Die Zukunft des Journalismus liegt in den Händen der Leser

Zeitungen sterben, Journalisten verlieren an Aufträgen und diejenigen, die sie noch haben, müssen sich nicht selten an Vorgaben halten, die ihrem Berufsethos widersprechen. Pech für den Berufsstand, Pech für den Leser. Denn im Grunde sitzen alle im gleichen Boot: Journalisten möchten investigativ arbeiten und die Leser sehnen sich nach gehaltvollen Informationen.

Content ist eines der Wörter, die mir seit Langem so häufig begegnen, das ich sie fast nicht mehr hören und lesen mag. Doch genau das ist, was wir als Leser möchten: Inhalt mit Mehrwert. Wir möchten aufgeklärt werden über Sachverhalte, denen wir persönlich nicht nachforschen können. Wir möchten ein Thema aus mehreren Blickwinkeln vorgestellt bekommen – nicht nur aus der Perspektive eines bestimmten Verlages. Wer nicht nur deutsche, sondern auch ausländische Zeitungen liest, weiß dass beispielsweise politische Themen im Ausland häufig ganz anders dargestellt werden als bei uns. Auch wer politisch mehr rechts oder mehr links orientiert ist, wählt seine Tageszeitung dementsprechend aus. Das alles ist bekannt, doch ich stelle mir guten Journalismus anders vor und schreibe vom „Wir“, weil ich mit diesen Wünschen nicht alleine bin.

Die große Chance

Es tut sich was im Journalismus. Martin Hoffmann erklärt in seinem Artikel „Journalismus: die neuen Nachrichtenkonkurrenten im Netz“ treffend, warum Neuerungen auf diesem Gebiet längst notwendig sind:

„Die Zukunft der Nachrichten kommt nicht aus Deutschland, sondern wird woanders erfunden.

  • Hierzulande wurde lange kaum in Innovationen im Journalismus investiert.
  • Die Zukunft des Journalismus ist mobil.
  • Der Artikel hat ausgedient – und wird gerade völlig neu erfunden.“

Traurige Entwicklungen wie das Zeitungssterben lassen sich nicht schönreden, aber etwas Positives haben sie durchaus bewirkt: Mut zur Veränderung. Plötzlich – so scheint es – tun sich engagierte und motivierte Journalisten zusammen, um Neues auszuprobieren. Wie lassen sich Informationen online verkaufen? Was wollen die Leser tatsächlich lesen? Diese mutigen und optimistischen Menschen stellen sich viele Fragen und wagen es, neuen Boden zu betreten. Um ihre Ideen verwirklichen und überhaupt ausprobieren zu können, was möglich ist und wo die Grenzen des Machbaren liegen, benötigen sie allerdings Unterstützung. Da Unabhängigkeit zu den zentralen Aspekten all dieser Projekte zählt, wenden sich die Journalisten an ihre (potenziellen) Leser und bitten um kleine Spenden. Crowdfunding nennt sich diese Methode und genau deshalb kommt der Begriff Crowd (Menschenmenge, Publikum) in vielen der Projektnamen vor.

Crowdspondent

An dieser Stelle möchte ich als Erstes das Projekt zweier Journalistinnen vorstellen, die für ihre Leser in Deutschland unterwegs sein und als deren „persönliche Reporterinnen“ den gewünschten Fragen nachgehen möchten. Ihr Projektname setzt sich aus Crowd und Korrespondent zusammen. Erfahrungen auf diesem Gebiet haben Lisa Altmeier und Steffi Fetz  bereits letztes Jahr in Brasilien machen können. Hier stellen sie sich vor:

Mehr zu diesem Projekt findet man bei Twitter, Facebook und im Crowdspondent-Blog.

Krautreporter

Im Namen des vermutlich bekanntesten Projektes wird mit der Bezeichnung Crowd gespielt: Es nennt sich „Krautreporter„. Online aktive Menschen verstehen die Anspielung im Namen, doch sogar unter ihnen wird der Wortwitz kritisch betrachtet und führte bei Twitter nicht selten zu Diskussionen. Die Krautreporter erklären es simpel: „Ihr seid die Crowd, wir sind die Reporter. Zusammen sind wir Krautreporter.“

Vergessen wir Kraut und Rübe. Viel interessanter ist, wer hinter dem Projekt steckt und was diejenigen erreichen möchten. Kurz: Ziel ist es, gemeinsam mit den Lesern ein Online-Magazin zu schaffen. Interessant daran ist zudem, dass das Team aus bekannten, professionellen Journalisten wie Alexander von Streit und Rico Grimm besteht – um wenigstens zwei von ihnen zu nennen. Hier stellen sie sich und ihr Projekt vor:

 

Neugierig geworden? Zurecht! Konkrete Themenvorschläge gibt es nämlich auch schon. Ob Konflikte in Israel und Bosnien, Themen wie Transparenz von Fernseh- und Rundfunkräten oder Rohstoff- sowie Umweltprobleme – die Krautreporter wollen allem nachgehen. Purer Ernst ohne Platz für Humor? Nicht unbedingt, denn der erfolgreiche Journalist Richard Gutjahr hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Magazin mit Comics zu bereichern. Ein Vorgeschmack:

Comic von Gutjahr

Ein Problem scheinen die Crowdfunding-Projekte leider zu haben: Sie sind innerhalb gewisser Kreise (Stichwort Filterblase) bekannt, aber nicht darüber hinaus. Das erschwert ihre Verwirklichung, denn bevor ein Online-Magazin wie Krautreporter entstehen kann, benötigt es eine große Leserschaft, die bereit ist, dieses Vorhaben mitzufinanzieren. (Im besagten Falle wären das 5 Euro pro Monat.) Es ist allerdings nicht Sinn der Sache, dass Journalisten sich gegenseitig sponsern. Entscheidend ist es daher, möglichst vielen Menschen von den innovativen Projekten zu erzählen und ihnen die damit verbundenen Möglichkeiten zu erläutern.

Ich weiß nicht, ob das alles gelingen und wie es weitergehen wird, aber es ist höchste Zeit genau das herauszufinden.

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