Tagsüber im Museum

museum-sind-nicht-fur-alle-daNachts ist in Museen bekanntlich mit allem zu rechnen. Ihr wisst schon, mit viel Fantasie – wie in den Filmen. Doch was, wenn die Realität selbst den krassesten Filmplot überbieten würde? Und zwar sogar bei Tageslicht! Kaum zu glauben, aber da scheint sich etwas zu verändern in den deutschen Museen. Etwas, das – so liest man – manche Zuständigen in kalten Schweiß ausbrechen lässt. Na, was könnte das sein?

Von Wegen zum Leben erwachte Statuen, Zombies, Außerirdische oder …. Obwohl, vielleicht wirken Legastheniker, körperlich Beeinträchtigte und *räusper* unterdurchschnittlich Intelligente auf höchst qualifizierte Museumsbosse und extrem fachkundige Besucher so ungewohnt, dass sie quasi als Wesen vom fernen Planeten wahrgenommen werden. Wer weiß? Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass dem so ist, daher brachte mich der kürzlich veröffentlichte Artikel „Deutsche Museen machen es ihren Besuchern nicht leicht. Die Angst vor dem offenen Haus für alle“ ins Grübeln. Denn vor allem die dort zitierte Frage, die der engagierten Museumspädagogin Birgit Baumgart gestellt worden war, schockierte mich beim Lesen. „Wollen Sie diese Leute wirklich im Museum haben?“ hatte man sie gefragt, als „Blinde, Gehörlose und Menschen mit kognitiven Schwierigkeiten“ zur Vernissage gekommen waren. Die Frage kam übrigens von einer Sammlungsleitern. Des Weiteren ist im Artikel zu lesen, dass die Museen zwar Kinder inzwischen als Zielgruppe erkannt hätten, Erwachsene mit gewissen Besonderheiten – wie beispielsweise höherem Alter – jedoch weiterhin nicht oder zu wenig berücksichtig würden. An dieser Stelle fiel mir etwas ein, das ich selbst mal beobachtet hatte.

Als in den Ferien schlechtes Wetter gemeldet war, fuhr ich mit meinen Kids bereits am Morgen ins Museum. Dort wurden zu dem Zeitpunkt die Cover von Die drei ??? ausgestellt. Für mich persönlich von geringem Interesse, aber was tut man nicht alles für den Nachwuchs, nicht wahr? So früh am Tage war in den Räumlichkeiten kaum jemand außer uns. Konkret: Eine Museumsangestellte, die sichtlich nichts von der Ausstellung verstand, zwei Teenager, die bald wieder gingen und eine ältere Besucherin, die sich mit der Thematik sehr gut auszukennen schien. Die große und schlanke alte Dame hatte nach einer Weile Mühe auf den Beinen zu stehen. Sie blickte auf die drei bunten Sitzsäcke, die man auf dem Boden drapiert hatte und erklärte der Museumsfrau: „Wissen Sie, hier ist einiges gut gemacht, aber die Sitzgelegenheiten sind nichts für alte oder geschwächte Leute.“ Wie wahr! Ich fühle mich jung und bin fit, aber die Sitzsäcke waren sichtlich für Kids und Teens gedacht. Sie standen dort, wo man sich per MP3-Player u. a. Interviews mit der Künstlerin Aiga Rasch anhören konnte. Wer sich hinsetzte, lag quasi auf dem Boden. Nebenbei: Mit der Technik kannte sich die (wirklich!) freundliche Mitarbeiterin leider nicht aus. Und versteht mich bitte nicht falsch, ich gebe dieser Frau keine Schuld daran. Die Museumsleitung sollte dafür sorgen, dass alle MitarbeiterInnen auf dem aktuellsten Wissensstand bezüglich betreffender Ausstellungen sind. So war die nette Frau zwar bei allem bemüht, aber zugleich leider überfordert. Eine blöde Situation auch für sie selbst.

