Von Zigarettenwerbung zur Menschlichkeit in Blogs und Barrierefreiheit

mit Blogs für mehr MenschlichkeitWenn ein Werbespot Jahrzehnte nach seiner Erscheinung zum Auslöser einer Gedankenkette wird, kann er nicht schlecht sein. Begegnet war mir die Zigarettenwerbung mal früh am Morgen, als ich bei Facebook vorbeischaute. Gepostet hatte ihn ein deutscher Journalist, der in den USA lebt und arbeitet. Das kurze Video erinnerte mich an eine Szene, die ich am Abend zuvor an der Kasse im Discounter miterlebt hatte. Sofort schlussfolgerte ich, dass sich die Zeiten sehr verändert haben. Heute wäre ein derartiger Werbespot undenkbar.

Am besten schaut Ihr Euch zunächst den Clip aus der „guten alten Zeit“ an.

Gelungene Werbung, finde ich. Da könnte man glatt zur Kippe greifen. Allerdings nur theoretisch, denn heute sieht vieles anders aus. Allein schon die Verpackung! Kürzlich, an einem der besonders heißen Tage, sprang ich auf dem Heimweg schnell beim Discounter vorbei, um Eis zu kaufen. An der Kasse bat ein älterer, leicht angeheiterter Kunde den jungen Kassierer:

„Geben Sie mir doch bitte ein Päckchen Zigaretten.“

Darauf dieser: „Welche wollen Sie denn?“

„Öhm, weiß ich nicht, die sind für ´nen Freund. Ich soll ihm welche mitbringen.“

Der Kassierer kratzte sich am Kinn. „Starke oder leichte?“

„Ach, geben Sie mir einfach irgendein Päckchen“, winkte der Kunde ab.

Keine Ahnung, welche Marke der Verkäufer auf die Kasse legte. Ich sah nur ein großes ekelhaftes Bild darauf. Der alte Mann scheinbar auch, denn er schaute leicht angewidert auf die Ware und sagte plötzlich:

„Wissen Sie was, ich kaufe ihm keine Zigaretten. Soll er doch selber kommen, wenn er das Zeug will.“

Wirken die Abschreckbilder also tatsächlich …. abschreckend? Ich befasse mich für gewöhnlich nicht mit dieser Thematik und mag keine Zigaretten, aber der Geruch bestimmter Zigarettenmarken ist für mich das Tor in eine wundervolle Vergangenheit voller Abenteuer in der Natur, aufgeschürfter Knie, wenig befahrener Straßen und mit einer ordentlichen Portion Geborgenheit. Die 70er und 80er, Ihr wisst schon. Trotzdem habe ich nie selbst geraucht. Keine einzige Zigarette.

Und heute?

Nun könnte dieser Text zu Ende sein und Ihr würdet Euch fragen, warum ich darüber blogge. Vielleicht tue ich es deshalb, weil ich wenige Minuten nach Betrachtung des obigen Werbespots auf dem Blogbeitrag eines Kinderarztes landete, dessen Texte ich gerne ab und an lese. Im betreffenden Blogpost berichtet er von der MedMen2017, einer Konferenz für „Medizinjournalismus“. Den Namen finde ich cool, die Aufmachung ebenfalls. Starke Idee, das muss ich den Veranstaltern lassen.

Und wer nahm daran teil? „Irgendwie die Industrie, irgendwie Journalisten, irgendwie sonstwie Interessierte und irgendwie dann auch „wir“, die Blogger“, schreibt der Doc. Wow, spannende Teilnehmer, meint Ihr nicht auch? Wirtschaft, Presse und Mediziner. Die Journalisten allerdings vermutlich nicht so sehr zur Berichterstattung, sondern eher als Teil des Ganzen, richtig? In Docs Worten ausgedrückt: „Das ganze diente wohl der Zusammenarbeit, dem Kennenlernen und Austauschen der medialen Player rund um den Medizinerzirkus.“

Wenn ich von Vertretern aus „Medizin“ und „Industrie“ oder „Wirtschaft“ in einem Satz lese, bekomme ich leichte Magenschmerzen. Dass sich unser Gesundheitswesen vom Menschen wegbewegt (hat) und eine Wirtschaftsmaschinerie mit überbordender Bürokratie darstellt, wissen wir alle. Bezogen auf das Internet, könnte ich daher an dieser Stelle von Blogger Relations schreiben, auf die tollen und weniger schönen Möglichkeiten hinweisen, die das Netz bietet …. Aber halten wir einfach mal fest: Früher wurden Ärzte gefragt, welche Zigaretten sie rauchen – heute können sie es immerhin selbst bloggen. Was sie mit ihrem Blog anfangen, liegt nämlich in ihrer Hand.

