Nachrichtensender und Journalismus aus Konsumentensicht

Bau dirBei Attentaten und anderen Tragödien wird besonders deutlich, wie gut oder schlecht Nachrichtensender (und Medien insgesamt) arbeiten. Ich habe mich in den letzten Tagen über so manchen dieser TV-Sender geärgert. Der Umgang mit den furchtbaren Nachrichten aus Paris ließ nicht nur zu wünschen übrig, sondern war teilweise unprofessionell und geschmacklos.

Mit meiner negativen Meinung scheine ich nicht alleine dazustehen, denn auch von journalistischer Seite war der Wunsch nach einem ordentlichen Nachrichtensender zu hören.

Der Journalist meint damit die Reaktionsfähigkeit der Nachrichtenredaktionen (aktuell im Hinblick auf Paris). ARD und ZDF können mit ihren Nachrichten nicht derart „up to date“ sein, wie die 24-Stunden-Nachrichtensender. Während Bouhs sich eine schnellere Reaktionsfähigkeit wünscht, hätte ich gerne vor allem unter dem Aspekt Seriosität einen neuen Nachrichtensender, weil N24 und EuroNews kaum zu ertragen sind und n-tv auch besser sein könnte. Vorsichtig ausgedrückt. Obwohl ich viel im Web unterwegs bin und mir hier die meisten Informatinonen hole, muss ich gestehen, dass ich mich im Falle derartiger Tragödien vor dem TV wiederfinde. Ausnahmezustand total. Meine Ansprüche gelten jedoch sowohl für herkömmliche TV-Nachrichten als auch für die Berichterstattung in Presse und Web.

Ein Attentat – drei Nachrichtensender – drei Spezialitäten

EuroNews grenzt sich insbesondere durch einen bemerkenswerten Spezialeffekt ab: Klavierklänge. Da werden schlimme Bilder gezeigt und mit Klavergeklimper untermalt. Was soll das? Bei aller Liebe zum Musikinstrument, in diesen Zusammenhang gehört es nicht hin. Die Nachrichten sind entsetzlich genug, da braucht es weder Geklimper noch Gedudel, um zusätzlich auf die Tränendrüse zu drücken. Es ist keine Beerdigung, wir Zuschauer sind keine Trauergäste und die Nachrichtensprecher keine Geistlichen. Auch ein Spielfilm ist es nicht. Leider. Doch selbst ohne Hintergrundgedudel fühlt man sich als Zuschauer nicht ernst genommen. So werden beispielsweise Bilder gezeigt und die Stimme der dazu vortragenden Sprecherin klingt, als sei sie noch im Halbschlaf oder würde hauptberuflich beim Sextelefon arbeiten. Da wundert man sich nicht mehr, wenn zwischendurch Essgeräusche zu hören sind. „Das ist (Pause) heute (Pause) früh in Paris …. mampf, schmatz …. passiert.“

N24 hat ganz andere Qualitäten. Der Sender besticht mit Bildern. Leider mit besonders geschmacklosen Bildern in Endlosschleife. Während die Nachrichtensprecherin zum vierten Mal innerhalb von weniger als 20 Minuten einer Reporterin die gleiche Frage stellt, läuft im Hintergrund ein kurzes Filmchen: Ein Sanitäter schiebt einen zweifellos leblosen und in weiße Tücher gepackten Körper in den Krankenwagen. Kaum ist diese (wenige Sekunden lange) Aufnahmesequenz zu Ende, fängt sie von vorne wieder an. Wozu? Weil Bilder mehr sagen sollen als Worte? Vermutlich, denn kluge Worte haben die Nachrichtensprecher ohnehin nicht auf Lager. Entschuldigung.

n-tv unterscheidet sich von der oben genannten Konkurrenz tatsächlich durch einige positive Auffälligkeiten. Jedenfalls war es in der von mir beobachteten Zeitspanne der Fall. Nehmen wir einfach den furchtbaren Freitag: Die ältere Nachrichtensprecherin stellte der Reporterin vor Ort Fragen, die einem als Zuschauer auch in den Sinn kamen. Während die Reporter bei N24 ständig wiederholten, wo wieviele Polizisten standen, erfuhr man bei n-tv, dass die Journalisten vor Ort nur wenige Informationen (seitens der Polizei) erhielten. Ihnen wurde wenig zugespielt – und genau das ist grundsätzlich eine Erwähnung wert. Zusätzlich erklärte die Reporterin, es hätten sich angeblich so und so viele Attentäter selbst in die Luft gejagt, aber die Zahl sei fraglich, da ….. Diese Frau stellte sich nicht hin und verkaufte ihre Informationen als Tatsache, die sie immer und immer wieder von vorne runterleierte. Nein, sie sagte, welche Informationen man an sie weitergegen hatte, von welcher Seite und wie sie das als Person vor Ort einordnet. Das heißt, der Zuschauer konnte sich selbst ein Bild von dieser Informationskette machen. Gerne auch kritisch. Ein Punkt für diesen Sender. An diesen Tagen, aber ob grunsätzlich?

Wenn ich online lese, dass sich ein TV-Sender, wie kürzlich die ARD in puncto Tagesschau, vorgenommen hat, pures Wissen (statt Spekulationen?) zu liefern, kann ich das nicht ernstnehmen. Wer seriös rüberkommen möchte, darf keine Versprechen äußern, die so nicht realisierbar sind. Natürlich wird es immer auch Spekulationen und einen Mangel an Wissen in Bezug auf bestimmte Geschehnisse geben. Niemand kann alles wissen. Das wäre ja geradezu anmaßend.

