Tag der Erinnerungen

Heute Vormittag durfte ich vor einer Gruppe von Kindern und deren Eltern einige Worte zum Thema Tod und Verlust von mir geben. Wichtig dabei war, nicht nur vom Tod, sondern auch von anderen Situationen zu sprechen, in denen wir tiefe Traurigkeit und auch die damit verbundene Angst spüren.

Kinder kann man nicht für dumm verkaufen – sie erkennen, ob man meint, was man erzählt. Eine erfundene Geschichte als selbsterlebte Wirklichkeit zu präsentieren, wäre ein großer Fehler gewesen. Doch Erlebnisse aus dem eigenen Leben lassen sich nicht immer einfach wiedergeben. Über den eigenen Schmerz und Kummer zu sprechen bedeutet, diesen in gewisser Weise erneut zu erleben. Oft überraschend intensiv – wie ich heute feststellen durfte.

Vorbereitung ist alles. Oder?

Jeder geschulte Redner weiß, dass eine gute Vorbereitung das A und O eines erfolgreichen Vortrages ist. Ob kurzes Referat oder lange Rede – je intensiver man sich mit dem betreffenden Thema auseinandergesetzt hat, desto einfacher findet man die aussagestarken Kernpunkte. Dann gelingt ein Vortrag, mit dem man die Zuhörer erreicht, weil es einem leichtfällt, die passenden Worte zu finden und man keine langen Passagen vom Blatt ablesen muss.

Gestern Abend bereitete ich mich auf meine heutige Aufgabe vor. Ich wusste, welche Bücher ich dafür aufschlagen musste. Es war gar nicht schwer zwei Aspekte herauszuarbeiten. Ich entschied mich, kurz wiederzugeben, wie ich mich nach dem Tod meiner Großmutter gefühlt habe. Damals war ich nicht viel älter gewesen als die Kinder, denen ich das erzählen wollte. Wenn man den einzigen Großelternteil verliert, den man hatte, schmerzt es sehr. Das Bewusstsein, diesen geliebten Menschen nie wieder sehen zu können lässt einem lange keine Ruhe. Kinder lieben ihre Großeltern in der Regel sehr und können nachvollziehen, dass es traurig macht, diese zu verlieren. Innere Leere. Sehnsucht. Wut. Angst. Trauer.

Im zweiten Teil meines kurzen Vortrages beabsichtigte ich zu verdeutlichen, dass diese und ähnliche Gefühle auch in anderen Lebenssituationen empfunden werden können. Als Beispiel sollte das Thema Scheidung dienen. Also, wenn Kinder nur noch bei einem Elternteil leben und zum anderen Elternteil (meist dem Vater) keinen Kontakt mehr haben. Dann ist es für sie so, als sei dieses Familienmitglied gestorben. Schuldgefühle. Innere Leere. Sehnsucht. Wut. Angst. Trauer. Ich hatte alles gut vorbereitet – und es dann doch anders gemacht.

Der beste Freund

Als ich heute früh im Badezimmer stand und mir die Zähne putzte, ging ich gedanklich noch einmal alles durch, was ich später den Kindern erzählen wollte. Plötzlich musste ich an einen alten Freund aus meiner Kindheit denken. Marius. Sofort war der zweite Teil meines geplanten Vortrages gestrichen. Ich würde von Marius erzählen, entschied ich, denn das passte zum Thema – und ich hatte es persönlich erlebt. Warum war es mir nicht schon vorher eingefallen? Egal. Ohne mir Notizen gemacht, es probeweise jemandem vorgetragen oder mir Stichworte eingeprägt zu haben, stand ich vor der Gruppe und erzählte.

Kurz zusammengefasst: Als ich im zweiten oder dritten Schuljahr war, hatte ich einen besten Freund. Er hieß Marius und war ein Jahr älter als ich. Wir kannten uns seit Jahren. Oft frühstückten wir vor der Schule gemeinsam, weil seine Mutter schon früh zur Arbeit musste. Wir machten gemeinsam Hausaufgaben und aßen gerne gemeinsam zu Mittag – mal bei ihm, mal bei mir. Wir unternahmen viel zusammen. Eines Tages flog sein Vater ins Ausland und die Familie sollte ihm zu einem unbekannten Zeitpunkt folgen. Warum, wohin und weshalb es riskant war, habe ich den Kindern erzählt, möchte an dieser Stelle aber nicht weiter darauf eingehen. Der entscheidende Punkt war nämlich der folgende: Marius hatte plötzlich keinen Vater mehr – jedenfalls keinen, der anwesend war. Und niemand konnte ihm sagen, wann er seinen geliebten Papa wiedersehen würde. Ob überhaupt? Marius hatte große Angst um seinen Vater und befürchtete, ihn nie mehr zu sehen. Von einem Tag auf den anderen war mein bester Freund plötzlich wie ausgewechselt. Er lächelte nicht mehr und wollte nichts essen. Es war, als sei sein Vater gestorben und er würde um ihn trauern. Furchtbar. Manchmal verschloss er sich im Badezimmer und wollte nicht rauskommen. Dort saß er und weinte, doch niemand sollte das wissen. Wir machten uns alle große Sorgen um ihn.

Irgendwann kam ein Brief von seinem Vater und Marius ging es etwas besser. Er wusste, dass es seinem Vater gutging und dass ihn dieser nicht vergessen hatte. Einige Monate später reisten Marius und der Rest seiner Familie dem Vater hinterher. Marius war glücklich. Endlich würde er seinen geliebten Papa treffen und sie alle würden wieder zusammenleben.

Für ihn sollte alles schön werden, aber ich verlor meinen besten Freund. Derjenige, mit dem ich seit Jahren beinahe jeden Tag verbrachte, den ich so gern hatte, der war plötzlich weg. Er fehlte mir sehr und ich frage mich bis heute, wie es ihm und seiner Familie wohl geht. Doch trotz Internet und der damit verbundenen Möglichkeiten, konnte ich es bisher nicht herausfinden – eine Tatsache, die mir Sorgen bereitet.

Notiz

Während ich den Kindern von diesen Erlebnissen erzählte, kamen alle Gefühle wieder hoch. Seltsam, eine erwachsene Frau, die total traurig wird und Tränen runterschlucken muss, nur weil sie etwas aus ihrer Kindheit erzählt. Zuerst die Sache mit meiner Großmutter und dann der Teil über meinen besten Freund – beides Erfahrungen, die mich prägten. Dennoch hätte ich nicht gedacht, dass die Gefühle mich derart ergreifen würden. Und nein, ich bereue es nicht, von privaten und persönlichen Erlebnissen gesprochen zu haben. Alle Kinder saßen ganz ruhig da und hörten mir zu. Ich war ich selbst – und nahm mich nicht in der Rolle einer geübten Rednerin wahr. Keine Aufgabe mit Schlüsselbegriffen, die abgearbeitet werden mussten – nur blanke Realität. Manchmal sind spontane Ideen besser als der durchdachteste Plan.

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