Mit Blogs für mehr Menschlichkeit

Heute können Mediziner ein eigenes Blog starten und uns Normalsterblichen aus allererster Hand über Neues aus ihrem Fachbereich informieren, aufklären, uns Ängste nehmen und durch einen Blick hinter die Kulissen der Praxis oder Klinikwelt uns und sich selbst den Spiegel vorhalten. Solche Blogs können großartig und damit auch Beispiele dafür sein, welche Vorteile das Internet bietet. „Mit Blogs für mehr Menschlichkeit!“, würde ich manchmal gerne rufen.

Denn auch selbst vom Schicksal Getroffene können in die Tasten hauen, ein Podcast starten oder auf anderen digitalen Wegen ihre Erfahrungen kundtun. Wer keine Beeinträchtigungen hat, die ihn im turbulenten Alltag einer Stadt einschränken, ihm das Leben unnötig erschweren, der kann nicht wissen wie das ist. Wir leben in Zeiten unfassbarer Möglichkeiten und könnten uns endlich das alltägliche (und berufliche) Leben erleichtern, tun es jedoch kaum. Wer von Euch hat schon mal in seinem Wohnort darauf geachtet, wie es um Barrierefreiheit steht? Ich nicht. Erst als ich den dafür Beauftragten unserer Stadt zufällig kennenlernte, wies er mich darauf hin, wie viel bei uns noch gemacht werden müsste. Dann traf ich eine Bekannte, die gerade auf Krücken ging. Auch sie hatte viel zu berichten. Und ja, erst als ein Mann mit geschwächtem Gehör in einem meiner Vorträge saß, wurde ich mit damit konfrontiert, dass man auch bei Meetups an sinnesgeschwächte Teilnehmer denken sollte. Nicht zuletzt deshalb bin ich für Offenheit in der digitalen Welt dankbar. Jedenfalls in diesem Zusammenhang.

Denken wir mal an …. früher. Tabuthemen, die Angst und Einsamkeit schürten, wurden in der Vergangenheit auch nur durch das Brechen der Schweigsamkeit überwunden. Was ich damit meine? Beispielsweise, dass früher behinderte Familienmitglieder in Häusern versteckt wurden, weil man kein Aufsehen erregen wollte. Beispielsweise, dass man sich nicht traute laut von der Krebserkrankung eines geliebten Menschen zu sprechen, obwohl einem dieses Schicksal geradezu den Atem raubte. Alles mussten die Betroffenen und ihre Angehörigen mit sich selbst ausmachen. Nicht überall und nicht immer, aber häufig. Wenn durch Blogs oder humanen Medizinjournalismus Menschen – in welcher Form auch immer – geholfen werden kann, dann ist es gut.

In der Realität sieht die Sache leider nicht ganz so rosig aus. Zu viele selbsternannte Experten wollen uns – z.B. potenziellen Patienten, Eltern, Angehörigen, etc. – Ratschläge geben, die mehr schaden als nützen. Zu viele lässt Geld ihr Gewissen und ihre Verantwortung vergessen. Doch auf all das mag ich jetzt nicht eingehen. Viel lieber denke ich an dieser Stelle an all die ehrlichen Blogs und positiven Beispiele dafür, wie (Fach)Leute ihr Wissen und ihre Erfahrung mit ihrer dankbaren und durchaus kritischen (Blog)Leserschaft teilen. Danke.

Nachtrag am 29.06.17:

Der Blogpost zum Anhören.

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7 Gedanken zu “Von Zigarettenwerbung zur Menschlichkeit in Blogs und Barrierefreiheit

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