Fernweh? Nein, danke.

Der Mensch sehnt sich stets nach dem Ort, an dem er gerade nicht ist. Ausnahmen bestätigen die Regel. (Ich liebe diesen Satz, weil man mit seiner Hilfe fast alles behaupten kann.) Jedenfalls ist es mit vielen Dingen so im Leben. Sind wir klein, wollen wir groß sein, aber wer groß ist, wünscht sich kleinere Füße. Schlanke wünschen sich hier und da mehr Rundungen und Menschen, die diese haben, versuchen abzunehmen. Leben wir in der Stadt, träumen wir von einer Auszeit in der Natur… Und überhaupt: Hinter dem Zaun ist das Gras immer grüner.

Sehnsucht hat viele Gesichter. Eine davon ist aktuell Thema der Blogparade „Fernweh“, an der ich mich hiermit  beteiligen möchte.

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Richtiges Fernweh habe ich nicht und Reisefieber überkommt mich meist erst beim Kofferpacken. Zugegeben, manchmal träume ich zwischendurch kurz von der Fremde – zum Beispiel beim Lesen eines guten Buches, dessen Handlung an einem schönen Ort spielt. Ich glaube aber, es sind eher die Stimmungen, die Geschichten, Bilder und Filme in mir wecken und ich dann auskosten möchte – nicht Fernweh. Wenn ich Fotos von schönen Landschaften und interessanten Orten sehe, begebe ich mich im Geiste dorthin. Meiner Fantasie gelingt das gut.

Cappuccino mit Tiramisu

Kürzlich war meine Schwester in Rom und ließ mich – dem digitalen Zeitalter sei Dank – an ihrer Reise teilhaben. Ich bin zwar mal eine Woche in Venedig gewesen, aber mehr habe ich von Italien bisher nicht gesehen. Leider. Nun ist es nicht so, als sei es immer nur angenehm, Urlaubsbilder gemailt oder gepostet zu bekommen. Wenn man bei schlechtem Wetter übermüdet am Schreibtisch sitzt und plötzlich auf dem Smartphone ein Cappuccino samt Tiramisu – frisch aus Bella Italia – erscheint… Doch, doch, ich habe mich gefreut. Allerdings hätte ich am liebsten sofort am besagten Cappuccino genippt. Oder die Pasta mit Hummer verdrückt, die mich ebenfalls vom Smartphone anlachte. Dummerweise gelingen diese Bilder allzu gut, so dass man fast in sie hineinbeißen könnte. KÖNNTE.

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Das ist natürlich der Unterschied: Bilder von wunderschönen Landschaften kann man genießen, aber das Essen kann man nicht probieren. Versteht mich nicht falsch, ich bin begeistert von den großartigen Fotos und habe mich über jedes einzelne gefreut. Sie alle haben nämlich meinen Alltag versüßt. Egal was ich gerade tat – wenn ein neues Bild auf dem Display erschien, war ich sofort einen kurzen Moment lang in Italien. Ein wenig, als ob man kurz ans Fenster gehen, hinausschauen und dann wieder seinen Aufgaben nachgehen würde. (Für Nerds: Es lässt sich mit hin und zurück beamen vergleichen.) Bilder, Musik, Essen, Gerüche – vieles kann uns mental an andere Orte versetzen, wenn wir es zulassen.

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Reisen sind natürlich etwas anderes – sie bereichern uns. Dann sehen wir nämlich nicht nur, sondern erleben. Wir sind mitten drin und dabei. Ich reise gerne, fühle mich aber auch zu Hause sehr wohl. Wenn ich so viele schöne Fotos und filmisches Material betrachtet habe, wie nach besagtem Romaufenthalt, bin ich zunächst gesättigt. Zwar möchte ich sehr gerne nach Italien reisen – ob Rom, Florenz oder in eine andere Region -, doch Fernweh ist das nicht.

Interessant ist, was vergangene Reisen mit uns machen. Sie erweitern unseren Horizont? Ja, klar – und niemand kann uns diese Erfahrungen wegnehmen. Wenn ich beispielsweise in einem Magazin ein Bild von Paris sehe, denke ich sofort daran zurück, wie es dort war. Dann werden Erinnerungen wach und ich lächle vor mich hin. Es ist ein Augenblick des Genusses, nicht aber eine Sehnsucht. Auch deshalb sind Reisen wertvoll.

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5 Gedanken zu “Fernweh? Nein, danke.

  1. Vielen Dank, Alexandra, für diesen schönen Beitrag! Der Satz „Reisen bereichern uns. Dann sehen wir nämlich nicht nur, sondern erleben.“ hat mir besonders gut gefallen. Viel Spaß beim weiteren Bilderschauen und Selbsterleben!

  2. Pingback: Fernweh-Blogparade
  3. Schöner Beitrag,
    ich war vor ca einem Jahr für 6 Wochen in Australien. Eigentlich bin ich nicht so der Reisen Mensch (ganz zu schweigen von einem so langen Flug…) aber für meinen Freund nahm ich es dochmal in Kauf. Ich erinnere mich an Momente an denen ich unbedingt Heim wollte, wenn es zum Beispiel heiß und staubig war. Aber je weiter es zurück liegt desto mehr will ich das nochmal erleben. Ist das dann auch Fernweh?

  4. Vielen Dank! Wenn Du Dich nach Australien sehnst, dann ist das Fernweh. Es muss kein schmerzliches Gefühl (also „Weh“) sein.
    Ich glaube, Australien regt allein schon als Stichwort bei vielen Menschen die Reiselust an. Du hast dort bestimmt eine unvergessliche Zeit verbracht.
    Liebe Grüße!

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