Ist St. Martin out?

Von Kindern im Kindergarten gebackener Weckmann.
Von Kindern im Kindergarten gebackener Weckmann.

Seit Tagen ist das St. Martinsfest ein Thema in den Medien und Web-Foren. Überall wird erörtert, ob es abgeschafft beziehungsweise umbenannt werden soll. In The Huffington Post kann man nachlesen, welchem Ärger ein Kindergarten ausgesetzt war, in dem seit Jahren anstelle von St. Martin ein „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ veranstaltet wird. Auch die Frage der politischen Korrektheit kam in diesem Rahmen auf. Man müsse auf Andersgläubige Rücksicht nehmen, hieß es. Und während sich so mancher Politiker um die muslimischen Bürger sorgte und Eltern bei Facebook und Twitter diskutierten, verkündete der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek: „Muslime können St. Martin mitfeiern“. Und: „Das Leben von St. Martin ist doch geradezu vorbildlich, auch für Muslime.“  

Realität im Web

Wie es um dieses Fest – im realen Leben – steht, konnte ich gestern bei Twitter lesen. Und ich war überrascht, denn im sonst vergleichsweise strengen Bayern scheint diese Tradition an Bedeutung zu verlieren.

St. Martin oder Rakete? Foto. Twitter

Fassen wir zusammen: Die Meinungen diverser Politiker sind uns bekannt, die unterschiedlichen Reaktionen unter den Eltern sowie die Einstellung des Zentralrats der Muslime ebenfalls. Doch wie denken Kinder darüber? Am besten schaut man sich die Jüngsten an, die noch nicht – wie später in der Schule – nach Glaubensrichtung teils getrennt unterrichtet werden.

St. Martin-Vorbereitungen im Kindergarten

 Gestern war Bastelstunde im Kindergarten. Alle Eltern unserer Gruppe wurden eingeladen, um mit ihrem Kind eine Laterne zu basteln. So kamen wir Christen, Muslime, Atheisten und alle sonst wie Gläubigen bzw. Ungläubigen und setzten uns beisammen. Wie zu allen anderen Festen auch. Gerne.

Bevor es an die Arbeit ging, trugen uns die Kinder einen Auftritt vor. Ein Tanz und mehrere Lieder sorgten für Begeisterung bei uns Eltern – von denen die meisten das iPhone hochhielten und alles filmten. Danach wurde uns das Leben des St. Martin anhand von Dias präsentiert. Dabei saßen alle Kinder auf dem Boden und hörten gebannt ihrer Erzieherin zu. Mich wunderte das, denn immerhin wurden sie bereits seit Tagen auf dieses Fest vorbereitet. Dennoch wirkte kein Kind gelangweilt.

Später arbeiteten wir an Gruppentischen, schnitten, klebten und unterhielten uns bei Brezeln und Getränken. Religionen waren kein Thema. Man unterhielt sich über die Kinder, den Kindergarten und die Laternen sowie das Fest. Ganz neutral, aber mit großer Vorfreude seitens der Kinder. Es war schön zu sehen, wie viele Eltern sich bereitwillig Zeit nahmen, um eine Papp-Laterne zu basteln.

Ausländische Feste im Kindergarten

Da ich Menschen mag und mich gerne mit Leuten unterhalte, die andere Kulturen kennen und eventuell auch nach anderen als den hiesigen Traditionen leben, weiß ich, dass es Eltern gibt, die ihren Kindern die Teilnahme am St. Martinsfest verbieten. Das finde ich zwar schade, toleriere und akzeptiere es aber. In unserem Kindergarten werden auch ausländische Feste – wie z. B. das Zuckerfest – thematisiert und den Kindern vorgestellt, obwohl es eine katholische Einrichtung ist. Niemand wird unterdrückt.

Regelmäßig wird zum „internationalen Elterncafé“ eingeladen. Dann sitzen wir (meist nur) Mütter am langen Tisch, trinken Tee oder Kaffee, essen Spezialitäten aus unterschiedlichen Ländern und unterhalten uns über Familie sowie Erziehung. DAS ist interessant. DAVON müsste es mehr geben.

Kinder heute

Die Kinder von heute wachsen mit den Unterschieden auf und das halte ich für richtig. Es ist zudem gar kein Problem, Hackfleischbällchen aus Rind zu machen und Haribo-Süßkram im türkischen Laden zu kaufen, wenn man sich mit muslimischen Kindern trifft, die das gerne essen. Genauso wird allseits respektiert, dass Kinder von Zeugen Jehovas keine Geburtstage feiern. Niemand kann sie dazu zwingen.

Im Leben gilt: Es ist ein Geben und Nehmen. Fremde Traditionen müssen nicht übernommen werden, aber es ist schön, wenn man sie kennt. Mir sagte mal eine junge Frau mit iranischem Hintergrund: „Wir leben hier in Deutschland, in einem christlichen Land, und ich halte es für wichtig, dass die Kinder wissen, was christlich leben bedeutet.“ Ihre Worte beeindruckten mich, denn sie sagte es nicht nur, sie meinte das tatsächlich. Positiv.

Warum schauen wir es uns nicht einfach von den Kleinen im Kindergarten ab und akzeptieren Unterschiede? Trauen wir uns nicht mehr zu den eigenen Traditionen zu stehen? Immerhin wäre eine Umbenennung lächerlich und purer Selbstbetrug. Sind diese Feste fremdenfeindlich? Und wenn ja, wer sind diese Fremden dann überhaupt? Menschen, die hier leben, sollen doch keine Fremden sein, oder? Ich dachte, wir wären schon deutlich weiter, als das.

Lasst uns die Feste feiern. Sie sind nichts Böses, kein Krieg, keine Unterdrückung. Es sind Zeichen der Freude und Nächstenliebe. Und sie sind freiwillig.

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2 Gedanken zu “Ist St. Martin out?

  1. du triffst es mal wieder auf den punkt! freude und nächstenliebe!

    ich bin zwar mit unserem kleinen mädel noch nicht in kindikreisen unterwegs, trotzdem waren wir schon laternelaufen. die ewig lange reihe der kinder und eltern und großeltern führte ein st. martin auf dem pferd an. es war was besonderes, als der reiter dann seinen mantel teilte und ihn dem bettler übergab. da leuchteten die augen des kleinen mädchens!
    ich finde solche traditionen schön und ich habe sie auch selbst noch gut in erinnerung aus meinen eigenen kindheitstagen. und ich würde mich freuen, wenn auch unser kleines mädel ihre erlebnisse so schön in erinnerung behalten wird.

    grüßle
    elke

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