Marcus aus der 10.1

Heute habe ich erfahren, dass einer meiner liebsten Klassenkameraden gestorben ist.

Eigentlich müsste ich jetzt weiter meine Umzugskartons packen, stattdessen sitze ich auf dem Sofa, das Notebook auf den Knien. Schlucken fällt mir schwer und die Zeilen verschwimmen.

In den letzten Jahren habe ich mehrfach darüber nachgedacht, Marcus zu interviewen und das Gespräch hier zu bloggen. Gedacht, aber nicht getan. Jetzt bereue ich es. Er hätte bestimmt mitgemacht, denn er wollte anderen etwas auf den Weg geben, uns allen zeigen, was wirklich wichtig ist im Leben. Deshalb möchte ich Euch von Marcus erzählen.

Als Teenager war Marcus extrem schüchtern. Sehr zurückhaltend, aber lächelnd. Ein langer, schlanker, blonder und sehr schweigsamer Kerl, dessen Mund meist ein Grinsen umspielte.

Einige Jahre nach dem Schulabschluss, betrat ich die Königsbacher Brauerei, um meine alten Schulfreunde aus der 10.1 zu treffen. Als ich auf den für uns reservierten Tisch zuging, saß dort ein kahlköpfiger Mann. Sein Alter ließ sich auf die Entfernung schwer einschätzen, doch ich war mir sicher, ihn nicht zu kennen. Er schien anderer Meinung zu sein, denn beim Anblick von meiner Freundin und mir, sprang er auf und winkte uns zu. Ich wunderte mich. Wer konnte das sein? Dann lächelte er.

Dieses Lächeln, das konnte nur Marcus sein. Was war geschehen? Wir begrüßten einander und setzen uns an den Tisch. Marcus sah nicht aus wie Marcus und verhielt sich auch nicht so. Der verschlossene Junge von damals saß als extrovertierter, vor Energie sprühender Mann zwischen uns. Er strahlte pure Lebensfreude aus, erzählte Witze – und er erzählte von seinem Leben. Nie zuvor hatten wir ihn so gesehen. Redselig und locker. Marcus hatte sich verändert. Er lächelte nicht nur, sondern lachte und ging aus sich hinaus. Das fiel uns allen auf. Wir sprachen offen darüber. „Naja, wenn man mit Mitte zwanzig bereits geschieden ist und einen Gehirntumor hatte ….“, begann er.

Diesmal waren wir diejenigen, die still dasaßen und zuhörten. Marcus hatte viel durchgemacht und scheinbar an Lebensenergie gewonnen. Es erschien nahezu paradox. Ich bewunderte ihn. „Die Ärzte sagten mir damals, ich hätte etwa 8 % Überlebenschancen“, erzählte er lachend und ich musste an das letzte MRT von meinem Schädel denken und wie groß meine Angst vor dem Ergebnis gewesen war. Ich hatte Glück gehabt und mir vorgenommen, auf die Bremse zu treten, mein Leben ein wenig umzukrempeln. Nichts davon hielt ich ein. Alte Verhaltensmuster sind schwer abzulegen. Doch da saß nun jemand neben mir, der all das Schreckliche tatsächlich am eigenen Leib erfahren hatte. OP, Chemo – alles. Und in all dem Schlimmen hatte Marcus seine zweite Ehefrau kennengelernt, von der er uns voller Freude erzählte. „Wisst ihr, ich hatte Krebs und ihr Sohn hatte Krebs, da sind wir uns in der Klinik begegnet. Und glaubt mir, man kann von Kindern so vieles lernen!“ Er lächelte von einem Ohr zum anderen. „Die Kinder machen ´ne Chemo durch, haben mit Nebenwirkungen zu kämpfen, aber düsen voller Spaß und Inbrunst auf den Bobby-Cars durch die Gänge!“ Er sprach beschwingt, berichtete Ernsthaftes, strahlte aber permanent pure Lebensfreude aus. Ich weiß, dass ich nicht die einzige war, die ihn am liebsten umarmt hätte.

Ein oder zwei Jahre später trafen wir uns wieder. Klassentreffen Nr. 2. An dem Abend saß ich nicht so lange mit am Tisch, sondern wechselte den Raum und leistete den Rauchern Gesellschaft. Die langweiligen Gespräche über familiäre Details, Angebereien usw. hatten mich (Nichtraucherin) in die Raucherecke verjagt. Dort wurde ehrlicher über das Leben gesprochen. Umso erfreuter war ich, als mich Marcus, mit dem ich nicht viel hatte sprechen können, fragte, ob ich ihn nach Hause fahren könne. Ich musste ohnehin in diese Richtung, das passte. Im Auto unterhielten wir uns über das Leben und er erklärte, dass Menschen sich viel zu sehr auf Unwichtigkeiten konzentrieren, Materielles zum Beispiel. „Sich Zeit nehmen, für einander da sein – das ist wichtig“, sagte er. Am liebsten hätte er sich jedes Jahr mit der alten Klasse getroffen. Auch wenn nicht viele kamen, lohnte es sich seiner Ansicht nach. Einander wiedersehen, miteinander sprechen – er wusste das zu schätzen.

