Interview: Hier kannst du niemanden wegklicken

Die sozialen Netzwerke zeigen fortwährend, dass es hierzulande schlecht um die Gesprächskultur steht. Doch nicht nur Shitstorms, Hater oder andere Kommunikationsprobleme im Netz machen stutzig. Auch in Schulen und am Arbeitsplatz beklagen Lehrer und Vorgesetzte, dass es immer mehr Jugendlichen beziehungsweise Mitarbeitern an der Fähigkeit fehlt, sich tatsächlich auf Gespräche einzulassen, zu argumentieren und vor allem auch zuzuhören.

Der Salon ist ein Ort, an dem Sprachkultur gefördert wird.

Ich hatte das große Glück, den Zukunftsgestalter Franz-Josef König kennenzulernen, der sich aus Hingabe für die Gesprächskultur einsetzt. Vor 10 Jahren gründete er im Schloss Liebieg einen Salon und bietet dort seitdem Salongespräche an. Was das genau ist und warum ihm so viel daran liegt, obwohl er beruflich mehr als genug zu tun hat, habe ich ihn im folgenden Interview gefragt. #longread

Lächelnd im Interview

AK: Franz-Josef, erzähl uns bitte als Erstes, was ein Salon überhaupt ist.

FJK: Ein Salon hat eine lange Tradition. Die Salons wurden gegründet von Frauen der gehobenen Gesellschaft, um sich in guter Atmosphäre mit anderen unterhalten zu können. Früher war der Salon Treffpunkt für Menschen aus unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft, um sich über aktuelle Themen in der Gesellschaft und der Politik auszutauschen. Das ist auch die Idee, die mich inspiriert hat, vor zehn Jahren den Salon im Schloss zu gründen. Ich wollte diesen Gedanken wieder aufleben lassen und damit das gut wird, den Salon hier einrichten.

Im Salon geht es darum, dass man in eine Kommunikation mit den Menschen, die hier sind, einsteigt, Argumente austauscht, eine Meinung hat und diese hier auch vertritt.

AK: Also hast du dir diese Zeit bewusst dafür genommen, obwohl du ohnehin schon als Unternehmer viel um die Ohren hattest.

FJK: Ja, ich war oft in Kontakt mit Unternehmern und merkte, dass wenn man sich ein wenig näher kennenlernt, man sehr schnell auch über andere Dinge spricht – über Dinge, die die Menschen bewegen. Da habe ich mir gedacht: Warum kann man das nicht auch außerhalb von Businessgesprächen machen? Und so ist es dann dazu gekommen.

AK: Und jetzt machst du das seit fast zehn Jahren. Hast du im Laufe der Jahre eine Veränderung festgestellt? Wie hat sich das alles entwickelt?

FJK: Ja, ich habe in den 10 Jahren Veränderungen festgestellt, insbesondere im Kommunikationsverhalten. Ich erlebe, dass Menschen sich schwerer damit tun, miteinander ins Gespräch zu kommen – das mag im Zusammenhang mit der Digitalisierung sein – aber auch, dass Menschen mehr konsumieren möchten. Und hier im Salon geht es ja darum, sich aktiv einzubringen. Hier kann man nicht zuhören und sich vielleicht amüsieren, erstaunen oder beeindrucken lassen, sondern im Salon geht es darum, dass man in eine Kommunikation mit den Menschen, die hier sind, einsteigt, Argumente austauscht, eine Meinung hat und diese hier auch vertritt – zu einem bestimmten Thema, zu dem hierher eingeladen wird.

AK: Wenn du zurückblickst, gab es da Themen, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

FJK: Mich hat immer sehr beeindruckt, wenn es um persönliche Themen des Menschen ging. Also zum Beispiel „Krise als Chance“ ist so ein Thema gewesen. Das haben wir einige Male hier schon gehabt. Und es hat mich zum Teil sehr beeindruckt, wie Menschen in diesen Gesprächen berichtet haben von ihren persönlichen Krisen, von beruflichen Krisen und wie sie dann doch gestärkt aus diesen Krisen herausgegangen sind – und sich zum Teil völlig verwandelt haben, andere Menschen waren und andere Berufe ausgeübt haben. Dann haben wir einige Male über das Thema „Umgang mit Komplexität“ gesprochen. Und auch das hat mich immer wieder fasziniert – wie Menschen diese komplexe Welt, in der wir sind, erleben und wie sie sich darin verhalten.

