Warum sind wir so kalt zueinander?

Beobachtungen, die mich nicht mehr loslassen. Bilder und Gespräche, die mir immer wieder in den Sinn kommen, weil sie mich wütend oder traurig machen. Meist beides zugleich. Herbe Enttäuschung. Wie herzlos können wir Menschen bloß sein? Zu Fremden und zu unseren Lieben. Manchmal fürchte ich, an dem, was ich sehe und erlebe, zu zerbrechen. An Mitmenschen und mir selbst zu verzweifeln.

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Bevor ich mich in Gedanken verliere, die allzu abstrakt erscheinen, möchte ich Euch konkrete Beispiele nennen. Etwas aus dem Sommer und dann das Aktuellste.

Als Mutter

Fröhliche, laute Kinder, verliebte Paare, sportliche Senioren – Menschen diverser Lebensphasen begegneten mir im Sommer auf dem Festungsplateau in Koblenz. Dort kann man seine Runde laufen, Badminton oder andere Spiele spielen, die Kids auf dem großen Spielplatz toben lassen oder einfach entspannen. Als ich an einem der herrlichen Sommertage dort war, fiel mir Romantik ins Auge. An einem der Büsche saß ein Liebespaar auf der Picknickdecke, der Mann mit einer Gitarre im Arm und einem kleinen Mädchen zulächelnd, das gerade auf sie zukam. Mir wurde warm ums Herz. Was für ein schönes Bild einer liebevollen Familie! Doch dieses Kunstwerk zerplatzte wie ein Luftballon, dessen Knall einen aufschrecken lässt. Denn als das Mädchen an der Picknickdecke ankam, winkte es die Mutter weg. Das Kind ging nicht, sondern blieb stehen und sah zum Mann mit Gitarre. Darauf die Mutter streng und laut: „Los jetzt! Lass uns allein! Geh spielen!“ Das Mädchen ließ den Kopf hängen und zögerte. Der Mann tat, als sähe er nur seine Gitarre und bekäme nichts mit. Die Mutter brüllte: „Na los! Geh weg!“ Das Kind drehte sich um und ging Richtung Schaukeln. Der Anblick brach mir das Herz.

Ein Weilchen später, saß ich mit meiner Familie auf einer Bank – jeder mit Eisbällchen in der Waffel. Als eine Familie mit vier Kindern an uns vorbeiging, wärmte sich wieder mein Herz, weil das ein derart süßer Anblick war. Das älteste Kind ging vorne, daneben der Vater mit einem kleineren Geschwisterchen huckepack, dahinter das Zweitjüngste und hinter diesem die Mutter samt Buggy, in dem das kleinste Familienmitglied saß. Ein lebendiges Bild, das mit der Sonne im Hintergrund hätte fröhlich sein müssen. Könnte ich malen, wäre es ein warmes und beschwingtes Gemälde geworden. Doch auch hier zerplatzte die Illusion, als die Mutter plötzlich mit Nachdruck den Buggy gegen die Fersen ihres Zweitjüngsten Kindes schob und dabei „Jetzt mach schon! Geh schneller!“ blaffte. Ich weiß, wir alle machen unseren Kindern manchmal Druck und verlangen, dass sie sich beeilen – zumindest habe ich das schon öfter getan, aber nicht so! Während der Rest der Familie entspannt weiterspazierte, das besagte Kind im Gehen brav sein Eis leckte und sich an das Schritttempo der anderen hielt, schob die Mutter wieder sichtbar bewusst den Buggy gegen seine Fersen und brummte ihm wütend etwas zu.

An diesem Tag fragte ich mich, was mit uns Erwachsenen los ist. Mit uns Müttern und Vätern. Mit mir. Denn auch ich mache Fehler. Nicht solche, wie die genannten, aber andere. Jeder von uns ist mal blöd zu jemand anderem – unfair, genervt oder einfach schlecht gelaunt. Wir sind nur Menschen. Andererseits muss es Grenzen geben. Was passiert in einem Kind, das von seiner Bezugsperson Nr. 1 (Mutter/Vater) derart behandelt wird? Vielleicht nicht nur ausnahmsweise, sondern öfter? Und noch wesentlich schlimmere Dinge erlebt? Denken wir mal nach, wie verletzlich wir Erwachsenen sind.. Wir sind verdammt unfair den Kindern gegenüber. Sie brauchen noch mehr Liebe und Zuwendung als wir. Vielleicht bin ich zu empfindlich, aber die Beobachtungen dieses Sommertages gehen mir nicht aus dem Kopf. Das sind natürlich nur zwei Beispiele von vielen aus dem Alltag, aber an nur einem Tag mehrfach solche Situationen zu sehen …. Es prägt sich ein.