Marcus machte sich viele Gedanken um gesellschaftliche Verantwortung und alles Schlimme, das sich die Menschheit selbst antut. Er wollte anderen helfen, manche wachrütteln oder einfach informieren. Das zeigten auch seine Facebook-Postings. Vorgestern war er dort noch aktiv, gestern postete jemand anderer eine Kerze an seine Pinnwand und heute erfuhr ich von seinem Tod.

Wir sind mehrere Leute aus der alten Klasse, die jetzt an dich denken und es nicht fassen können, Marcus. Es tut mir leid, dass es keine weiteren Klassentreffen gegeben hat. Wir haben es leider nicht auf die Reihe bekommen. Vermutlich würde dir jetzt ein lustiger Spruch einfallen, über den wir alle gemeinsam lachen würden. Wir werden dich nicht vergessen.

Regenwettergedanken

RegenwetterHeute wachte ich ungewohnt früh auf. Es war noch stockfinster, doch laute Regentropfen erinnerten an das aktive Leben auf der anderen Seite der Fensterscheibe. Während in der Geborgenheit des Raumes alles schlief, erklang draußen eine Melodie, wie es sie schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden gegeben hat. Regen, zunächst leicht, dann hartnäckig.

Wer früh aufwacht, hat mehr Zeit. Es ist, als bekäme man einige Stunden geschenkt. Zeit, die nicht in die 24 Stunden des Tages gerechnet wird. Zeit, die lose im Raum hängt. Man muss nur zugreifen.

So lag ich da und sah zu, wie es heller wurde. Kein Druck, doch noch etwas mehr Schlaf abzubekommen oder an konkrete Dinge zu denken, die heute unbedingt erledigt werden sollten. Einfach nur liegen, entspannen und die Gedanken baumeln lassen. Ist auch mal schön.

Als das erste Tageslicht ins Zimmer fiel, sah ich Legosteine. Fast auf dem Boden liegend, hatte ich sie perfekt im Blick. Grün, gelb, rot und blau standen und lagen sie da als Figuren oder lose verstreut. Manche nennen das Kunst. Sie heißen Kinder und gehören der Gattung an, die ungern aufräumt. „Wir sind Künstler“, behaupten sie.

Nun lagen die Kunstwerke vor mir, bunt im Morgenlicht. Nichts hätte schöner sein können. In den Betten neben mir schliefen meine Kinder wohlig und froh. Das Kind, das in der Nacht Bauchweh gehabt und meine Nähe gebraucht hatte, fühlte sich sichtbar besser. Ich hörte dem Regen zu, genoss die Zeit. Es wurde hell.

Auch jetzt ist es noch früh. Manche fahren bereits zur Arbeit, andere frühstücken vielleicht. Ich sitze auf dem Sofa, trinke Kaffee und höre zu wie allmählich immer mehr Autos die Straße entlang fahren, wie die Regentropfen auf Fensterbretter und Garagendächer fallen, laut in Pfützen platschen.

Guten Morgen.

Verrückter Samstag

22. Juli 2017Stell Dir vor, Du wachst auf, gehts raus und alles läuft irgendwie seltsam. So war mein Samstag. Ein Tag voller Müll, Wiederholungen, einer eigensinnigen Kasse und einem Wunder.

Am frühen Morgen … nein … Später als sonst aufgewacht, eine Kleinigkeit gefrühstückt und samt der Familie ins Auto gestiegen, um Sachen zu erledigen…. Ja, damit fing alles an. Aktuell haben wir aufgrund von Renovierungsvorbereitungen samstags mehr zu tun, als der Tag Stunden hat, daher überlegten wir uns genau, in welcher Reihenfolge wir die Dinge erledigen würden. Da wir unter anderem ein Beratungsgespräch bei der Telekom vor uns hatten, lautete unser Ziel: Möglichst viel möglichst schnell hinter uns bringen und dann das Wochenende genießen. Yay!

