Was, wenn die Technik funktioniert, aber nicht der Mensch?

Smartphone-UserDie Zukunft ist digital, heißt es immer. Nichts geht ohne Technik und Fortschritt. Alles muss immer schneller werden, zuverlässiger und innovativer – Maschine, Programm und Mensch. Ab und an sind Stimmen zu hören, die sich Gedanken zum technischen Versagen machen. Doch was ist mit dem Menschen dahinter – dem, der das alles programmiert? Oder dem, der es nutzt? Was, wenn die Technik funktioniert, aber der Mensch plötzlich nicht mehr? Ich habe es als Anwenderin selbst erlebt.

Und plötzlich sitzt dir ein Zyklop gegenüber

Anfang Dezember 2013 war es, als habe mich ein Blitz getroffen. Am Montag nach einem sehr stressigen Wochenende voller (privater) Termine, saß ich im Büro und freute mich auf meinen typischen Arbeitstag als PR-Managerin eines kleinen Softwareunternehmens. Endlich Alltag und Arbeitsvergnügen. Ich atmete tief durch und entspannte mich. Wenig später blendete mich plötzlich etwas. Ich dachte, es sei die Sonne, doch da waren keine Sonnenstrahlen. Der Bildschirm schien meinen Augen nicht gut zu tun, daher blinzelte ich und blickte zu meiner Kollegin hinüber. Die attraktive Frau sah aus wie ein Zyklop – hatte nur ein Auge, mitten auf der Stirn. Krass, dachte ich und schloss meine Augen. Als ich sie wieder öffnete und nochmal zu meinem Gegenüber blickte, lächelte mir der weibliche Zyklop zu. Waren etwa in dem Kuchen, den ein netter Kollege mitgebracht hatte, Drogen gewesen? Nein, der Programmierer war in Ordnung. Außerdem schien es jedem außer mir gut zu gehen.

Ich fasse mich kurz: Am Nachmittag landete ich in der Neurologie und wurde durchgecheckt. Verdacht auf Schlaganfall, hieß es. Zyklopen waren zwar kein Thema mehr, aber mein Sehvermögen hatte sich noch nicht ganz normalisiert und auch andere Beschwerden setzten mir zu. Es fühlte sich grässlich an, weil ich total klar im Kopf war, aber mein Körper nicht das tat, was ich wollte. Zum Glück waren alle Untersuchungsergebnisse negativ. Ihr wollt wissen, wie die ärztliche Diagnose lautete? Man ging von einer Form der Migräne aus – ohne den typischen Kopfschmerz (meine Schmerzen waren wirklich nicht heftig), aber dafür mit einer Aura.

Ein Digital Native ohne das „Digital“

Etwa eine Woche lang war es mir nicht möglich, an digitalen Geräten zu arbeiten. Ob Laptop-UserLaptop, Smartphone oder andere Bildschirme – länger als einige Sekunden konnte ich nicht darauf blicken. Ziemlich unpraktisch für jemanden in der Software-Branche. Wollte ich eine Kurznachricht an einen der Chefs versenden, so musste ich zwischendurch mehrfach vom Gerät wegschauen. Dinge, die ich normalerweise locker nebenbei erledigte, erforderten nun Konzentration. In dieser Zeit war ich krankgeschrieben, saß jedoch nach einer Woche wieder im Büro, weil ich aus dem Teufelskreis von Beschwerden und Angst ausbrechen wollte. Die Ärzte rieten mir, es langsam angehen zu lassen. Haha! Das Wörtchen LANGSAM ist für mich ein Fremdwort. (Hier im Ort werde ich „die Frau, die niemals langsam geht“ genannt. Im Rheinland ist alles möglich.)

Klavierklängen sei Dank

Glücklicherweise ließ das Problem mit den Augen nach. Da mein Kopf die ganze Zeit gut funktionierte und „nur“ der Rest Probleme machte, konnte ich normal arbeiten. Es dauerte jedoch eine Weile bis ich beispielsweise wieder selbst Autofahren konnte und mein Kreislauf richtig mitspielte. Nie zuvor hatte ich so viel Klaviermusik gehört wie zu dieser Zeit. Alle anderen Musikrichtungen, die ich normalerweise überwiegend höre, waren Lärm in meinen Ohren. Klavierklänge taten mir gut.

Was hätte ich getan, wenn dieser Zustand länger angedauert hätte? Was, wenn jemand über einen langen Zeitraum hinweg nicht auf Bildschirme schauen kann, obwohl er das eigentlich mag und es für seinen Job zwingend notwendig ist?

Vom User zum Entwickler

Die Sache ist drei Jahre her und hat sich nicht wiederholt. Warum ich ausgerechnet jetzt darüber schreibe? Das liegt an meinem Bekanntenkreis, zu dem nicht wenige ITler gehören. Es häufen sich die Fälle, in denen Software-Entwickler, IT-Manager & Co erkranken und sich mitunter für längere Zeit in Therapie begeben müssen. Dabei geht es nicht um Migräne, sondern ernstere Angelegenheiten. Die meisten der Betroffenen sind nicht nur klug, sondern auch humorvoll und sportlich. Sie haben ihr Hobby zum Beruf gemacht, folgen ihrer Leidenschaft – tun also genau das, was überall empfohlen wird, erkranken aber dennoch. Ob das am beruflichen Stress liegt? Welchem Druck ist diese Berufsgruppe ausgesetzt? Ich werde demnächst ein Interview dazu bloggen.

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