Lernt streiten!

In der Öffentlichkeit gibt es nur noch Gut und Böse. Überempfindlichkeit ist in. Jeder empfindet sich als Opfer. Meinungsfreiheit ist zum Schlagwort geworden. Und geschlagen wird von allen Seiten. Denn inzwischen hauen auch diejenigen, die sich für die Guten halten. Alles schön abgetippt im Netz. Einfach drauf los. Denken scheint aus der Mode gekommen zu sein.

Menschistklein
Die Welt ist groß und wir Menschen klein.

Was Medien inzwischen aus der Politik machen, hat kaum noch mit Informationsvermittlung zu tun. Es ist pure Sensationsgeilheit und Manipulationslust. Zudem wird mehr geschrieben als nachgedacht. Früher wäre das eine ohne das andere nicht denkbar gewesen, doch wer will heute noch Ansprüche stellen? Immerhin setzen Ansprüche gewisse Denkleistungen voraus. Und Überlegen bedeutet auch Hinterfragen. Doch das gilt inzwischen als pfui. Berichtet wird nur über bestimmte Dinge und in der Regel aus nur einer Perspektive. Es lohnt sich darauf zu achten, worüber nicht oder nur am Rande berichtet wird.

Doch verlassen wir mal kurz die Welt der Presse und schauen auf uns selbst. Auch für uns ist das Hinterfragen out. Konsumiere – frage nicht nach! Und falls du das versehentlich mal tust, dann hoffe, dass deine Meinung dem Mainstream entspricht, sonst bist du böse. Wer nicht dem Trend folgt, ist gegen den Trend – und somit ein Feind. Ihr wollt Beispiele?

Ein Spiel ist nur ein Spiel ist nur ein Spiel der Medien

Man braucht nicht in die ferne Politik schweifen, wenn ein Spiel liegt so nahe: Pokémon Go. Während in der Welt Schlimmes geschieht und es uns nicht an gesellschaftlichen Baustellen mangelt, schüren die Medien einen Streit um das betreffende Spiel. In den sozialen Netzwerken gab es wochenlang exakt zwei Lager: die User des Spiels und die Gegner. Wers glaubt, …. Ich hatte nämlich nicht den Eindruck, dass die Auflehnung gegen das Spiel groß ist. Im realen Leben sah ich plötzlich überall Pokémon Go spielende Pärchen und las nur ab und an auf Facebook, dass ein kleiner Teil meiner Kontakte (wie ich) kein Interesse an dem Spiel hat. Harmlose Bemerkungen, ein witziges Meme – das war alles. In den Medien hingegen ging die Post ab. Tatsache ist, dass in keinem anderen Land so viel über Pokémon Go berichtet wurde, wie hierzulande. Sogar seriöse Radiosender kramten irgendeinen Australier heraus, den das Spiel angeblich seinen Job gekostet hatte, weil es derart süchtig macht. Tagelang drehte sich alles um dieses Thema. Hatten die Journalisten ernsthaft nichts besseres zu tun? Nicht die Nation war gespalten, sondern die Medien spalteten sie.

Auch Blogger sprangen auf das glänzende Pferd der Reichweitenmaximierung. Klar, ein vermeintlich polarisierendes Thema ist gut für die Blogstatistik. Bestes Mittel: Sich dem Trend anschließen und alle anderen zu den Bösen erklären. Die meisten Blogger bezeichneten alle Menschen, die Pokémon Go gegenüber skeptisch sind, als „die ewig Gestrigen“. Sie kritisierten, dass dieses Hinterfragen typisch deutsch sei und alles Gute (denn der „Fortschritt“ gilt als „das Gute“) abbremst. Gähn. Ob denn alles Neue immer unbedingt einen Fortschritt bedeutet und ob dieser automatisch und grundsätzlich „gut“ ist, sei dahin gestellt. Viel unpassender fand ich die Tatsache, dass Menschen, die nicht mit der Masse schwimmen, sondern ihre eigene Meinung haben, als Miesepeter abgestempelt werden. Denn es war nicht die Rede von unsozialen Trollen, die Hasskommentare veröffentlichen. Nein, alle Nichtnutzer wurden in einen Topf geworfen und mit dem Deckel „Gegner des Fortschritts“ versehen. Als ob es nicht auch Menschen gäbe, denen das Spiel schlicht und einfach egal ist.

Ich bin netzaffin und (nicht nur) im Rahmen der Digitalisierung sehr engagiert. Dennoch interessiert mich das besagte Spiel nicht die Bohne. Als gestrig oder spießig kann man mich jedoch nicht bezeichnen. Die Sache ist im Grunde ganz einfach: Wer will, spielt es und lässt die anderen damit in Ruhe. Fachleute interessiert ohnehin viel mehr, wie sich Augmented Reality weiterentwickeln wird. (Ein spannendes Thema auch für die Bereiche Tourismus und Kultur.)