Papiermania

Nun war das mit dem „Yay!“ gar nicht einfach zu erreichen. Denn wir scheiterten bereits an Punkt A unserer Tagesordnung. Auf dem Weg zur Telekom wollten wir „nur mal schnell“ das Altpapier entsorgen. Zu unserer großen Überraschung waren die wenige Tage zuvor geleerten Container voll. Aus den Öffnungen standen Kartons und Zeitungen hervor. Doch nicht nur das. Auch um die ohnehin großen Container stapelten sich Altpapierberge. Eine regelrechte Müllhalde war das. Woher kam das alles? Warum hatten die Leute derart viel Papier? Leben wir nicht in digitalen Zeiten? Ich meine, Klopapier war das nicht. Müssten wir uns nicht mal Gedanken darüber machen, ob derartige Altpapierberge nicht eventuell vermeidbar sein könnten? Nur nebenbei: Wir fuhren in einen anderen Stadtteil und zwar in eine Gegend, in der es mehr Geschäfte als Wohnungen gibt. Dort stellten wir jedoch die gleiche Situation fest. Kurz: Schon zwei Tage nach der Leerung, sind überall sämtliche Behälter voll. Dabei kann (fast) jeder sein Altpapier am Abholtag vor dem Haus deponieren, damit es abgeholt wird. Wahnsinn.

Alles Magenta oder was?

Nach der Müll-Manie statteten wir der Telekom einen Besuch ab und ließen uns über einen möglichen Festnetzanschluss informieren. Mit unserem aktuellen Anbieter sind wir nicht zufrieden. Es ist folglich die Suche nach dem kleineren Übel, Ihr versteht mich sicher. Überraschung: Der Mitarbeiter war sehr freundlich und es gibt nichts zu erzählen. Dennoch benötigte ich nach dem Gespräch einen Koffeinschub.

Verwirrung in der Bäckerei

Daher ging es ab ins Bäckerei-Café. (Nein, an dieser Stelle kann ich wirklich nichts Negatives über die Telekom-Menschen berichten.) Also weiter zur Szene beim Bäcker: Eine junge, sympathische Bäckereifachverkäuferin fragte, was sie uns reichen dürfe. Jedes Familienmitglied nannte seinen Wunsch. Zweimal. Mindestens. Denn die Mitarbeiterin wollte auf Nummer sicher gehen und fragte JEDES MAL nach, was es denn bitte NOCHMAL sei. „Ein Stück Zebra-Kirschkuchen“, sagte mein Nachwuchs. Die Dame hinter der Theke kniff die Augen zusammen. „Entschuldigung?“„Den Zebra-Kirschkuchen, bitte.“„Ach, zehn Käseküchenstücke!“, meinte die freundliche Frau schließlich und sah uns an, als hätten wir nicht mehr alle Tassen im Schrank. Doch unsere weit aufgerissenen Augen gaben ihr wohl zu denken. „Nicht, oder?“„Nein, zehn Stück wären etwas viel für uns im Augenblick“, erklärte ich lächelnd. Niemand von uns sprach leise oder undeutlich, daher war die Situation ungewöhnlich. „Ich hatte mich auch schon gewundert“, gab sie immerhin zu. „Mein Kind möchte gerne ein Stück Zebra-Kirschkuchen haben“, erklärte ich. Erstaunen huschte über ihr Gesicht: „Ach, den Kuchen haben wir? So heißt er, ja, stimmt, jetzt weiß ich es wieder.“ Irgendwann war ich mit meiner Bestellung dran. „Einen Cappuccino, bitte“, sagte ich daher. „Einen mittleren..?“, fragte sie. Ich freute mich in Gedanken, dass ich mich nicht wiederholen musste und revidiere lediglich: „Nein, ein kleiner genügt mir, danke.“ Daraufhin griff sie zwar zur kleinen Tasse, ließ aber statt der italienischen Variante, normalen Kaffee einlaufen. Nur nebenbei: Einfacher Kaffee wird in dieser Bäckerei gar nicht in klein angeboten, sondern geht erst mit mittelgroß los. Hm. Eigentlich war mir das nicht wichtig, doch eines der Kinder stellte an der Kasse fest: „Das sieht nicht wie ein Cappuccino aus“. Noch bevor ich „Ach, lassen Sie, ist schon in Ordnung“ sagen konnte, lief die nette Frau zum Kaffeeautomaten zurück und brachte mir das gewünschte Getränk. Eine wirklich sehr freundliche und nette Person, die vermutlich auch bloß einen verrückten Samstag hatte.