Salonkultur zeichnet sich durch Werteorientiertheit, Redefreiheit und Verschwiegenheit aus.

AK: Das heißt, die Gesprächsteilnehmer gehen sehr aus sich heraus?

FJK: Ja, wir haben hier die Salonkultur, symbolisiert auch durch das Kreuz, das für die christlichen Werte steht, für Ethik. Dann durch den Narren, also die Narrenfreiheit – die Redefreiheit, die hier herrscht. Und die Schweigerose über der Tür, die besagt, dass alles, was im Raum besprochen wird, auch hier bleibt. Das ist die Salonkultur und wird vor jedem Gespräch nochmal erläutert. Immer wieder kommt es vor, dass sich Teilnehmer von Salongesprächen auf die Salonkultur beziehen, darauf hinweisen und sehr vertrauliche, persönliche Informationen über sich preisgeben.

AK: Und wie ist das Feedback der Teilnehmer, wenn sie vorher so viel über sich erzählt und ihre Meinung kundgetan haben? Kriegst du da Rückmeldungen?

FJK: Was ich durchweg immer wieder an Rückmeldungen höre, ist wie angenehm die Menschen die Atmosphäre im Salon einschätzen. Wie sie es genießen, beachtet zu werden, respektiert zu werden, dass jemand zuhört und auf ihre Argumente eingeht. Da es eine Atmosphäre ist, wo es nicht um das Ego geht. Wo es nicht darum geht, sich zu präsentieren und es nicht um eine persönliche Performance geht, sondern wo ich als Mensch so bin, wie ich bin und nicht irgendjemandem etwas beweisen muss.

AK: Das ist im Grunde das, was in unserer Gesellschaft zu fehlen scheint. Wenn man sich in die sozialen Netzwerke begibt und schaut, wie da miteinander kommuniziert wird, dann habe ich den Eindruck, täte so manchem ein Salongespräch gut.

FJK: Ja, ich halte es für unbedingt wichtig. Einmal natürlich, um den Menschen, für die das wichtig ist, die Möglichkeiten zu geben und den Raum zu schaffen und sowas anzubieten. Aber mittlerweile sehe ich auch den Salon als einen Ort, an dem Sprachkultur gefördert wird, überhaupt erlebbar wird. Ich glaube, manch einer, der hierhin kommt, wird vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt in so eine Situation kommen, wo in dieser Art und Weise, wie hier im Salon, miteinander umgegangen wird – in Respekt und Wertschätzung miteinander kommuniziert wird.

In dieser Atmosphäre können wir sehr respektvoll und wertschätzend miteinander kommunizieren – und das macht uns stark, um dann auch in anderen Situationen unsere Meinung zu vertreten.

AK: Ja, das kann ich bestätigen. Ich durfte ja auch schon dabei sein und habe das sehr genossen. Aber vielleicht erzählst du mal, wie so ein Salongespräch überhaupt abläuft.

FJK: Ein Salongespräch ist fast ein Ritual. Und ich glaube, dass das wichtig ist. Denn es bedeutet nämlich, dass Menschen, die einmal hier waren und wieder hierhinkommen, sofort wieder auch in diesem Spirit des Salons sind.