Und wo bleibt die Streitkultur?

Das Spiel hat leider offenbart, wie schlecht es um unsere Streitkultur steht. Nicht, dass es vorher keiner gewusst hätte. Aber überlegt mal, wenn ein Spiel Menschen in Gruppen spaltet und dazu führt, dass sich seine Nutzer als Opfer betrachten und weinerlich bloggen, sie hätten die Beleidigungen seitens der Nichtnutzer so satt, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. Wie sollen wir als Land unter anderem die multikulturellen Herausforderungen meistern, die an der Tagesordnung stehen und unser reales Leben betreffen, wenn schon fiktive Geschöpfe und digitale Spiele für beleidigte Schmollmünder,  Trolle und hasserfüllte Tolerante sorgen. Wenn diejenigen, die Toleranz auf ihre Fahne schreiben, wegen eines Spiels die Opferrolle über sich stülpen und den Hass in sich entdecken, können alle, die noch mitdenken, einpacken.

Streitet, statt zu stempeln

Lest, schaut hin, denkt nach, hinterfragt und diskutiert. Streitet euch, aber hört einander zu und hört auf in Schubladen zu denken. Gut und Böse? Pff, wir alle sind beides. Es ist unerträglich zu sehen, wie wenig Menschen noch sagen dürfen, ohne an den Pranger gestellt zu werden. So oder so. Steckt euch die übertriebene political correctness in den Allerwertesten. Sie wurde leider längst ins Lächerliche gezogen. Minderheit, Diskriminierung, Rassismus und Intoleranz sind die beliebtesten Stempel, die aktuell herumgereicht werden. Hast du einen Stempel abbekommen, gilt deine Meinung als böse und nicht hörenswert. Dabei wird schneller gestempelt als hingehört oder hingeschaut. Und es stempelt inzwischen jeder. Trotz eingeschalteter Nebelmaschine.

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6 Gedanken zu “Lernt streiten!

  1. Schmunzel, also ausser das mir ein paar Spieler fast ins Rad gelaufen sind ist mir das Spiel egal.
    Dafür dass du den Diskurs Hype nicht so sinnig findest schreibst du recht viel über das Spiel, nichts anderes machen Medien auch, sprich Journalisten.
    Genau das, was du gerade auch machst.
    Ich finde es klug, zu schauen warum man sich ärgert, sich aufregt, denn der Grund liegt immer in einem selbst.
    Wenn man etwas ablehnt hat es ja mit einem selbst zu tun.
    Für mich ist das interessante an dem Spiel, wie leichtfertig Menschen mit ihren Daten umgehen.
    Wenn du an Daten, Bilder kommen willst, erfinde ne Spieleapp.
    Sicherlich ein Verschwörungstheorie meinerseits😉
    Und wenn nicht?
    Siehe Türkei, wie schnell es gehen kann.

    1. Mir sind sie auch vor allem beim Radfahren aufgefallen. 🙂

      Stimmt, auch ich bediene mich des Themas, aber nur, um ein Beispiel für die fehlende Streitkultur zu geben und zu zeigen, dass wir manipulierbar sind. Ich habe nicht zuletzt deshalb darüber gebloggt, weil mir Journalismus am Herzen liegt. Übrigens stimme ich dir zu, dass wir viel zu bereitwillig unsere Daten freigeben und überhaupt wie Lemminge allem hinterherjagen, was als „angesagt“ gilt. Leider lässt sich das manchmal nicht vermeiden – zum Beispiel aus beruflichen Gründen.

  2. Hallo Alexendra
    als „ewig gestrige“ müssen wir sagen recht hast Du und wir wissen immer noch nicht genau was Pokemon go eigentlich genau ist…
    muss man auch nicht , es scheint nicht lebensnotwendig zu sein, oder?
    Die ewig gestrigen KuR

  3. Vielen Dank für den tollen Artikel. Wie oft sehen wir jemanden mit anderer Meinung gleich als Erzfeind und wollen ihn unter Einsatz unseres Lebens von unserer Meinung überzeugen. Wenn er nicht will, dann hat er einfach keine Ahnung. 😉 Ich kann mich da nicht rausnehmen, aber ich arbeite dran.

    Es liegt wohl auch ein Stück daran, dass viele meinen, wenn sie eine Meinung nachvollziehen können, dass sie sie gleich für gut befinden. NEIN… Ich kann etwas nachvollziehen und trotzdem sagen, ich bin anderer Meinung.

    Liebe Grüße

    Melanie

    1. Dankeschön. Du sprichst einen entscheidenden Punkt an, Melanie.

      Wir vergessen gerne auch, dass wir insbesondere aus Meinungsverschiedenheiten lernen, weil wir uns dadurch mit anderen Perspektiven befassen müssen. (Auch dann, wenn wir danach unsere Meinung nicht grundlegend ändern.)
      Liebe Grüße.

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