Hinzu kommt, dass ich beim Lesen des betreffenden Artikels (Interview mit Tagesschau-Chef Kai Gniffke) an die Kindernachrichten logo! denken musste. Ist das ein Vorbild für die Tagesschau? Immerhin, selbst die komplexesten politischen Sachverhalte werden dort gut und kindgerecht erläutert. Das ist zweifellos eine großartige Leistung. Dennoch: Nachrichten für Erwachsene müssen den Zuschauern das Denken überlassen und ihnen nicht eine Meinung verkaufen. Aufklärung schön und gut, aber ich bezweifle die Sachlichkeit dabei.

Storytelling und investigativer Journalismus

Das Schlagwort Storytelling macht schon lange die Runde im Web. Häufig ist die Rede davon, wie wichtig dieses Storytelling für den innovativen Journalismus sei. Mehr davon!, heißt es. Ein anderer Begriff dafür ist übrigens „narrativer Journalismus“. Keine Frage, etwas muss sich ändern, damit mehr Leser erreicht werden, aber wenn der Begriff als Freibrief für Berichte à la „Ich drück´ mal auf die Tränendrüse“ verstanden und entsprechend umgesetzt wird, regt mich das auf. Grundsätzlich bereitet mir der Satz „Wir müssen auf die Leser hören und für sie schreiben“ ein wenig Sorgen. Das ist auch immer öfter zu lesen und klingt möglicherweise für die meisten von Euch positiv. Aber ich denke dabei an das TV-Programm, von dem es immer heißt, es würde das ausgestrahlt werden, was die Zuschauer wollten. Stichwort Einschaltquote. Und was heißt das? Schrott im Fernsehen! Die guten Sendungen laufen, wenn die meisten Menschen schlafen. Qualität nur für Nachteulen? Da frage ich mich ganz automatisch, was das für den Journalismus und die Zeitungen zu bedeuten hat. Werden wir Schrott lesen, weil Schrott gekauft wird? Ich glaube nicht, dass die Bevölkerung so dumm ist, aber Menschen lassen sich nunmal leicht manipulieren, wenn man ihnen gekonnt Lügen als Tatsachen verkauft. Und wer weiß tatsächlich, wo die Wahrheit zu finden ist?

Von Beruf bin ich nicht Journalistin, aber was mit Schreiben und Informieren zu tun hat (also auch Journalismus), liegt mir am Herzen. Daher bin ich gespannt, wie sich die mediale Erarbeitung und Verbreitung von Informationen in Print und Web weiter entwickeln wird. Im Spiegel-Artikel „Warum wir im Leser mehr sehen sollten als zahlende Kunden“ bringt Cordt Schnibben sehr schön auf den Punkt, was auch meiner Meinung entspricht:

„Journalisten sollten sich als Lieferanten sehen, die heranschleppen, was ihre Leser vielleicht in ihre Köpfe hereinlassen. Und das bedeutet: transparent zu arbeiten, Grenzen und Widersprüche ihrer Recherchen aufzuzeigen; um Wahrheit zu ringen, aber nicht zu glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein. Und vor allem: im Meinungsaustausch mit den Lesern die Story weiterzuschreiben.“ (Cordt Schnibben)

Allerdings kommt es auf die Umsetzung an. Zum Glück gibt es großartige Journalistinnen und Journalisten, auf deren Arbeitsergebnisse man sich regelrecht freuen kann. Als Leserin bin davon überzeugt, dass in Zukunft die einzelnen Mitarbeiter eine größere Rolle spielen werden als eine Zeitung insgesamt. Genauer: Zeitungen können nur so gut und stark sein, wie ihre Mitarbeiter. Dafür müssen die Entscheider ihrer schreibenden Zunft gewisse Freiräume gewähren, weil jeder seine eigene Art hat, die Leserschaft zu erreichen. Das ist jetzt schon, zum Beispiel an den erfolgreich bloggenden Journalisten, erkennbar und wird noch an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig wird es umso wichtiger werden, für Teamgeist innerhalb der Redaktionen zu sorgen und hinter den eigenen Leuten zu stehen. Doch das ist ein anderes Thema.

Nicht erst heute muss man als Leser kritisch sein und sich die Rosinen selbst herauspicken. Abgesehen von sportlichen Ereignissen und internationalen Erfolgen, sind Katastrophen und andere besonders unheilvollen Nachrichten DIE Top-Themen schlechthin. Zu diesen Zeitpunkten lässt sich die Spreu vom Weizen besonders gut trennen. Aber seid nicht enttäuscht, wenn am Ende deutlich mehr Spreu als Weizen übrig bleibt.

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3 Gedanken zu “Nachrichtensender und Journalismus aus Konsumentensicht

  1. Stimmt genau, deshalb haben wir das TV abgeschafft, dann muss man sich nicht mehr ärgern Nachrichten kann man auch auf der Internetseite von ARD ZDF und Co sehen, aber man muss sich nicht ganzen anderen Krimskrams für nach Meinung der Sender in der Mehrheit dumme Zuschauer ansehen und ärgert sich nicht mehr wenn die guten Sendungen erst Nachts kommen, LG KuR

    1. Danke fürs Feedback! Ich habe in meiner Studienzeit ein Jahr lang ohne TV-Gerät gelebt, hielt es jedoch nicht länger aus. 🙂 Heute picke ich mir ganz bewusst nur TV-Sendungen heraus, die mich interessieren – schaue sie mit aber nicht selten in den Mediatheken (der öffentlich-rechtlichen Sender) an. Vor allem für Shows und Filme für die ganze Familie wird bei uns (noch ganz oldschool) der Fernseher eingeschaltet.
      Unabhängig von Web und TV, schätze ich insbesondere die Kultur-Radiosender als Informationsquelle (beim Autofahren). Die Diskussionen sind dort wesentlich informativer als Polit-Talkshows im Fernsehen.
      Liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag!

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