Seltsame Kasse

Gestärkt ging es zum Supermarkt weiter. Zu Fuß. Das sollte zwischendurch mal erwähnt werden. Wir hatten keinen Großeinkauf nötig, sondern wollten nur einige Kleinigkeiten für den anstehenden Spielabend besorgen. Opa, Papa und Sohn hatten sich verabredet und sollten es gemütlich plus lecker haben. Mit Trauben, Käse, Brezeln und anderen Sachen standen wir schließlich an der Kasse und wunderten uns nicht schlecht, als uns die Kassiererin die zu zahlende Summe nannte. Auch hier schien unser verdutzter Gesichtsausdruck zu fruchten, denn die nette Frau schob ihre Brille zurecht und sagte: „Da ist was komisch!“ Na, immerhin. Sie teilte unseren Eindruck also. Konzentriert betrachtete sie den Kassenbon, der noch im Gerät steckte. „Die Brezel, die sie da in der Tüte haben …. das sind nicht wirklich 74, oder?“ Meine Augenbrauen fuhren zwei Stockwerke höher. „74 Brezel? Nein, es sind sieben.“„Dachte ich´s mir. Daran liegt es. Wenn ich die abziehe, muss es passen. Ja, das waren die Brezel. Wie seltsam, dass es 74 waren.“ Hm, nein, das waren nie 74, aber egal. Vertippen kann sich jeder, überhaupt kein Problem. Wir verließen den Laden, blickten am Kofferraum aber doch noch mal auf den Kassenbon, weil uns die Summe weiterhin etwas seltsam vorkam. Kein Wunder, den Wein hatte die Kassiererin doppelt berechnet. Also zurück ins Geschäft…. Nicht schlimm, vermutlich hatte die ansonsten wirklich nette Frau bloß einen verrückten Samstag.

Das Wunder im Baumarkt

Ihr denkt, das alles sei überhaupt nicht seltsam, verrückt oder sonst irgendwie nennenswert? Dann schocke ich Euch jetzt. Denn nun kommt der Hammer. Auf dem Heimweg hatten wir noch kurz etwas im Baumarkt zu erledigen. Und haltet Euch fest: Ein Baumarkt-Mitarbeiter KAM VON SICH AUS auf uns zu und FRAGTE UNS, OB ER UNS BERATEN dürfe! Zugegeben, er war ein Azubi, aber hey! (Obwohl ich mich natürlich im Nachhinein frage, warum – und WIE? – sie dieses Engagement aus den Azubis rauskriegen….) Der nette junge Mann hatte AHNUNG von dem, was er da sagte. Er kannte sich mit Fußbodenbelägen jeglicher Art aus und beantwortete jede unserer Fragen kompetent. Fassungslos und geradezu euphorisch bedankten wir uns für das ungewöhnliche Gespräch. „Vielen Dank, dass Sie uns so gut beraten haben.“ Ich fügte noch schnell „Einen Moment, ich muss mir Ihren Namen notieren“ hinzu. Der engagierte Mann nickte erfreut. „Habe ich gerne gemacht. Beratung macht Spaß und ist mein Job, aber ich weiß auch, dass das leider selten vorkommt. Übrigens bleibe ich hier noch für etwa fünf Jahre.“ Ihr Menschen da draußen, es geschehen noch Wunder! Es gibt Baumärkte, deren Fachpersonal a) etwas vom Fach versteht UND b) das Fachwissen nicht nur für sich behält, sondern große Freude daran hat, es mit den Kunden zu teilen.

Ihr werdet es mir nicht glauben, aber wenige Minuten später begegnete mir der nette Baumarktmitarbeiter in einer anderen Abteilung wieder. Er ging auf ein Paar mit Teenager-Sohn zu und formulierte die Frage, die eigentlich (da bin ich mir sicher!) auf der Tabu-Liste sämtlicher Baumärkte steht: „Darf ich Sie beraten?“

Na, war das etwa kein verrückter Samstag?

12 Dinge, an denen du merkst, dass du ein Social-Media-Freak bist

Achtung, die folgenden Punkte können als Warnhinweise dienen. Allerdings darf man sie auch als Anleitung verwenden, falls man schon immer mal ein Freak sein wollte. So oder so: Lesen bildet.Untitled design

Woran erkennst du also, dass du ein Social-Media-Freak bist?

  1. Du hast mehr Social-Media-Accounts als Socken.
  2. Auf der Straße sprichst du Leute mit ihren Twitter-Namen an. (Passiert mir ständig. Ist aber nicht schlimm, da diejenigen selbst *räusper* Freaks sind.)
  3. Du weißt schon vor den Betreffenden, dass ein Interview mit ihnen im Online-Magazin erschienen ist.
  4. Und den Artikel teilst du SOFORT in mehreren Netzwerken. Parallel.
  5. Du stehst mitten in der Nacht auf, um deinen Status zu ändern.
  6. Beim Aufwachen willst du nach dem Smartphone greifen, hälst es aber bereits in der Hand.
  7. Du weißt vor Facebook und Twitter, was trenden wird.
  8. Du suchst in der Tageszeitung die Share-Buttons.
  9. WTF ist eine Tageszeitung!?
  10. Man lädt dich zu Events ein, nur damit du sie online kommentierst.
  11. Mit Barcamp-Stickern kannst du dein Büro tapezieren.
  12. Dein Twitter-Name steht in deinem Personalausweis.

