Interview: Ein Nerd übers Programmieren, Druck und Frauen in der IT

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CC-BY-SA by Bsmalley

In meinem Beitrag „Was, wenn die Technik funktioniert, aber nicht der Mensch?“ habe ich Euch ein Interview mit einem ITler versprochen. Jetzt ist es soweit. Da ich von Nerds und Geeks umgeben bin, habe ich mir ein besonders engagiertes Exemplar geschnappt und für Euch befragt. Der Software-Entwickler und Familienvater hat schon als Kind eigene Spiele programmiert und in fast 20 Jahren Berufserfahrung für diverse (IT-)Unternehmen gearbeitet.

ITler tun in der Regel das, was uns allen empfohlen wird: Sie machen ihr Hobby zum Beruf und folgen ihrer Leidenschaft. Stimmt das?

Beim ITler ist es wie bei einem Rockstar. Du kannst das nicht ohne Leidenschaft machen. Klar werden auch viele vom Geld angezogen wie Motten vom Licht, aber das sind keine Top-Leute. Wenn du in dem Bereich Spitzenleistungen erreichen willst, dann musst du IT im Blut haben. Das ist kreative Arbeit.

Ich kenne Leute, die Spaß an ihrem IT-Job haben und trotzdem irgendwann eine Auszeit einlegen mussten. Was macht den Druck in dieser Branche aus?

Wenn man es von außen betrachtet, könnte man meinen, dass ITler einen ziemlich laschen Job haben. Ich denke da an das Klischeebild vom fetten Programmierer, der am Bildschirm sitzt und Pizza isst. Das, was nicht wahrgenommen wird, ist, dass sich der Arbeitsinhalt kontinuierlich verändert. Die Industrie feuert beinahe im Minutentakt neue Technologien raus, die du gestern noch nicht auf dem Radar hattest, aber morgen schon benutzen musst. Verlage kommen schon lange nicht mehr damit nach, entsprechende Bücher zu veröffentlichen. Du musst alles recherchieren und es dir dann auch selbst beibringen. Wenn du heute in der Südsee einen Flugzeugabsturz überlebst und fünf Jahre später von der einsamen Insel zurück in die Zivilisation kommst, hast du als ITler keinen Plan mehr, weil sich alles verändert hat.

Stellt Zeitdruck also den größten Stressfaktor dar?

Nicht nur. Dazu kommt die große Verantwortung. Fehler in deinem System können einen betriebswirtschaftlichen Schaden in Millionenhöhe verursachen. Wenn du ein System live schaltest, schläfst du danach anders. Sollte dabei etwas schiefgehen, musst du das Problem lösen. Sofort. Du musst den Fehler in den komplexesten Systemen finden, die es auf dieser Welt gibt {Software}, sofort eine Lösung dafür parat haben und hoffen, dass du beim Ausrollen des Bugfixes {d.h. bei der Fehlerbehebung} nichts anderes kaputt machst. Ein Update bedeutet also auch Nervenkitzel, Druck und Adrenalinrausch. Aus meiner Sicht ist es nicht verwunderlich, wenn ITler ausbrennen.

Du hast sowohl in reinen Software-Unternehmen als auch in Großunternehmen mit EDV-Abteilung gearbeitet. Gibt es da Unterschiede?

Eindeutig ja. Softwarehäuser sind dogmatischer. Meistens gibt es da einen Tech-Strategen, der die zu verwendende Toolbox festlegt. Wenn man sich mit ihm auf einer Wellenlänge bewegt, ist alles okay. Wenn er aber engstirnig und wenig offen für Neues ist, hat man als Neuer im Team mit frischen Ideen kaum eine Chance. Ganz anders habe ich es in mittelständischen Nicht-Tech-Unternehmen kennengelernt. Hier gilt die Devise: Uns ist egal, welche Technologie du verwendest, solange es funktioniert. Für einen innovativen Freigeist wie mich sind das ideale Arbeitsbedingungen.

Du sagst, Kreativität sei in der IT wichtig – zweifellos eine weibliche Stärke. Wie steht es denn um den Frauenanteil in der IT-Branche?

Der ist auf dem Tiefpunkt. In der Pionierzeit der IT war es nahezu ausgeglichen, doch seit den 80er Jahren ist der Frauenanteil kontinuierlich zurückgegangen.

Woran könnte das liegen?

Ich denke, dass der Boom der IT-Berufe in den 90ern viele Männer anzog, die ihre Komplexe kompensieren, indem sie Frauen herabsetzen. Das hat ein Machogehabe in die IT gebracht, das Frauen sehr effektiv fernhält. Ein „Männerclub“ voller Chauvis ist nicht besonders attraktiv für Frauen.

Dennoch gibt es Frauen in IT-Berufen….

…. und zwar gute, überaus engagierte. Immerhin stammt bereits die erste Programmiersprache von einer Frau: Ada Lovelace. Die Programmiersprache mit der wahrscheinlich größten Codebase – COBOL – wurde von Grace Hopper, also ebenfalls einer Frau, entworfen. Auch heute gibt es Programmiererinnen, die ich für ihre Arbeit bewundere – Linda Liukas und Zarah Jabini zum Beispiel. Dennoch habe ich in fast 20 Berufsjahren nur wenige Kolleginnen in der Software-Entwicklung gehabt. Umso erfreuter stellte ich 2015 auf der Reject.js in Berlin fest, dass gut die Hälfte der Redner weiblich war.

Im Netz lese ich immer häufiger von Projekten wie „Rails Girls“, bei denen es darum geht, Mädchen und Frauen das Programmieren beizubringen. Ein guter Schritt?

Auf jeden Fall. Mehr Frauen in der IT würde auch mehr Vielfalt bedeuten.

Weil Frauen anders denken?

Nein, weil Frauen anders fühlen. Software war schon immer mehr als reine Logik. Programmieren ist ein kreativer Prozess, der durch weibliche Stärken nur gewinnen kann.

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