Ein Gesicht wie Emmentaler

Geburtstagsüberraschungen können sehr schön sein. Müssen es aber nicht. Vielleicht vergesse ich deshalb jedes Jahr meinen Geburtstag – beinahe. Wenn man mich im Frühling, Sommer oder Winter nach meinem Alter fragt, muss ich überlegen. Die gefühlte 21 liegt nunmal schon über 10 Jahre zurück – da muss man nachrechnen.

Anfang der Woche war es mal wieder soweit: mein Geburtstag. Diesmal verlief jedoch alles ein wenig anders, denn ich wurde überrascht. Mein Schwesterherz stellte mich beim gemeinsamen – sehr gemütlichen – Frühstück vor vollendete Tatsachen. „Gleich hast du einen Termin bei einer Kosmetikerin“, teilte sie mir lächelnd mit. „Zur Gesichtsmassage und so. Ich fahre dich hin.“ Mein Einwand, ich hätte noch jede Menge zu erledigen, half nichts, denn die liebe Schwester hatte sich extra für mich freigenommen und wollte mir bei allem helfen. Ich atmete tief durch und begab mich ins Ungewisse.

Zuerst kommt der Schmerz, dann die Belohnung 

Für viele klingt das gut, aber ich bin einfach nicht der Typ für heiße Handtücher im Gesicht. Deshalb hätte ich vermutlich einen entsprechenden Gutschein nicht so bald eingelöst. Meine Schwester wusste das, und so lag ich eine halbe Stunde nach besagtem Frühstück auf einem bequemen Stuhl (oder wie nennt man diese Dinger?) bei einer äußerst sympathischen Dame, während mir diese – genau! – ein heißes Handtuch aufs Gesicht legte.

Es folgten Öle, Cremes, Öle und immer wieder heiße Handtücher. Alles im Gesicht. Es fühlte sich gut an. Ich genoss die massierenden Handbewegungen, die Wärme und gewöhnte mich an die Vielzahl der Gerüche – denn jedes Öl hat seinen eigenen Duft. Okay, es hätte ruhig so weitergehen können. Hätte.

Leider änderte sich alles schlagartig, als die nette Dame von einer Kosmetikerin (mit naturheilkundiger Expertise) plötzlich eine helle Lampe über mir platzierte, um weniger delikat fortzufahren.

„So, jetzt werde ich mir Ihre Haut näher anschauen und alles beseitigen, woraus sich irgendwann einmal ein Pickel ergeben könnte“, ließ sie mich wissen. Pickel? Ich habe nie Pickel! Zumindest nicht im Gesicht. Oder nur selten. Also fast nie.

„Hm, ich sehe keine Hautverunreinigungen oder Irritationen“, meinte die freundliche Dame schließlich. Klar, dachte ich, aber die Fachfrau wollte nicht nachgeben. „Moment, ich hole mal die Lupe“, sagte sie und fand dann tatsächlich etwas, das weg musste. Tja, wenn man durch so eine Lupe schaut, kann man vermutlich durch die Iris einen Pickel am Zeh entdecken! Ich ließ sie machen. Wenn ich schon mal da bin, dachte ich und schwieg. Das war ein Fehler.

Plötzlich durchfuhr mich ein heftiger Schmerz. Die nette Frau schien mir eine dicke – sehr dicke – Nadel in die Wange zu bohren. Zumindest fühlte es sich so an. Kurz, aber heftig. „Ich weiß, es tut weh, aber so ist es leider: Zuerst kommen die Schmerzen, dann die Belohnung“, versuchte sie mich aufzumuntern. Ob das wohl eine seriöse Sache war? Ich biss die Zähne zusammen. Immerhin saß meine Schwester auf dem schicken Sofa gegenüber. Sie würde doch eingreifen, wenn hier was schief liefe? Andererseits hatte man ihr leckeren Tee hingestellt und einen Stapel Magazine voller wunderschöner Bilder hingelegt, die sie genüsslich der Reihe nach durchblätterte. Wie gerne ich mit ihr getauscht hätte!

Und – Schmerz! – wieder ein Nadelstich (oder was auch immer). Diesmal an meiner Nase. Direkt dreimal hintereinander und dann am Kinn. Ich stöhnte nicht, aber meine Tränenflüssigkeit verselbständigte sich und verließ meine Augen.

„Ich fühle mich wie ein Käse“, sagte ich.