Es nehmen in der Regel sieben bis acht Gäste am Salongespräch teil. Mehr geht auch nicht und macht auch keinen Sinn, weil man sonst nicht miteinander kommunizieren kann. Als Erstes geht es also darum, die Geschichte, die Philosophie und die Kultur des Salons vorzustellen und dann stelle ich das Thema kurz vor, aber wirklich nur in einer halben Minute, um nicht gleich schon zu viel Input zu geben. Und dann wird jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin darum gebeten, sich persönlich vorzustellen und schon mal zwei, drei Hinweise zu geben, was sie oder ihn besonders an dem Thema interessiert. So macht es dann die Runde und ich nehme in dem Moment schon Argumente auf, höre was die Positionen der Teilnehmer zum Thema sind und greife das dann hinterher im moderierten Gespräch immer wieder auf. So ergibt sich eine lebhafte Diskussion, die ungefähr anderthalb Stunden dauert. Dazu gibt es immer Wein, natürlich Riesling hier aus der Region, und es gibt auch Wasser und Brot dazu. Die Kulinarik steht aber im Hintergrund.

Am Ende läute ich die Schlussrunde ein, es gibt noch einen Eintrag ins Gästebuch und seit einigen Jahren hat es sich eingebürgert noch eine Klangmeditation zu machen. Ich habe auch einen Meditationsraum hier im Schloss. Das ist dann nochmal ein kleiner Höhepunkt – zum Abschluss in einer Klangmeditation das Gespräch zu reflektieren und sich beschwingt auf den Heimweg zu machen.

AK: Würdest du sagen, dass das eine der Besonderheiten dieses Salons ist – die Klangmeditation danach?

FJK: Ja, ich glaube, das gesamte Paket, so nenne ich das jetzt mal, ist etwas Besonderes. Einmal den Salon hier zu erleben, einmal die Nähe zu erleben, die die Menschen zum Teil zu den anderen haben, die sie vorher nie gesehen haben – und trotzdem merkt man, da entsteht eine Verbundenheit. Das macht sicherlich der Raum hier und die Atmosphäre, in der wir hier sind. Und danach dann noch die Gongmeditation zu erleben, ist etwas ganz Besonderes. Mich sprechen manchmal Menschen an, die schon vor Jahren mal hier waren, das erlebt haben und sagen „Das ist mir immer noch präsent, dass ich damals diese Gongmeditation erleben durfte“.

AK: Wer sind die Gäste, die hierher kommen?

FJK: Dadurch, dass wir Menschen einladen, die in der Gesellschaft in irgendeiner Form Verantwortung übernehmen – ob es im Rahmen eines Unternehmens ist, einer Organisation, in einem Verein oder in einer Schule oder wo auch immer, sind es meist Menschen, die irgendeiner Verpflichtung nachgehen. Überwiegend geht es ihnen darum, sich über ein bestimmtes Thema auszutauschen und zu erfahren, ob es andere Menschen gibt, die vielleicht so wie sie über dieses Thema denken. Bedeutend ist, dass sich der Salon sehr stark an seine Werteorientierung hält, also hier geht es wirklich um Werte, Ethik, um Offenheit, um Respekt, Wertschätzung und Toleranz. Wenn wir zum Beispiel über Arbeiten 4.0 sprechen oder über das Thema Populismus, dann ist es natürlich wichtig für mich und für andere zu erfahren: Wie wird denn auf meine Meinung reagiert? Wie argumentiere ich denn? Wenn wir nicht hier im Salon lernen zu argumentieren – in dieser Atmosphäre -, wie soll es dann funktionieren, wenn wir draußen sind, am Arbeitsplatz, in der Familie oder im Freundeskreis anfangen über unsere Meinung zu sprechen? Hier können wir das sehr respektvoll und wertschätzend tun – und das macht uns stark, um dann auch in anderen Situationen unsere Meinung zu vertreten.

Das ist ein großer Unterschied zu den digitalen sozialen Netzwerken: Wenn hier jemand deine Meinung nicht teilt, kannst du ihn nicht einfach wegklicken.

AKWürdest du sagen, dass ein Salongespräch einem Kraft geben kann? Und kann es auch sein, dass man mit neuen Argumenten wieder rausgeht?

