Handwerker, oder: Eine Frage der Selbstbeherrschung?

Verärgertes GesichtEines wunderschönen Morgens, es war ein Samstag im Oktober … (Hier beginnt kein Märchen, sondern schonungslose Realität.) sprang ich aus dem Bett und zog die Jalousie hoch. Das heißt, ich zwang mich aus den Federn und WOLLTE den Rollladen hochziehen. Der wollte jedoch nicht und entschied sich kurzerhand, aus dem Rahmen zu fallen. Fragt mich nicht, wie das möglich war. Das Teil brach etwa in der Mitte ab und krachte lautstark auf die Erde. Ich schluckte, öffnete das Fenster und blickte hinab. Da lag – zwischen den Rosen – die Jalousie. Nach dem Knall des Aufpralls, vernahm ich lautes Lachen. Nämlich meines. Immerhin hatte ich so etwas noch nie gesehen. Nicht einmal in einem Sketch. Ein weiterer – wenn auch spannungshemmender – Grund zur Freude war, dass sich unter dem Schlafzimmerfenster ein Vorgarten befand. Kein Fussweg. Man kann alles so oder so sehen.

Nach einem Telefonat mit dem Vermieter, wusste ich mehr. Er und seine Frau saßen praktisch auf gepackten Koffern und wollten verreisen. Liebenswürdigerweise beauftragten sie ein Unternehmen damit, uns eine neue Jalousie einzubauen. Prima, dachte ich. Das Warten begann.

Einige Tage (oder Wochen?) später, erschienen zwei nette Herren, um den halben Rollladen, der sich noch im Kasten über dem Fenster befand, zu begutachten. „Ja, dat is ja kaputt“, stellte der ältere fest. Ein Fachmann also. Keine Frage. Beide Handwerker entfernten das defekte Stück und begannen das Fenster abzumessen. „Hier muss ein neuer Rollladen rein. Den müssen wir aber erst noch bestellen. Dat dauert“, erklärte man mir schließlich. Gut, dachte ich, dafür wird nachher alles neu und ordentlich sein.

Wochenlang nichts. Die Tage wurden kürzer und die Nächte kälter. Auch im Schlafzimmer. Sobald es draußen dunkler wurde, gingen die Straßenlaternen an. Was eigentlich eine vorteilhafte Erfindung ist, weil sie Passanten den Weg beleuchtet, wurde für mich zum kleinen Störfaktor. Denn leider steht so ein großes Vieh gegenüber des Vorgartens, also ganz nah am Schlafzimmerfenster. Gut, etwas Licht, das die Dunkelheit durchbricht und das Bett erhellt, kann romantisch sein. Doch glaubt mir, eine Straßenlaterne hat nichts mit Romantik zu tun.

Außerdem kann es im November in einem Zimmer ohne Jalousie ziemlich kalt werden. Man heizt nämlich den Vorgarten mit. Versucht es mal selbst. Dreht die Heizung auf und lasst den Rollladen oben. Wer es genauer haben möchte, sollte sich am besten diese modernen Vorhänge besorgen (das Gegenteil von blickdicht), das Licht im Schlafzimmer anlassen und den Nachbarn von gegenüber zuwinken.

Nach zwei Wochen Schlaf im Schaufenster, rief mich der Handwerker an. Es war kurz vor Mittag und ich befand mich gerade auf dem Sprung – musste zum Kindergarten. „Frau Klöckner?!“, hörte ich den Fachmann in mein Ohr rufen.

„Ja?“

„Der Rollladen ist da. Wir können kommen.“

„Schön.“

„Also heute.“

„Heute?“ (Heute?!!)

„Ja.“

„Oh, ausgerechnet heute Nachmittag ist keiner hier. Ich habe mehrere Termine.“

„Wie?!“, fragte der Mann in einem derart vorwurfsvollen Ton, dass ich mich zusammenreißen musste.

„Tut mir leid, aber heute klappt es nicht.“ Ich blieb freundlich, doch mein Gesprächspartner wollte mich scheinbar nicht verstehen.

„Aber wir hätten Zeit!“, sagte er wieder anklagend.

Obwohl ich wirklich einen vollen Tag hatte und Herr X unverschämt war, wollte ich ihm irgendwie entgegenkommen. „Hm. Um wie viel Uhr wollten Sie denn hier sein?“, fragte ich daher nach und überlegte schnell, ob ich meine Termine irgendwie verschieben könnte. Gleichzeitig nahm ich mir vor, meinen Eltern die gute Erziehung übel zu nehmen.

„Na jetzt!“, dröhnte die Männerstimme in mein Ohr.

„Jetzt?“ Das konnte doch nicht wahr sein!

