Buchtrailer als Einschlafhilfe

Einen Kinofilm zu schauen ohne vorher den entsprechenden Trailer gesehen zu haben? Das kann sich wohl kaum einer vorstellen. Sobald man von einem interessanten Film hört, sucht man online nach seinem Trailer. Warum? Um einen ersten Eindruck zu erhalten, sich vergewissern zu können, ob der Film einen tatsächlich ansprechen könnte … Manchmal ist man sich bereits recht sicher, dass man in diesen Movie gehen wird und schaut sich den Spot dennoch an – als Vorgeschmack oder Trost, um das Warten scheinbar zu verkürzen. Doch trifft das alles auch auf Buchtrailer zu?

Gestern wurde ich bei Twitter auf dieses Thema aufmerksam gemacht. Der Blogger und Dozent Leander Wattig sorgte mit dem folgenden Tweet für einen interessanten Austausch:

Wattigs Tweet fand sofortige Zustimmung. Buchtrailer seien tatsächlich meist langweilig, lautete der Grundtenor und es wurde lediglich auf einen einzigen gelungenen Buchtrailer als Gegenbeispiel verwiesen. Mich machte das stutzig. Wenn Menschen, die sich beruflich und privat so intensiv mit Büchern befassen wie Wattig und die anderen Gesprächsteilnehmer, derart enttäuscht von besagten Trailern sind, hat das eine nicht zu unterschätzende Aussagekraft.

Für mich stellte sich daher die Frage, was einen gelungenen Trailer ausmacht. Was erwarten die Leser? Und wie sieht die Realität aus? Um einer Antwort auf die erste Frage näher zu kommen, sah ich mir zunächst den von einer Autorin per Twitter empfohlenen Trailer an und danach eine Menge diverser anderer. Hier zunächst das gelobte Beispiel, in dem das Buch „Lizenz zur Zufriedenheit“ von Dr. Nico Rose beworben wird:

Unabhängig vom Thema dieses Buches, fällt Folgendes auf: a) Der Autor ist zu sehen. b) Der Autor stellt sich und das Buch selbst vor. c) Es wird mit Bildern und Humor gearbeitet. d) Der Trailer ist mit über drei Minuten etwas länger als viele Kinofilm-Trailer.

Obwohl ich mich für Bücher mit Tipps zum Glücklichsein in der Regel nicht interessiere, hat mir an dem Trailer sofort gefallen, dass der Verfasser selbst zu Wort kam. Meiner Meinung nach, kann das nur von Vorteil sein. Grundsätzlich. Dennoch wird das nur selten gemacht, wie ich bei meiner Online-Recherche feststellen musste. Die meisten Trailer werden nicht vom Autor, sondern vom Verlag erstellt und sehen ganz anders aus. Manchmal besteht der Spot aus einzeln eingeblendeten Textpassagen, kurzen Zitaten und Hintergrundgedudel. Dann sieht man hier und da ein Strichmännchen oder irgendein Bild – das war´s. Besonders misslungene Filmchen möchte ich Euch an dieser Stelle ersparen (Ihr könnt sie beim Suchen ohnehin nicht verfehlen), aber Beispiele dafür, wie unterschiedlich Buchtrailer aussehen können, zeige ich gerne.

Eine der erfolgreichen deutschen Autorinnen von Frauenromanen ist Eva Völler. Vor Jahren, in einer Phase, in der ich beinahe ausschließlich „hohe Literatur“ las, griff ich zufällig nach einem ihrer Romane und genoss das Buch bis zur letzten Seite. Die Lektüre entpuppte sich als äußerst unterhaltsam und sehr humorvoll. Und so sieht der Trailer zu ihrem aktuelleren Buch „Ich bin alt und brauche das Geld“ (welches ich noch nicht gelesen habe) aus:

Diese Art von Buchtrailern scheint typisch für Frauenromane zu sein. Festzuhalten ist hierbei: a) Die Autorin kommt darin nicht vor. b) Es sind keine realen Menschen darin zu sehen. c) Kurze Sätze zum Inhalt lassen den Erzählstil erahnen und auch die Figuren aus Knete verweisen auf Komik. d) Mit 1 1/2 Minuten Länge wirkt der Trailer nicht zu lang. Das Stichwort Hintergrundmusik stemple ich an dieser Stelle als Geschmackssache ab, da nahezu immer mit Gedudel gearbeitet wird, welches zwar mir nicht zusagt, aber vielleicht anderen Leuten gefällt.

Als krassen Gegensatz zum Knete-Film könnt Ihr hier einen Trailer sehen, in dem sehr viele Menschen mitwirken. Es behandelt das Buch „Ich und die Menschen“ von Matt Haig:

Na, denkt Ihr auch, was ich denke? Kein Ende in Sicht … a) Der Autor kommt nicht zu Wort. b) Viele Menschen tragen Zitate aus diesem Buch vor. Sehr viele Menschen, sehr viele Zitate. c) Es wird auch mit Bildern gearbeitet, indem der Sprecher/die Sprecherin beispielsweise einer bestimmten Betätigung nachgeht, die zum Zitat passt. d) Der Trailer ist über sechs Minuten lang!