Als Gruppenleiterin

Spätestens seit meine eigenen Kinder zur Schule gehen, bekomme ich mit, wie viel manche Kids schon früh an privatem Ballast zu schleppen haben. Deshalb versuche ich möglichst unvoreingenommen an Kinder, die als „problematisch“ gelten, heranzugehen. Das fällt mir nicht immer leicht, denn ich habe leider schon Grundschüler erlebt, die sowohl hinterhältig und gewalttätig waren als auch tatsächlich große Freude am Leid anderer verspürten. Klingt hart, entspricht aber der Realität. Trotzdem denke ich, dass das nicht die Mehrheit, sondern die Minderheit ist und man Kindern sowohl mit Anspruch, aber auch mit Liebe begegnen und sie ernst nehmen muss.

In der Praxis sieht es so aus, dass sich vor allem die Arbeit mit großen Gruppen schwierig gestaltet, weil es zunehmend Kinder gibt, die nahezu ununterbrochen aufgedreht sind und kaum zwei Minuten zuhören können. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch, wollen witzig sein, die Aufmerksamkeit auf sich lenken …. die Autorität herausfordern. Für ihr familiäres und schulisches Umfeld tragen sie den Stempel „schwierig“. Ja, die Arbeit mit ihnen ist anstrengend, aber…. Aber! Diese Kinder sind nicht kaltherzig. Sie sind gut darin, von ihren Gefühlen, ihrer Verletzlichkeit abzulenken, doch die ist da. Gepaart mit Intelligenz und hoher Aufmerksamkeit für Dinge, die vielen anderen Menschen entgehen, steht mir die Aufgedrehtheit dieser Kinder entgegen. In meiner kleinen Gruppe artet das zwar nicht so aus, aber auch da stellen sich für mich Fragen. Wie soll ich mit ihrer Ruhelosigkeit umgehen? Ich bin doch nur ein einfacher Mensch. Keine Pädagogin, keine Psychologin. Was sollte ich also tun, um für mehr Aufnahmebereitschaft zu sorgen? Ich habe spontan gehandelt und den Kindern gesagt, dass ich sie mag. Dabei sah ich jedes einzelne Kind an, nannte es beim Namen und sagte es ihm. Die ganze Gruppe blickte mich mit großen Augen an, manche nickten und lächelten mir zu. „Ja“, sagte ich abschließend, „ich mag euch alle. Ihr seid meine Gruppe, ich bin freiwillig hier und möchte diese Zeit mit euch verbringen.“ Ausgerechnet der Junge, der besonders gerne für Ablenkung sorgt, blickte in Richtung der anderen und entgegnete: „Das verstehe ich nicht. Wir haben uns daneben benommen, und sie mag uns trotzdem?!“ Einige Kinder begannen zu kichern. Darauf er, in einer so erwachsenen Art, wie ich sie ihm nie zugetraut hätte: „Nein, seid mal ruhig. Ich meine es ernst. Wie kann sie uns trotzdem mögen?“ Nun sahen alle wieder mich an. Innerlich gerührt, ergriff ich das Wort. „Ich mag euch auch dann, wenn ihr euch schlecht benehmt. Problematisch ist aber, dass ihr es mir mit eurem Benehmen schwer macht….“ Natürlich waren die Kinder nicht plötzlich super brav (das hätte ich womöglich besorgniserregend gefunden), aber irgendwas scheinen meine Worte bewegt zu haben. Die Kinder wirkten beruhigt, zufrieden – glücklich? Ich weiß es nicht, aber es war gut, ehrlich ausgesprochen zu haben, was ich fühle. Denn ich mag sie wirklich alle. Und ich möchte ihnen etwas auf ihren Lebensweg mitgeben. Meine Güte, hoffentlich wird mir das mindestens Ansatzweise gelingen.

Nachtrag (14.12.16):

Diesen Text könnt Ihr Euch nun auch anhören. Ich habe ihn für Euch vertont:

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2 Gedanken zu “Warum sind wir so kalt zueinander?

  1. Ein schöner Ansatz von Dir und sicher der richtige Weg, schwierigen Kindern Akzeptanz zu vermitteln.

    Vieles liegt heute vielleicht auch daran, dass wir Materielles, Geschäftserfolg und persönlichen Perfektionismus zu unserem Credo gemacht haben.
    Zeitdruck, Erfolgsdruck und persönliche Optimierung ersetzen immer mehr einfach zu leben, zu genießen und sich ohne „Hintergedanken“ einfach an Schönem, Kreativem und Idealistischem zu freuen.
    So kommt es mir zumindest vor – auch wenn natürlich auch schon früher nicht alles rosig war, denn die „gute alte Zeit“ gibt es ja gar nicht. Gerade aber weil wir heute so viel wissen, könnten wir es besser machen.

    Dir weiterhin viel Erfolg damit, die Welt ein wenig wärmer zu machen 😊

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