Von Zigarettenwerbung zur Menschlichkeit in Blogs und Barrierefreiheit

mit Blogs für mehr MenschlichkeitWenn ein Werbespot Jahrzehnte nach seiner Erscheinung zum Auslöser einer Gedankenkette wird, kann er nicht schlecht sein. Begegnet war mir die Zigarettenwerbung mal früh am Morgen, als ich bei Facebook vorbeischaute. Gepostet hatte ihn ein deutscher Journalist, der in den USA lebt und arbeitet. Das kurze Video erinnerte mich an eine Szene, die ich am Abend zuvor an der Kasse im Discounter miterlebt hatte. Sofort schlussfolgerte ich, dass sich die Zeiten sehr verändert haben. Heute wäre ein derartiger Werbespot undenkbar.

Am besten schaut Ihr Euch zunächst den Clip aus der „guten alten Zeit“ an.

Gelungene Werbung, finde ich. Da könnte man glatt zur Kippe greifen. Allerdings nur theoretisch, denn heute sieht vieles anders aus. Allein schon die Verpackung! Kürzlich, an einem der besonders heißen Tage, sprang ich auf dem Heimweg schnell beim Discounter vorbei, um Eis zu kaufen. An der Kasse bat ein älterer, leicht angeheiterter Kunde den jungen Kassierer:

„Geben Sie mir doch bitte ein Päckchen Zigaretten.“

Darauf dieser: „Welche wollen Sie denn?“

„Öhm, weiß ich nicht, die sind für ´nen Freund. Ich soll ihm welche mitbringen.“

Der Kassierer kratzte sich am Kinn. „Starke oder leichte?“

„Ach, geben Sie mir einfach irgendein Päckchen“, winkte der Kunde ab.

Keine Ahnung, welche Marke der Verkäufer auf die Kasse legte. Ich sah nur ein großes ekelhaftes Bild darauf. Der alte Mann scheinbar auch, denn er schaute leicht angewidert auf die Ware und sagte plötzlich:

„Wissen Sie was, ich kaufe ihm keine Zigaretten. Soll er doch selber kommen, wenn er das Zeug will.“

Wirken die Abschreckbilder also tatsächlich …. abschreckend? Ich befasse mich für gewöhnlich nicht mit dieser Thematik und mag keine Zigaretten, aber der Geruch bestimmter Zigarettenmarken ist für mich das Tor in eine wundervolle Vergangenheit voller Abenteuer in der Natur, aufgeschürfter Knie, wenig befahrener Straßen und mit einer ordentlichen Portion Geborgenheit. Die 70er und 80er, Ihr wisst schon. Trotzdem habe ich nie selbst geraucht. Keine einzige Zigarette.

Und heute?

Nun könnte dieser Text zu Ende sein und Ihr würdet Euch fragen, warum ich darüber blogge. Vielleicht tue ich es deshalb, weil ich wenige Minuten nach Betrachtung des obigen Werbespots auf dem Blogbeitrag eines Kinderarztes landete, dessen Texte ich gerne ab und an lese. Im betreffenden Blogpost berichtet er von der MedMen2017, einer Konferenz für „Medizinjournalismus“. Den Namen finde ich cool, die Aufmachung ebenfalls. Starke Idee, das muss ich den Veranstaltern lassen.

Und wer nahm daran teil? „Irgendwie die Industrie, irgendwie Journalisten, irgendwie sonstwie Interessierte und irgendwie dann auch „wir“, die Blogger“, schreibt der Doc. Wow, spannende Teilnehmer, meint Ihr nicht auch? Wirtschaft, Presse und Mediziner. Die Journalisten allerdings vermutlich nicht so sehr zur Berichterstattung, sondern eher als Teil des Ganzen, richtig? In Docs Worten ausgedrückt: „Das ganze diente wohl der Zusammenarbeit, dem Kennenlernen und Austauschen der medialen Player rund um den Medizinerzirkus.“

Wenn ich von Vertretern aus „Medizin“ und „Industrie“ oder „Wirtschaft“ in einem Satz lese, bekomme ich leichte Magenschmerzen. Dass sich unser Gesundheitswesen vom Menschen wegbewegt (hat) und eine Wirtschaftsmaschinerie mit überbordender Bürokratie darstellt, wissen wir alle. Bezogen auf das Internet, könnte ich daher an dieser Stelle von Blogger Relations schreiben, auf die tollen und weniger schönen Möglichkeiten hinweisen, die das Netz bietet …. Aber halten wir einfach mal fest: Früher wurden Ärzte gefragt, welche Zigaretten sie rauchen – heute können sie es immerhin selbst bloggen. Was sie mit ihrem Blog anfangen, liegt nämlich in ihrer Hand.

Mit Blogs für mehr Menschlichkeit

Heute können Mediziner ein eigenes Blog starten und uns Normalsterblichen aus allererster Hand über Neues aus ihrem Fachbereich informieren, aufklären, uns Ängste nehmen und durch einen Blick hinter die Kulissen der Praxis oder Klinikwelt uns und sich selbst den Spiegel vorhalten. Solche Blogs können großartig und damit auch Beispiele dafür sein, welche Vorteile das Internet bietet. „Mit Blogs für mehr Menschlichkeit!“, würde ich manchmal gerne rufen.