„Na, wir sind hier grad fertig geworden und dachten, da kommen wir jetzt zu Ihnen“, erklärte der Handwerker.

Spontanität soll gut sein, habe ich mal irgendwo gelesen. Aber. Nicht. Immer.

„Nein, also jetzt geht es gar nicht“, entgegnete ich und entdeckte Donald Duck in mir, der ans Tageslicht drängte.

Mein Gesprächspartner stöhnte. Vorwurfsvoll.

Donald Duck ließ sich nur schwer bremsen, doch ich hielt ihn zurück.

„Ja, dann am Montag oder was?“, fragte der Handwerker.

„Gut“, sagte ich schnell, um Donald zuvor zu kommen. Es klappte. Zum Glück.

„Also Montag.“

„Um wie viel Uhr?“, wollte ich dann doch lieber noch wissen.

„Um kurz vor acht.“

Stillstand. Dann atmeten Donald und ich wieder.

„Morgens?“, fragte ich. Auch Brünette dürfen das.

Den Handwerker schien meine Frage nicht zu wundern. „Ja, morgens. Vielleicht auch kurz nach acht. Oder geht das nicht?“

Ich atmete ein. „Nein, das geht nicht.“ Dass um die Zeit meine Kinder zur Schule und in den Kindergarten müssen, erwähnte ich nicht. Und den Kommentar, dass von allen Uhrzeiten des Tages, acht Uhr morgens so ziemlich der ungeeignetste Zeitpunkt für derartige Handwerksarbeiten (bei uns) wäre, verkniff ich mir ebenfalls.

Diesmal atmete mein Gesprächspartner tief durch. Wer weiß, vielleicht konnte er meine Gedanken lesen. Standardgedanken von Kunden.

„Ja, dann um 13 Uhr?“, schlug er vor.

„Einverstanden.“

Das Telefonat endete wenig später. Ich sorgte dafür, am Montag Nachmittag frei zu haben – keine Termine, nichts.

Dann kam der Tag. Gestern. Kurz vor 13 Uhr klingelte das Telefon. Der Handwerker war dran – wer sonst.

„Öh. Hallo! Also das mit heute wird nichts.“

„Wie bitte?“ (WIE! BITTE?!)

„Ja, ähm. Wir haben kein freies Fahrzeug. Können nicht kommen.“

Donald Duck. Zum Glück war ich schon in Übung, atmete entspannt durch und blieb freundlich. Das Gespräch endete mit der Abmachung, die Handwerker würden gegen 15 Uhr erscheinen. Genauer: irgendwann zwischen 14:40 Uhr und 15:20 Uhr.

Kurz vor 15 Uhr waren die netten Herren vom letzten Mal da. Sie öffneten den Rollladenkasten und holten die neue Jalousie aus dem Wagen. Als sie mit dieser im Zimmer verschwanden, wagte ich einen Blick hinein. Mein Amateuren-Auge meinte zu erkennen, dass die Jalousie in den Händen der Handwerker nicht breit genug für das Fenster war. Aber was wissen Amateure schon? Den Fachleuten schien nichts seltsames aufzufallen, denn sie hievten das gute Stück selbstbewusst hoch und legten es in den Kasten. Okay, jetzt sah ich eindeutig, dass die Jalousie zu schmal war. Die Handwerker störten sich daran jedoch nicht. Ich schwieg. Zur Kontrolle, ob der Rolladen gut funktioniere, begann einer der Handwerker diesen hinunterzuziehen.

„Oh!“, hörte ich schließlich. Und: „Öhm.“

„Ja, da wird wohl was schief gelaufen sein“, meinte der Ältere.

Ach was, dachte ich.

Die Herren begutachteten das neue Stück. „Da hat man die Länge mit der Breite verwechselt.“

Wer dieser „man“ bloß gewesen sein konnte? Ich schwieg. Frau will ja nicht unverschämt wirken.

„Das muss diese Firma gewesen sein. Die Leute, bei denen wir die Jalousien bestellen!“, fiel plötzlich einem der Handwerker die Lösung ein. Klar, es müssen ja immer die anderen sein. Was wohl „diese Frima“ sagen würde, wenn man bei ihr anriefe und von der falschen Lieferung erzählte? Eben.

„Also, dieser Rollladen passt hier nicht hin“, hielt der ältere Handwerker noch mal fest.

Ach was, dachte ich wieder.

„Wir müssen einen neuen Rollladen bestellen.“

Auch das hatten wir schon. Ich atme tief durch.

„Das wird etwas dauern“, klärte mich der nette Herr weiter auf – als ob ich das nicht schon gewusst hätte.

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