Zum Abschluss sei Euch der Spot zum Buch von Sabine Heinrich „Sehnsucht ist ein Notfall“ gezeigt. Auch dieser Trailer unterscheidet sich von den anderen. Schaut selbst:

Hierbei möchte ich festhalten: a) Die Autorin ist nicht im Trailer zu sehen, aber zu hören. b) Die Autorin liest vor, worum es in ihrem Buch geht. c) Es wird mit Filmszenen gearbeitet, also mit Schauspielern und reellen Schauplätzen sowie SMS. Modern. d) Die Filmdauer von 1 Minute 25 empfinde ich als angenehm.

Zum Vergleich

Was sagt uns dieser kleine Trailer-Vergleich? Vielleicht, dass für Sachbücher andere Regeln gelten als für Romane? Nicht unbedingt. Meine absolut subjektive Meinung ist, dass es nie schadet, wenn sich der Autor am Trailer beteiligen darf. Es ist interessant zu sehen, wer hinter dem Geschriebenen steht und was er selbst zu diesem Buch zu sagen hat. Das lässt sich durchaus mit Kinofilm-Trailern vergleichen. Denn spielt der Lieblingsschauspieler mit, gehen seine Fans vermutlich auch ins Kino, wenn der Trailer miserabel ist. Also, kennt man den Schriftsteller, dann ist der Buchtrailer nebensächlich. Je unbekannter der Verfasser ist, desto mehr Bedeutung kommt dem Buchtrailer zu. Irgendwo müssen sich die potenziellen Leser ihre Informationen herholen – zumindest wollen sie das. Aus diesen Gründen verfügen immer mehr deutsche Schriftsteller(innen) nicht nur über eine ordentliche Homepage, sondern bloggen auch und interagieren über Social Media mit ihren Lesern. Buchtrailer sind Teil des „neuen“ Weges.

Kritik ist notwendig

Wer diese Art von Buch-Werbung als „langweilig umgesetzt“ kritisiert, beleidigt keinesfalls die Autorinnen und Autoren. Vielmehr sind es die Buchtrailer selbst, deren Qualitätsmangel geradezu als eine Beleidigung der Verfasser(innen) wahrgenommen werden kann. Zugleich stellt sich jedoch die Frage, ob nicht allein schon die Existenz eines Trailers (wie missglückt dieser auch sein mag) ein Anzeichen dafür ist, dass es sich hierbei um ein besonderes Buch handelt. Immerhin investieren Verlage nicht in jede Lektüre dieses zusätzliche Geld. Und ist nicht genau das das Problem: die Kosten? Besser günstig und schnell gemacht als ordentlich. Der Leser will schließlich keinen Film sehen, sondern ein Buch lesen, oder? Oder.

Neben der Kostenfrage stellt sich, in meinen Augen, auch diese: Was erwartet der Leser von einem Buchtrailer? Darauf kann nicht ich allein eine allgemeingültige Antwort geben. Ich weiß nur, dass der Trailer einen Mehrwert haben muss und nicht eine Wiedergabe des Klappentextes darstellen soll. Ob von Hand gezeichnete Bilder oder echte Filmaufnahmen – zur Geschichte und zum Autor muss es passen. Denn es ist das Besondere des betreffenden Buches, das beim Trailer rüberkommen sollte. Roman oder Sachbuch – jeder Autor schreibt anders. Diese Bereicherung darf in Buchtrailern genauso wenig vergessen werden, wie in Musikvideos oder Kinofilm-Trailern. Worum geht es im Film und wie setzt der Regisseur es um? Wessen Song ist das und welche Stimmung vermittelt er? Wovon handelt das Buch, wer hat es geschrieben und warum sollte ich es lesen?

Es ist nicht die Frage, OB man einen Buchtrailer anbieten soll. Mir geht es darum, dass WENN man es macht, dies dann bitte gut durchdacht und voller Engagement erfolgen sollte. Entweder ganz oder gar nicht.

All denen, die sich bereits nach gut gemachten Buchtrailern sehnen und die vielen schlechten Umsetzungen beklagen, ein kleiner Trost: Solltet Ihr jemals unter Problemen beim Einschlafen leiden, seien Euch Buchtrailer wärmstens empfohlen. Schlimmstenfalls erwischt Ihr vielleicht doch einen guten Trailer und lasst Euch demnächst mithilfe einer interessanten Bettlektüre vom Schlafen abhalten.

 

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2 Gedanken zu “Buchtrailer als Einschlafhilfe

  1. Stimmt, Herr Grünewald, eigentlich dürfte das kein Problem sein. Ein schlechter Buchtrailer ist schlimmer als gar keiner, denn er kann potenziellen Lesern die Lust auf die Lektüre nehmen.

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