Denn auch selbst vom Schicksal Getroffene können in die Tasten hauen, ein Podcast starten oder auf anderen digitalen Wegen ihre Erfahrungen kundtun. Wer keine Beeinträchtigungen hat, die ihn im turbulenten Alltag einer Stadt einschränken, ihm das Leben unnötig erschweren, der kann nicht wissen wie das ist. Wir leben in Zeiten unfassbarer Möglichkeiten und könnten uns endlich das alltägliche (und berufliche) Leben erleichtern, tun es jedoch kaum. Wer von Euch hat schon mal in seinem Wohnort darauf geachtet, wie es um Barrierefreiheit steht? Ich nicht. Erst als ich den dafür Beauftragten unserer Stadt zufällig kennenlernte, wies er mich darauf hin, wie viel bei uns noch gemacht werden müsste. Dann traf ich eine Bekannte, die gerade auf Krücken ging. Auch sie hatte viel zu berichten. Und ja, erst als ein Mann mit geschwächtem Gehör in einem meiner Vorträge saß, wurde ich mit damit konfrontiert, dass man auch bei Meetups an sinnesgeschwächte Teilnehmer denken sollte. Nicht zuletzt deshalb bin ich für Offenheit in der digitalen Welt dankbar. Jedenfalls in diesem Zusammenhang.

Denken wir mal an …. früher. Tabuthemen, die Angst und Einsamkeit schürten, wurden in der Vergangenheit auch nur durch das Brechen der Schweigsamkeit überwunden. Was ich damit meine? Beispielsweise, dass früher behinderte Familienmitglieder in Häusern versteckt wurden, weil man kein Aufsehen erregen wollte. Beispielsweise, dass man sich nicht traute laut von der Krebserkrankung eines geliebten Menschen zu sprechen, obwohl einem dieses Schicksal geradezu den Atem raubte. Alles mussten die Betroffenen und ihre Angehörigen mit sich selbst ausmachen. Nicht überall und nicht immer, aber häufig. Wenn durch Blogs oder humanen Medizinjournalismus Menschen – in welcher Form auch immer – geholfen werden kann, dann ist es gut.

In der Realität sieht die Sache leider nicht ganz so rosig aus. Zu viele selbsternannte Experten wollen uns – z.B. potenziellen Patienten, Eltern, Angehörigen, etc. – Ratschläge geben, die mehr schaden als nützen. Zu viele lässt Geld ihr Gewissen und ihre Verantwortung vergessen. Doch auf all das mag ich jetzt nicht eingehen. Viel lieber denke ich an dieser Stelle an all die ehrlichen Blogs und positiven Beispiele dafür, wie (Fach)Leute ihr Wissen und ihre Erfahrung mit ihrer dankbaren und durchaus kritischen (Blog)Leserschaft teilen. Danke.

Nachtrag am 29.06.17:

Der Blogpost zum Anhören.

Du hast mich begeistert, Bodensee!

Es liegen fünf wunderbar entspannte Tage hinter mir. Ein Kurzurlaub am Bodensee. Da ich direkt in den vollgeladenen Alltag zurückgekehrt bin, fehlt mir aktuell die Zeit für einen längeren Blogbeitrag, doch möchte ich gerne schon mal einige Impressionen und Tipps mit Euch teilen.

Meersburg vom Schiff aus
Meersburg (Blick vom Schiff).

Es ist nicht einfach, kurzfristig eine Ferienwohnung am Bodensee zu ergattern. Wir hatten großes Glück. Dass diese wenigen Tage derart schön waren, lag ….

  • an meinen Mitreisenden: der Familie.
  • an unseren sympathischen Gastgebern: Eheleute Rauber.
  • an der Aussicht vom Balkon unserer Ferienwohnung: Bodensee und verschneite Alpen.
  • am schönen Urlaubsort: Immenstaad.
  • an der märchenhaften Blumeninsel Mainau.
  • an den vergnüglichen Schifffahrten zur Insel und zurück.
  • am interessanten und kinderfreundlich gestalteten Zeppelinmuseum in Friedrichshafen.
  • an der beeindruckenden Wallfahrtskirche Birnau.
  • an den netten und humorvollen Menschen, die am Bodensee leben.
  • natürlich auch am angenehm sommerlichen Wetter im Mai.

IMMENSTAAD

 

MAINAU

 

ZEPPELINMUSEUM

 

Als Wahl-Rheinländerin liebe ich die Region, in der ich lebe, aber den Blick auf Bodensee und Alpen hätte ich gerne hierher mitgenommen.

Digital-Allrounder? Habt keine Angst, seid ehrlich und fragt einfach!

