#älterwerden: Sei kein Schwächling!

Das Leben istAltwerden ist keine Strafe und doch eine Last. Nein, ich fange lieber mit dem Belanglosen an. Bis vor etwa einem Jahr dachte ich noch, die Sache mit den Falten und grauen Haaren würde an mir vorbeigehen. Dann habe ich leider in den Spiegel gesehen. Zwei silberne Haare riss ich mir aus und wollte künftig damit fortfahren, bis mir ein Nachbar verriet, so habe es einst auch bei ihm angefangen. Der Mann hat eine Glatze.

Mit diesem Blogpost möchte ich mich an der von Frau Quadratmeter initiierten Blogparade #älterwerden beteiligen. Ich halte das für ein wichtiges Thema – in einer Gesellschaft, die von Selbstoptimierung und Oberflächlichkeiten nur so strotzt, zugleich aber immer älter wird. Älterwerden muss uns geradezu als Strafe erscheinen. Obwohl ich glaube, dass die Strafe vielmehr in dem Geschäft besteht, das mit unserem natürlichen Alterungsprozess gemacht wird. Die Industrie freut sich über unsere „Defizite“ und wir bezahlen sie dafür. Hach, ist das logisch. Aber das Leben hatte noch nie etwas mit Logik zu tun. Es ist hart. Glaubt Ihr etwa nicht? Natürlich meine ich damit keine Kleinigkeiten, komme Euch aber entgegen: Stimmt, Wechseljahre, Midlife-Crisis oder der Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und äußerem Erscheinungsbild sind früher oder später eine Herausforderung. Man fühlt sich jung und sieht alt aus, der Körper funktioniert nicht mehr wie gewohnt ….

80jähriger Mann: „Neulich war ich in Stuttgart meinen neuen Mercedes abholen. Meine Güte, war das entsetzlich. Um mich herum alles alte Leute!“

Gelenkbeschwerden, Krämpfe, Gleichgewichtsstörungen ….. Ehrlich gesagt sind mir mehr fitte alte Menschen bekannt, als junge Beschwerdefreie. Nehmt mir bitte nicht übel, was ich hier schreibe. Denn ich verstehe Furcht vor dem Alter und die Angst vor dem Tod. Oft genug habe ich derartige Gedanken von mir weggescheucht. Falls ich 50 Jahre alt werden darf, so werde ich mir dann vermutlich traurig vor Augen halten, die längste Zeit meines Lebens bereits hinter mir zu haben. Aber wer weiß, vielleicht ist das jetzt schon der Fall.

Jeder geht anders mit dem Altern um

Manche Menschen lassen ihr Umfeld an jeder unangenehmen Befindlichkeit teilhaben. Das tun sie vermutlich auch schon in jungen Jahren, wenn ein Pickel juckt. Einst stand ich am Krankenbett einer alten Frau, die sich nie über ihr Leben voller Schicksalsschläge beklagt hatte. Sie konnte zuletzt kaum noch sehen und gar nicht mehr sprechen. Ihr war klar, dass sie im Sterben lag, doch sie blickte mich an, hielt meine Hand und gab mir noch Zeichen, um eine Botschaft loszuwerden, bei der es nicht um sie, sondern uns Anwesenden ging. Ihr war selbst unter diesen Umständen nicht egal, was mit ihren Mitmenschen passiert. Ich hoffe, dass ich auch mal eine starke alte Frau sein werde.

Meine 92jährige Nachbarin ist anders – stark, aber selbstbezogen. Sie beklagte sich kürzlich bei mir: „Das Alter setzt mir sehr zu. Mir tut mein Zeigefinger weh.“ Mit 92!

Leid ist keine Frage des Alters

Ich bin seit einem Jahr immer wieder mal in der Kinderklinik und treffe dort auf Familien, deren Kinder Leukämie haben. Die hätten allen Grund zum Klagen. Manche Patienten sind Teenager, manche erst 2 Jahre alt oder noch jünger. Und sie haben mit den Nebenwirkungen der Chemotherapie zu kämpfen. Die Eltern und Kids wären froh, wenn ihnen nur ein Finger wehtäte.

75jährige Bekannte: „Die Schiffstour war eigentlich ganz schön. Aber die vielen alten Leute gingen mir auf die Nerven.“

Wie es uns geht, ob wir Schmerzen haben, vergesslich werden, körperlich oder seelisch erkranken, ist keine Frage des Alters. Zwanzigjährige, die die Diagnose Multiple Sklerose bekommen, Dreißigjährige mit schweren Depressionen, Krebspatienten …. Ich bin froh, nicht alle Krankheiten zu kennen, denn es gibt eine Menge Mist, den man kriegen kann. Und in jedem Alter ist das ein Schock. Vielleicht kann man sich mit 80 und mehr zumindest damit trösten, dass man ein ganzes Leben hatte und dass die Kinder schon erwachsen sind. Doch Hand aufs Herz: Kennt Ihr niemanden, der zu jung gestorben ist? Menschen, die vorher litten und Menschen die ganz plötzlich weg waren. Säuglinge, Kinder, Teenager und Erwachsene. Menschen, die leben wollten. Menschen, die fehlen.