Als Otto Normalbesucherin ohne kunsthistorisches Fachvokabular im Hirn, hätte ich mir niemals angemaßt eine Beurteilung der Ausstellung zu äußern. Buchcover in einer scheinbaren Einfachheit wie es nunmal typisch ist für DIE drei ??? ,  betrachte ich eher oberflächlich und entdecke daher nicht sofort deren Besonderheiten. Um es vorsichtig auszurücken. Aber ich habe stets die Absicht, ein Museum schlauer zu verlassen als ich es betreten habe. Daher blätterte ich in besagter Ausstellung ein dickes Buch durch, dessen Herausgeber sich intensiv mit den Covern befasst hatten. Nach der Lektüre war ich nicht wesentlich klüger als zuvor. Um ehrlich zu sein, war das Buch zwar schön gearbeitet, wirkte jedoch nicht übersichtlich genug, um GERNE darin zu recherchieren. Neben dem Buch hatten die fachkundigen Menschen vom Museum einen schnöden schwarzen Ordner hingelegt, der etwa 15 oder 20 in Schutzhüllen gesteckte Seiten enthielt. Von außen unattraktiv und innen wie primitive Collagen gestaltete Blätter. Was soll ich Euch sagen? Allein diesem Ordner habe ich zu verdanken, dass mich die Ausstellung plötzlich tatsächlich zu interessieren begann. Den Rest der Ausstellung betrachtete ich mit anderen Augen. Was der Ordner im Gegensatz zum Buch geboten hatte, möchtet Ihr wissen? Er enthielt beispielsweise Kopien alter Zeitungsausschnitte oder Werbeplakate, von denen sich die Künstlerin hatte inspirieren lassen. Zuerst sah man das ursprüngliche Bild (manchmal waren das mehrere Bilder; samt Quellenhinweis usw.) und dann das Ergebnis, also das entsprechende Buchcover. So simpel und doch so wichtig. Der direkte Vergleich, konkret und übersichtlich.

Jetzt denkt Ihr womöglich, es habe an mir gelegen und das Buch sei in Wahrheit deutlich besser als der blöde Ordner. Tja, das dachte ich auch. Doch dann sah und hörte ich, wie die kluge alte Dame mit der Museumsangestellten sprach. Zu dem Zeitpunkt hatte sie der Mitarbeiterin nicht nur spannende Hintergrundstorys über die Künstlerin erzählt (Wahnsinn, kannte sie sich aus!), sondern hatte sowohl das Buch als auch den Ordner unter die Lupe genommen. Nun standen die beiden Frauen also da und die alte Frau sagte: „Wissen Sie, dieser Ordner ist viel besser als das Buch. Hier wird deutlich, worum es überhaupt geht. Das Buch bringt es nicht rüber.“ Yes! Es lag also nicht an mir! Wenn eine derart bewanderte, intelligente und mit dem Thema vertraute Dame meine Meinung teilte, konnte ich beruhigt sein.

Insofern: Es geht nicht nur um besonders intelligente oder irgendwie benachteiligte Museumsbesucher, sondern um Menschlichkeit und die Frage, ob ein Museum nur zum Schauen oder auch zum Verstehen und Lernen ist. Wenn ein Museumsbesuch zum Erlebnis werden soll, bei dem man etwas vermittelt bekommt und/oder an das man sich später noch erinnert, dann müssen sich die Menschen hinter den Museumskulissen in ihre Besucher hineinversetzen. Und nein, liebe Museumsexpertinnen und Experten, ein Museum sollte nicht für eine ausgewählte Klientel, sondern für alle offen sein. Museen bedeuten Wissen und Bildung – also etwas, auf das jeder ein Anrecht hat. Wir sollten die heutigen Möglichkeiten nutzen und die Türen öffnen.

Um mit einem schönen Beispiel für einen Museumsbesuch abzuschließen, weise ich gerne auf meinen Blogpost über die Nacht der Museen hin. Viel Spaß beim nächsten Museumsbesuch! 🙂

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2 Gedanken zu “Tagsüber im Museum

  1. Als jemand, der in die Gruppe „körperlich eingeschränkt“ gehört, ist es interessant, zu wissen, dass man mich also in den hiesigen Museen gar nicht haben möchte. .-) Im Grunde nur eine folgerichtige Entwicklung nach diesem fragwürdigen Teilhabegesetz…

    Gut, dass ich ohnehin eher selten ins Museum gehe. 🙂

    Nur eines in dem Artikel der StZ irritiert mich: Was ist denn ein „Audioguide in Gebärdensprache“. Irgendwie ergibt das keinen Sinn, oder!?

  2. Oh nein, Deinen Satz, dass man Dich dort nicht haben möchte, kann ich unmöglich so stehen lassen. Denn nicht jeder denkt so. Wechsle die Perspektive: Endlich wird zunehmend an Barrierefreiheit, etc. gearbeitet, aber leider sieht noch nicht jeder die Notwendigkeit darin bzw. scheut den „Aufwand“. So ist das mit Veränderungen.

    Audioguide? 🙂 Hast recht, bestimmt ist „Videoguide“ gemeint.

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