Auch Profis wissen nicht alles. Seit Jahren bin ich aktiv im Netz unterwegs, aber seit einem Jahr beschäftige ich mich besonders intensiv mit dem Thema Digitalisierung und allem, was damit zusammenhängt. Einst dachte ich, Unternehmen, die damit werben, andere Betriebe diesbezüglich zu beraten, hätten auf jeden Fall Ahnung. Inzwischen ist mir klar geworden, dass das nicht zwangsläufig stimmt, denn unheimlich viele tun nur so als ob. Der große Bluff.

Zitat von Steve Job

Und plötzlich macht vieles Sinn

Bis vor wenigen Tagen war ich regelmäßig von Ratgeber-Blogs genervt, in denen Profis ihrer Leserschaft die Digitalisierung erklären. Über meine Abneigung gegenüber Buzzwords habe ich bereits gebloggt. Auch wenn mir der inflationäre Gebrauch dieser Begriffe weiterhin auf die Nerven geht, so habe ich doch inzwischen die Notwendigkeit dessen erkannt. Als netzaffiner Mensch, bewege ich mich automatisch unter Gleichgesinnten, das heißt unter Leuten, die beispielsweise wissen, wie Twitter funktioniert. Jedesmal wenn ich dort las, dass mal wieder jemand darüber gebloggt hat, warum Blogs für Unternehmen sinnvoll sind, verdrehte ich die Augen. Wie oft wollten diese Profis denn noch darüber schreiben?! Inzwischen ist mir klar, dass auch ich mich digital in einer Filterblase bewege, denn die Realität in der Wirtschaft da draußen sieht nunmal anders aus.

Seit fast einem Jahr bin ich als Co-Founder der Initiative Koblenz Digital unterwegs, organisiere Meetups, moderiere die Treffen und besuche diverse Veranstaltungen anderer, zum Beispiel, um unsere Community über das Angebot in der Region auf dem Laufenden zu halten. Letzteres ist nicht neu, denn seit ich in den sozialen Netzwerken aktiv bin, werde ich zu Events eingeladen, die sich (nicht nur) digitalen Themen widmen. Warum? Damit ich darüber twittere. Kein Witz! Immerhin haben die jeweiligen Veranstalter erkannt, dass es Vorteile bringt, Außenstehenden den Blick nach innen zu bieten – sie also in gewisser Weise am Event teilhaben zu lassen. Denn vielleicht kommen sie ja auf den Geschmack und sind beim nächsten Mal auch dabei? Kommen künftig doch mal ins Theater? Bauen einen persönlichen Bezug zum Produkt (z.B. Zeitung) auf? Jedenfalls werden zu diesem Zweck beispielsweise Blogger eingeladen, die die Veranstaltung durchs Netz jagen sollen. Über diese Kunst werde ich demnächst schreiben.

Hier möchte ich lediglich festhalten, dass Ratgeber-Blogs oder Tutorials zu digitalen Themen nicht etwa an Bedeutung verlieren, sondern weiterhin dringend benötigt werden. Das erkennt man spätestens, wenn sogenannte Leute vom Fach im Publikum neben dir sitzen und ständig auf dein Smartphone schielen, um herauszufinden, wie das mit Social Media eigentlich funktioniert. Aber nur die wenigsten von ihnen stehen dazu und fragen nach. Viel lieber werfen sie auf der Bühne mit Fachbegriffen um sich und tun so als ob sie etwas davon verstünden. Hauptsache, sie haben Statistiken und bunte Diagramme dabei.

Manche haben nicht die Ausstattung – bei anderen ist sie das Einzige

Schon verrückt, wie es hinter den Kulissen so mancher Unternehmen zugeht. Gewiss sitzen dort Leute vom Fach, aber das „Fach“ hat sich geändert und sie hinken den Veränderungen hinterher. Nun könnten sie sich fortbilden, aber digitale Themen liegen nicht jedem. Das vergessen manche Digitalexperten, die online so herrlich professionell auf Defizite hinweisen. Erinnert euch mal an den Matheunterricht in der Schule. Da hat es auch immer MitschülerInnen gegeben, die angestrengt lernten und trotzdem bestenfalls eine 4 bekamen.

Doch ob man kann und will oder nicht, hat man als Geschäftsführer immerhin die Möglichkeit, andere die Mathearbeit für sich schreiben …. digitalen Themen beackern zu lassen. Leute ausbilden und/oder Profis einstellen, ihnen vertrauen, Freiräume gewähren, sie den Rest des Teams coachen lassen – da gibt es eine Menge Optionen. Sogar jemanden von außen könnte man fragen. Aber wer macht das schon? Welche Agentur gibt sich die Blöße, zuzugeben, dass sie in Sachen Social Media so gut wie keine Ahnung hat? Dass Pressemeldungen kein Problem für sie sind, aber Online-PR ein riesiges Fragezeichen für sie darstellt? Wer gibt zu, dass er zwar ein hammermäßiges Equipment hat, super fotografieren und für die Kunden filmen kann, aber nicht weiß, wie die sozialen Netzwerke funktionieren?

