Nicht schlimm, vermutlich hatte die ansonsten wirklich nette Frau bloß einen verrückten Samstag.

Das Wunder im Baumarkt

Ihr denkt, das alles sei überhaupt nicht seltsam, verrückt oder sonst irgendwie nennenswert? Dann schocke ich Euch jetzt. Denn nun kommt der Hammer. Auf dem Heimweg hatten wir noch kurz etwas im Baumarkt zu erledigen. Und haltet Euch fest: Ein Baumarkt-Mitarbeiter KAM VON SICH AUS auf uns zu und FRAGTE UNS, OB ER UNS BERATEN dürfe! Zugegeben, er war ein Azubi, aber hey! (Obwohl ich mich natürlich im Nachhinein frage, warum – und WIE? – sie dieses Engagement aus den Azubis rauskriegen….) Der nette junge Mann hatte AHNUNG von dem, was er da sagte. Er kannte sich mit Fußbodenbelägen jeglicher Art aus und beantwortete jede unserer Fragen kompetent. Fassungslos und geradezu euphorisch bedankten wir uns für das ungewöhnliche Gespräch. „Vielen Dank, dass Sie uns so gut beraten haben.“ Ich fügte noch schnell „Einen Moment, ich muss mir Ihren Namen notieren“ hinzu. Der engagierte Mann nickte erfreut. „Habe ich gerne gemacht. Beratung macht Spaß und ist mein Job, aber ich weiß auch, dass das leider selten vorkommt. Übrigens bleibe ich hier noch für etwa fünf Jahre.“ Ihr Menschen da draußen, es geschehen noch Wunder! Es gibt Baumärkte, deren Fachpersonal a) etwas vom Fach versteht UND b) das Fachwissen nicht nur für sich behält, sondern große Freude daran hat, es mit den Kunden zu teilen.

Ihr werdet es mir nicht glauben, aber wenige Minuten später begegnete mir der nette Baumarktmitarbeiter in einer anderen Abteilung wieder. Er ging auf ein Paar mit Teenager-Sohn zu und formulierte die Frage, die eigentlich (da bin ich mir sicher!) auf der Tabu-Liste sämtlicher Baumärkte steht: „Darf ich Sie beraten?“

Na, war das etwa kein verrückter Samstag?