Die Kosmetikerin hielt inne. „Käse?“ Sie lachte. „Keine Sorge, ein Emmentaler wird nicht aus Ihnen werden.“

Okay, die Frau hatte Humor. Doch half es mir nichts – ich hatte ohnehin an Edamer gedacht.

Kaum war diese Prozedur vorbei, ging es ans Eingemachte. „Die Augenbrauen“, meinte die Dame. „Die werde ich Ihnen jetzt zurecht zupfen. Ja?“

„Hm.“ Ich überlegte schnell. Schlimmer als das eben konnte es nicht werden. Außerdem hatte ich das ja schon öfter selbst gemacht und mir bereits seit längerer Zeit vorgenommen, es mal professionell erledigen zu lassen. Wann, wenn nicht jetzt? „Gut“, erklärte ich mich einverstanden. Schmerzen.

Ich stöhnte weiterhin nicht. So leicht konnte man mich nicht abschrecken. Leider war die Sache damit noch nicht erledigt.

Das Verwöhnprogramm

Bewusst erspare ich Euch weitere Einzelheiten. Irgendwann waren die Schmerzen vorbei und die liebenswerte Frau kündete erfreut das Verwöhnprogramm an. Also das, was ich gerne von Anfang an schon gehabt hätte, ohne die Stich-Zupf-Abreiss-Prozedur. Inzwischen verstand ich den wortwörtlichen Sinn im Satz: Wer schön sein will, muss leiden. Gelitten hatte ich – und nun? Kein Spiegel weit und breit. Vielleicht war es besser so, dann musste ich wenigstens nicht mein durchlöchertes Gesicht mit Rötungen sehen. Man muss in allem das Positive erkennen.

Das Verwöhnprogramm begann mit einer Maske aus Erde – vermutlich Ton. Diese wurde mir sehr angenehm im Gesicht verteilt. Ich stellte mir vor, wie das Zeug die tiefen Löcher in meiner Haut wieder auffüllte. Dann folgte eine Augencreme und schließlich wurden meine Lippen mit natürlichem Honig-Lippgloss bestrichen. Jetzt fühlte ich mich ein wenig wie ein Kuchen oder Puddingteilchen: glasiert.

„Das lassen wir etwa zwei Minuten einwirken“, sagte die Kosmetikerin und entschuldige sich, um kurz in einem anderen Raum zu verschwinden. Kaum war sie weg, beschlossen meine Schwester und ich, dass dieser Moment für die Ewigkeit festgehalten werden müsse. Sie fotografierte mich, wobei ich heftig lachen musste und ein wenig Lipp-Gloss in meinen Mund gelangte. Leute, egal, was man Euch sagt: Das Zeug schmeckt nicht!

Grün

Die Minuten verstrichen. Langsam sah ich mich noch Wochen später auf diesem Stuhl liegen – samt einer bröckelnden Maske im Gesicht. Oder ich würde aufspringen und zum Auto rennen. Vielleicht könnte ich mit der grünen Schicht sogar eine Bank ausrauben. Mal ehrlich, träumt nicht jeder einmal davon? So ein kühner Einbruch a la Oceans Eleven

Zum Glück kam die Dame zurück, bevor ich gedanklich das Team zusammenstellen und einen Plan entwerfen konnte. Die Maske wurde entfernt und wenig später begann etwas, wofür sich alles Vorhergehende gelohnt hatte: die Massage. Gesicht, Dekolleté und Nacken wurden ausgiebig massiert und mit Wärme behandelt. Hach, jetzt konnten mir die schönen Magazine, der Tee und das hübsche Sofa gestohlen bleiben. Jeglicher Schmerz war vergessen. Ich erlebte Entspannung pur. Danach wurde mein Gesicht geschminkt und ich fühlte mich wie neu geboren.

Als ich ging, wünschte ich der Frau, die ich bestimmt künftig regelmäßiger besuchen werde, ein schönes Wochenende. Wir hatten Montag. Nun, die entspannende Wirkung ihrer Massage, die wohltuenden Düfte und alles zusammen hatten mich die Realität komplett vergessen lassen. Erst zurück im Auto meiner Schwester registrierte ich, wo ich war und dass wir noch viel zu erledigen hatten. Wem das noch nicht klar ist: Ich habe die beste Schwester der Welt.

tl;dr: Lasst Euch überraschen oder überrascht andere mit Verwöhnpacketen bei Kosmetikerinnen – es lohnt sich!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s