Trinkgeld für den Uhrmacher

uhrmacherKürzlich kam jemand auf mich zu und sagte: „Ich hab´ da heute was erlebt! Das muss ich dir erzählen.“ Gerne gebe ich diese Story an Euch weiter. Soviel zur Skurrilität beim Einkaufen – und Bedeutung von Handwerksberufen:

Ich war im Supermarkt, und als ich an der Uhrenabteilung vorbeiging, fiel mir ein, dass am Armband meiner Sportuhr die Schlaufe fehlt. Also fragte ich den Verkäufer, ob man diese einzeln kaufen könne. Darauf er, der in Wahrheit Uhrmacher war: „Nein, die gibt es nicht einzeln. Da müssen Sie schon das ganze Armband neu kaufen. Wenn ich Ihnen aber sage, wie viel das kostet, fallen Sie rückwärts um.“ Dramatische Pause. „Zwanzig Euro. Und wenn ich mich recht erinnere, kostet Ihre Uhr bei uns 38 Euro. Für einen Euro Trinkgeld, kann ich schauen, ob ich eine passende Schlaufe für Sie finde.“ Meine Antwort lautet verständlicherweise: „Ja, gerne.“ Also holte der Mann einen kleinen Karton aus der Schreibtischschublade und versuchte eine entsprechende Schlaufe zu finden. „Immer, wenn Kunden ein neues Armband kaufen, heben wir die Schlaufe vom alten auf. Wie Sie sehen, kann man die noch gebrauchen.“ Er fand schließlich eine passende, nahm das Armband von meiner Uhr ab und brachte die Schlaufe an. Dabei erzählte er mir etwas über meine Uhr und die Besonderheiten des Armbands. Plötzlich gesellte sich ein weiterer Kunde zu uns und fragte: „Entschuldigung, meine Uhr braucht eine neue Batterie. Können Sie sie wechseln oder muss die Uhr dann extra eingeschickt werden?“ Der Uhrmacher lächelte. „Ich bin gelernter Uhrmachermeister, also sollte ich das können“, erklärte er. „Ach“, staunte der Kunde, „gibt es den Beruf in Deutschland überhaupt noch?“ Darauf der Uhrmacher: „Nein, den Beruf gibt es in Deutschland so nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei. Alle deutschen Uhrenhersteller haben schon vor Jahren das Herstellen von mechanischen Uhren aufgegeben und die Maschinen in die Schweiz verkauft. Damit ist auch das ganze Fachwissen abgewandert in die Schweiz.“

Der Kunde freute sich über sein Glück, einen Fachmann gefunden zu haben. Meine Uhr war kurz darauf fertig. Doch als ich dem Mann das Trinkgeld geben wollte, stellte ich zu meinem Bedauern fest, dass ich kein Kleingeld bei mir hatte. Daher fragte ich ihn, ob er mir 10 Euro wechseln könne. Leider verneinte er. „Da haben Sie Glück und kriegen die Schlaufe umsonst.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nee, abgemacht ist abgemacht. Sie kriegen Ihr Trinkgeld.“

Dann ging ich zur Information und fragte, ob man mir den Schein wechseln könne. Die Frau hinter dem Info-Tresen antwortete mit strenger Lehrerinnenmiene: „Wir haben hier nur Rückgeldautomaten! Ich komme an das Geld gar nicht dran. Also wenn Sie beispielsweise Ware zurückgeben wollen..“ Da dachte ich mir: Das ist leicht.

Also bin ich zum Weinregal, habe den billigsten Wein genommen, bezahlte ihn an der Kasse – mit dem 10-Euro-Schein – und brachte die Weinfalsche direkt zur Information. „Diesen Wein würde ich gerne zurückgeben“, sagte ich zu der Dame von vorhin. Sie blickte mich stoisch an und fragte: „Was stimmt mit dem Produkt nicht?“„Der Wein gefällt mich nicht“, antwortete ich spontan. Da habe ich dann meine 1, 49 Euro zurückbekommen und ging zum Uhrmacher, um ihm 2 Euro Trinkgeld zu geben. Er bedankte sich und ich wünschte ihm noch einen schönen Abend.

Trinkgeld auf Umwegen.

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