Die einen wissen nicht, wie man Content erstellt, andere wiederum nicht, wie man ihn richtig nutzt und verbreitet.

Lasst euch keine Angst machen!

Auf der IT2KO saß ich in einem Vortrag, an dessen Ende der Redner in etwa sagte: „Leider wird bezüglich Digitalisierung viel mit Angst gearbeitet. Wir brauchen keine Angstmacherei, sondern Mut.“ So ist es. Ich freue mich jedesmal, wenn ich jemanden so sprechen höre, denn zum Glück haben es inzwischen einige erkannt. Ständig und überall wird Druck auf die Menschen ausgeübt – auf Betriebe und auf Privatpersonen. Wie wäre es stattdessen mit positiven Beispielen, die Mut machen?

Denn wie wirkt sich Druck auf uns aus? Genau: kontraproduktiv! Welchen Einfluss hat Angst auf uns? Sie blockiert uns! Was wir in Zeiten der Digitalisierung brauchen, ist jedoch keine innere Bremse und Abwehrhaltung, sondern Offenheit, Reflexion und Freiheit. Denn jeder von uns sollte für sich entscheiden dürfen, was er mitmacht und was nicht. Was für sein Unternehmen notwendig ist und was unnötig oder gar kontraproduktiv wäre. Da vieles inzwischen jedoch viel zu komplex ist, um für jeden von uns einfach verständlich zu sein, benötigen wir mitunter Hilfe – nämlich den Rat von Fachleuten. Das können zum Beispiel Menschen sein, die uns erklären, wie wir als Privatpersonen unsere eigenen Daten oder als Unternehmen die Daten unserer Kunden besser schützen könnten. Ganz egal, um welches Thema auf dem Feld der Digitalisierung es sich handelt, entscheidend ist etwas anderes: Vertrauen. Wen können wir tatsächlich fragen, ohne das er uns belügt oder hintergeht? Wer berät eigentlich gut?

Nur da, wo ohne Überheblichkeit miteinander kommuniziert wird und der Fragende Respekt erfährt, kann wirklich von Unterstützung die Rede sein.

Auf sieben Punkte gebracht

  • Unternehmen wollen innovativ sein, aber dafür müssten sie zunächst für Entspannung im Team sorgen und einen guten Umgang miteinander pflegen, um den Mitarbeitern genügend Freiräume zu gewähren. Ohne Freiräume und eigene Verantwortung können keine fruchtbaren Ideen entstehen.
  • Nicht jedes Unternehmen benötigt das, was die anderen haben. Deshalb ist Beratung von außen so sinnvoll. Denn manchmal ist weniger mehr.
  • Schulen sollen Kids auch digital bilden? Prima, aber dafür genügt es nicht, ihnen ein Tablet in die Hand zu drücken. Die Vermittlung von Werten ist in Zeiten „sozialer“ Netzwerke notwendiger denn je. Um nur ein Beispiel zu nennen.
  • Privatpersonen sollen sich unabhängig von ihrem Alter auch digital zurechtfinden? Tja, wer das ernst meint, wem tatsächlich die Alten oder wie auch immer Benachteiligen nicht gleichgültig sind, der sollte etwas für sie tun. Für uns als Gesellschaft also. Und auch hier gilt: Man muss sich auf die Menschen, ihre Probleme und Fragen einlassen.
  • Fragen kostet (zunächst) nichts. Steht dazu, wenn ihr etwas nicht wisst und lasst euch helfen. Denn diejenigen, die euch helfen, mussten früher auch jemanden fragen und werden es morgen wieder tun. Nur so lernt man dazu.
  • Niemand muss alles an der Digitalisierung toll finden! Ein reflektierter Umgang mit allem Neuen und eine kritische Haltung sind auch hier gefragt. Privat und am Arbeitsplatz. Es lohnt sich, Dinge zu testen, bevor man sie als „Mist“ abtut. Zugleich bedeutet das aber nicht, das man auf jede Sau springen muss, die durchs Dorf getrieben wird. (In punkto Informationsquellen wird sich hoffentlich noch so einiges in den kommenden Jahren bewegen. Spreu von Weizen ..)
  • Innovationen werden von Menschen gemacht und sollen uns Menschen dienen. Thematisiert das. Schreibt und diskutiert darüber – und nehmt einander ernst!
  • Es gibt keine Digital-Allrounder. Frei nach Fontane: Digitalisierung ist ein weites Feld. Hier kann jeder auf seinem Gebiet ein Profi sein – und niemand in allem.
  • ❤️ Teamwork.