Digitale Welle zu handfesten Problemen: #systemkrank

systemkrankWährend ich das hier schreibe, schüttle ich gedanklich mit dem Kopf. Wie kann eine gute Idee derart verhunzt werden? Kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen nicht ernstgenommen fühlen.

Seit Montag schreiben Leute auf Twitter, was sie wütend oder traurig macht, was aus ihrer Sicht schiefläuft in unserem Land – gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch. Der Titel, unter dem diese Kommentare (Tweets) laufen, heißt #systemkrank und wurde von der bekannten Bloggerin Christine Finke alias @mama_arbeitet mehr oder weniger spontan ins Leben gerufen. Wie es dazu kam, hat sie Frau tv erzählt:

Finke schafft es regelmäßig mit passend gebauten Hashtags für mediale Aufmerksamkeit zu sorgen, und genau das ist ihr auch diesmal gelungen. Unfassbar viele Menschen schrieben sich bereits in den ersten Stunden Kummer und Wut von der Seele.

Auch ich habe mitgemacht, da mir das Thema wichtig ist. Im Grunde müsste man von den Themen sprechen, weil unter #systemkrank unterschiedliche Probleme angesprochen werden. Doch daran zeigt sich, dass insgesamt vieles falsch läuft und die Grundstimmung nicht positiv ist.

Was den Tweets entnommen werden kann, sind keine Geheimnisse. Beim Lesen denkt wohl niemand „Echt? Das ist mir neu!“, sondern nickt in Anbetracht der eigenen Erfahrungen oder Beobachtungen. Umso erstaunlicher und ärgerlicher fand ich die Aussage von Hans Vorländer im Interview mit dem NDR. Der Politikwissenschaftler behauptete unter anderem, die Einzelnen, denen es schlecht gehe, würden fälschlicherweise ihre persönlichen Probleme auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Ernsthaft? Zum Glück sieht es der NDR genauso wie viele Twitterer*innen und distanziert sich von den Äußerungen des Wissenschaftlers.

 

Da klagen nicht nur Einzelne, da klagt die Gesellschaft.

Von Kinderarmut bis Rente – es gibt viel zu besprechen, viel zum Aufregen oder Weinen. Wer sich trotzdem hinstellt und behauptet, es sei ein Grund zur Sorge, dass die Menschen ihre – ich zitiere Vorländer – „Unbefindlichkeiten“ auf die Gesellschaft übertragen, der hat etwas nicht verstanden.

Die #systemkrank-Tweets werden nicht von einer bestimmten Klientel verfasst, sondern von ganz unterschiedlichen Menschen, aus diversen beruflichen Richtungen und Lebensumständen. Christine Finke wollte vermutlich vor allem Alleinerziehenden eine Stimme geben, doch auch gemeinsam erziehende Eltern sowie Kinderlose nutzen den Hashtag und schreiben von ihrer Sicht der Dinge. Dabei scheint mindestens eins klar zu sein: Sehr viele Menschen sind unzufrieden mit den Entwicklungen in Deutschland (und der Welt?). Das sind alles potenzielle Wähler. Leider scheinen ausgerechnet diejenigen, für die das mal entscheidend werden könnte, die Sachlage zu unterschätzen. Unter den Tweet-Absendern sind kompetente Fachkräfte, ambitionierte Einsteiger und Arbeitskräfte mit Elan. Sollten zukunftsorientierte Unternehmen nicht endlich mal tatsächlich familienfreundlicher werden, statt Worthülsen zu plakatieren? Müssten sie nicht allmählich Frauen und Männer als Menschen begreifen, statt als praktisches oder problematisches Geschlecht? Wann wird all das nicht nur ein Werbeslogan, sondern Realität sein?

Im NDR-Interview heißt es, man könne nicht vom „System“ sprechen. Das sei übertrieben.. Herrje. Ich möchte an dieser Stelle nicht mit Systemtheorie anfangen, denn Fachbegriffe und Definitionen verändern die Erfahrungen und Emotionen der Einzelnen nicht. In den sozialen Netzwerken geht es um Aufmerksamkeit und Reichweite. Twitter bietet die Möglichkeit, auf Missstände aufmerksam zu machen, wenn sich genug Leute beispielsweise an so einer Aktion beteiligen und für eine Welle sorgen. Das wird künftig vermutlich öfter passieren. Politik, Medien, Wirtschaft oder Wissenschaft sollten weder wegschauen noch sich in Diskussionen über den Namen eines Hashtags verlieren, sondern müssen sich die Tweets anschauen und sich mit deren Inhalt auseinandersetzen.

Während ich das hier schreibe, werden neue Tweets zum Thema veröffentlicht. Daher möchte ich mit zwei der aktuellsten Tweets abschließen.

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6 Gedanken zu “Digitale Welle zu handfesten Problemen: #systemkrank

  1. Bedeutet für mich nur, dass inzwischen auch die Medien mitmachen, unser Land schlecht zu reden. So füttert man die Populisten.
    Ich finde nicht, dass es bei uns so schlecht ist, im Gegenteil habe ich ganz andere Zeiten erlebt als ich jung war (80er). Wir jammern auf sehr hohem Niveau. Was nicht heißt, dass es nix zu verbessern gibt. Das gibt es immer.
    Dennoch: diese Bewegung gefällt mir nicht und all diese Schlechtrederei wird uns nichts Gutes bescheren.
    Persönliche Meinung von Vera von den Wölfen

    1. Mit dieser Meinung stehst du bestimmt nicht allein da, liebe Vera, aber ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir die Nöte der Menschen als „Schlechtrederei“ abstempeln, ebnen wir radikalen Gesinnungen den Weg. Man muss nicht allem zustimmen, aber Kleinreden ist auch nicht die Lösung. Dass auf die Hinweise, was sich alles hierzulande ändern müsste, Rechtspopulisten erfreut aufspringen, bedeutet nicht, dass wir besser schweigen sollten. Probleme unter den Teppich zu kehren, kann nicht lange funktionieren – wie wir auch schon im Ausland sehen. Gesprächs- und Streitkultur ist vonnöten. Medien müssen lernen verantwortungsvoll damit umzugehen. Liebe Grüße

      1. Dennoch finde ich es den falschen Weg über Empörungshashtags. Wie gesagt läuft sehr vieles viel besser als früher (ausser das Thema Rente) und ich bin in einem Alter, dass ich eben noch ganz andere Zeiten erlebt habe.
        Wer Vorschläge und Lösungen hat, wie es besser gemacht werden kann, wird sicherlich auch Gehör bekommen.
        Es gibt ja den sehr wahren Spruch:
        Sag mir nicht, wie es nicht geht, das weiß ich selber. Sag mir, wie es geht.
        Und das passiert eben nicht.
        Liebe Grüße!

      2. Stimme dir zu, dass Lösungen gefunden werden müssen. Nur leider werden Probleme (nicht nur) in der Politik gerne umschifft so lange es geht. Insofern muss zunächst die Aufmerksamkeit darauf gelenkt und im nächsten Schritt Lösungen erarbeitet werden. Hoffentlich.

        Wünsche euch ein schönes Wochenende. 🙂

  2. Danke für die Zusammenfassung – hätte ich besser nicht schreiben können! 🙂

    Ich habe mich übrigens, auch wenn das in der Masse der Tweets etwas unterging, anfangs ausdrücklich an alle Eltern gewendet, weil ich genau das bezwecken wollte, dass wir alle über unsere Schwierigkeiten und Kritikpunkte schreiben.

    Das hier war einer meiner ersten Tweets, da sprangen dann auch viele darauf an:

    Viele Grüße!
    Christine

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