Wir sind hier. Wir leben. Und wir haben Angst vor dem Kontrollverlust, vor Krankheit, Unglück …. vor der Endlichkeit unserer Selbst. Zeitgleich spielen todkranke Kinder lachend im Hospiz. Das Leben ist hart.

Rein theoretisch wissen wir alle, dass wir täglich dankbar dafür sein sollten, wenn wir morgens aus dem Bett aufstehen. Trotzdem vergessen wir das im Alltag. Ich habe keine Lust dabei mitzumachen, in den Spiegel zu schauen und mich über eine neue Falte aufzuregen. Mit 36 habe ich noch leicht reden und womöglich gar kein Recht, mich zu diesem Thema zu äußern, aber trotzdem: Wenn einem mal schlecht zumute ist und man aufs Altern schimpfen möchte, sollte man es wohl rauslassen und danach an diejenigen denken, die gerne alt geworden wären. Vielleicht hilft das ein wenig.

Familien und Gesellschaften brauchen alte Menschen

Möglicherweise werft Ihr mir nun vor, die Sache nicht ernst zu nehmen. Ein Irrtum. Ich denke beispielsweise, dass es schmerzhaft sein kann, den eigenen Eltern beim Altwerden zuzusehen. Um dieses Thema mache mich mir Gedanken. Zugleich weiß ich aber auch wie es ist, wenn geliebte Verwandte schon im Alter von 42 Jahren sterben und Kinder hinterlassen, die gerne ihre Eltern als Großeltern erlebt hätten.

Alte Menschen sind eine Bereicherung für uns alle. Wer kein Anteil an ihrer Lebenserfahrung nehmen will, nicht von ihnen lernen möchte, verpasst eine Menge. Ich habe als 15jährige Schülerin für einige Wochen Menschen im Altenheim besucht, damit sie jemanden zum Reden hatten. Natürlich war es bedrückend die Bettlägerigen zu sehen – Menschen, die gar nichts mehr selbst tun konnten und völlig ausgeliefert waren. Ein grausamer Zustand. Ich war freiwillig dort und daher froh, dass meine Aufgabe darin bestand, für die noch fitten Alten da zu sein. Sie waren einsam, ihre Familien weit weg. Traurige Situation. Sie brauchten nur jemanden zum Zuhören und freuten sich riesig, weil sie mir aus ihrem Leben erzählen konnten. Ich erklärte ihnen, dass es auch mir viel bedeutet und mich glücklich macht, bin mir aber nicht sicher, ob sie das glaubten. Sie konnten nicht wissen, dass mir meine Großeltern fehlten. Inzwischen lese ich in der Zeitung, dass Schulen derartige Projekte anbieten und kann es Jugendlichen nur empfehlen.

Weil Fuchsberger kein Feigling war

Das Buch des großartigen Joachim Fuchsberger trägt den Titel „Altwerden ist nichts für Feiglinge“. Ein Satz, in dem viel steckt. Die Lektüre habe ich noch nicht gelesen und lasse daher lieber den Schauspieler selbst zu Wort kommen:

Zum Abschluss möchte ich Euch eine lustige Szene aus meinem Leben erzählen. Eines meiner Kinder musste mal in die Klinik und teilte sich das Krankenzimmer mit einem 17jährigen Jungen. Ich war als Begleitperson anwesend und staunte nicht schlecht, als die Mutter des Teenagers in der Tür erschien. Mutter und Sohn sahen fantastisch zusammen aus. Sobald sie den Raum verließ, sagte ich zu ihm: „Wow, hast du eine junge Mutter! Das finde ich toll.“ Darauf er: „Jung?! Sie ist schon 38!!“ Das klang wie 100. Ich: „Das ist doch nicht alt.“ Er: „Oh doch!! (Pause) Wie alt bist du eigentlich?“ Ich (damals): „35.“

Für manche sind schon Dreißigjährige steinalt. Aber Spaß beiseite: Ich wünsche mir für unsere Gesellschaft mehr Respekt vor alten Menschen – und überhaupt mehr Wertschätzung im Umgang miteinander.

(Übrigens, der Titel ist nicht an Euch gerichtet, sondern an mich. Ich möchte kein Schwächling sein, bin mir aber nicht sicher, ob das klappt.)

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