FJK: Ja, unbedingt. Es gibt einmal Kraft, weil ich natürlich eventuell Bestätigung bekomme, doch es kann vielleicht auch im ersten Moment sein, dass ich denke „Hoppla, meine Meinung ist hier auf Widerstand gestoßen“. Aber auch das ist ja gut, weil ich dann nochmal überprüfen kann: Bin ich mit meinen Gedanken auf einem guten Weg? Und des Weiteren nehme ich auch Argumente mit auf. Und das ist der Unterschied zum Beispiel zu der Kommunikation in den digitalen Medien. Wenn da jemand meine Meinung nicht akzeptiert, dann klicke ich ihn weg oder hetze nochmal und beleidige ihn vielleicht, aber ich setze mich nicht mehr mit ihm auseinander. Ich umgebe mich nur noch mit den Menschen, die meine Meinung bestätigen. Und das ist im Salon nicht der Fall. Es geht hier niemand einfach raus, weil ihm die Gesellschaft nicht passt, sondern hier findet eine Auseinandersetzung statt, die ja sehr wichtig ist.

AK: Du moderierst die Salongespräche. Was sind da die Herausforderungen für dich?

FJK: Die Herausforderung ist, jeden Menschen, der hier sitzt, zu ermutigen, seine Meinung kundzutun. Wir haben hier einerseits Menschen, die rhetorisch sehr begabt sind. Denen fällt das leicht. Aber wir haben hier auch Menschen, die ihre Meinung haben, aber denen es schwerfällt, sie auszudrücken, in Worte zu fassen. Diejenigen dabei zu unterstützen und zu ermutigen das zu tun, ist auch wichtig. Hier gibt es keine Rangordnung zwischen Menschen, die sich vielleicht besser ausdrücken können und anderen. Mich persönlich interessiert die Vielfalt der Meinungen. Letztendlich möchte ich auch diesen Ort entwickeln und pflegen, damit diese Kommunikationskultur erhalten bleibt.

AK: Der Salon ist in seinem zehnten Bestehungsjahr und du hast mir erzählt, dass das Gästebuch voll ist. Das heißt, ein neues wird angelegt und passend dazu soll es auch einen neuen Themenfokus geben?

FJK: Ja, bisher haben wir die Salongespräche im Kontext von Unternehmen organisiert. Natürlich haben wir auch immer Randthemen angesprochen, aber es war stark auf Führungskräfte und Unternehmer fixiert. Der Salon im Schloss hieß ja auch im zweiten Namen Unternehmersalon. Diese Grenze möchte ich aufheben, das heißt auch mehr Menschen ansprechen, die etwas zu dem Thema zu sagen haben und sich zu dem Thema Gedanken machen, das wir ansprechen – unabhängig davon, ob sie unternehmerisch tätig sind. Wer etwas zu dem Thema zu sagen hat, ist hierher eingeladen, egal aus welchem Bereich er kommt. Entscheidend ist, dass er die Werte des Salons akzeptiert.

AK: Wie siehst du die Zukunft des Salons?

FJK: Das ist eine gute Frage. Ich selbst bin ja auch als Zukunftsgestalter. Für mich ist es wichtig zu erfahren und zu erleben, dass meine Vision, die ich mit dem Salon verbinde, auf die Menschen stößt, die nach so etwas suchen. Da stehe ich zum Teil noch am Anfang und brauche auch Unterstützung und suche nach Gleichgesinnten, die den Salon und seinen Gedanken weiterentwickeln und mittragen möchten. Den Salon wird es immer geben, davon bin ich überzeugt. Dieser Raum inspiriert, macht nachdenklich. Hier finden andere Gespräche statt, als vielleicht in einem Restaurant oder einem Konferenzraum, deshalb ist es mir wichtig, diesen Raum auch weiter zu nutzen, anzubieten und auch den Menschen, die sich für diese Art der Gespräche interessieren, zu erhalten.

AK: Ich finde das sehr spannend, bin davon überzeugt, dass das eine gute Sache ist und wünsche dir weiterhin viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

FJK: Vielen Dank auch für deine Fragen, Alexandra.

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