Heimat wechsle dich

Katja Evertz hat eine Blogparade zum Thema HEIMAT ins Leben gerufen. Danke dafür! Ich finde das Thema interessant, da es jeden Menschen betrifft. Vermutlich ist es daher auch deutlich komplexer als es den Anschein macht.

Vor einigen Jahren habe ich mir an anderer Stelle und lediglich analog Gedanken über meine Heimat gemacht. Genauer: Ich fragte mich, was und wo meine Heimat sei. Das stellte sich als keine einfache Frage heraus. Im Ausland geboren, aber größtenteils in Deutschland aufgewachsen, stelle ich eine bilingual erzogene Person mit Aussiedler-Background dar. Oder so ähnlich.

Heimat gibt es nicht in jeder Sprache 

In meinem Geburtsland Polen existiert der Begriff Heimat nicht. Wer es nachschlägt, bekommt „ojczyzna“ vorgeschlagen und das entspricht dem deutschen Wörtchen Vaterland. Im Grunde genommen ist es eine Mischung aus Heimat und Vaterland. Was in Polen jedoch durchaus positiv klingt, ist hierzulande verpönt. Von Vaterland möchte niemand sprechen. Mit Heimat verbinden wir Wärme und Geborgenheit – mit Vaterland eine schlimme Vergangenheit. Hinzu kommt der typisch deutsche Zusammenhang von Vaterland und Nationalstolz – beides Wörter, die ich unter Leuten meiner Generation nicht erwähnen darf, ohne für schlechte Stimmung und stundenlange Diskussionen zu sorgen.

Ich gebe zu, dass auch mir der Begriff Heimat besser gefällt. Es hat etwas mit Gefühlen zu tun und nicht zwangsläufig mit dem Geburts- sowie Wohnort der Ahnen. Das wäre übrigens ohnehin ein Problem bei mir, da meine Vorfahren Deutsche waren, deren Grund und Boden (in Schlesien) nach dem zweiten Weltkrieg plötzlich Polen hieß. Einige von ihnen mussten ihren deutschen Vornamen in einen polnischen umändern und starben als „Polen“ ohne jemals dieser Sprache mächtig gewesen zu sein. Für Deutsche ist Polnisch wahrlich eine Herausforderung.

Ginge ich also von meinen Ahnen aus, so wüsste ich nicht mit Gewissheit, was sie für ihre Heimat hielten. Vermutlich Schlesien. Auch für mich hat die genannte Region eine besondere Bedeutung. Als ich Ende der 70er auf die Welt kam und meine ersten neun Jahre auf schlesischem Boden verbrachte, lebte man dort wie hierzulande in den 60ern – in etwa. Die Frauen liefen überwiegend in Röcken und Kleidern durch die Gegend, kaum jemand besaß ein Auto, geschweige denn ein Telefon. Supermärkte gab es auch noch nicht, sondern nur kleine Spezialläden und die erste Rolltreppe sah ich ebenfalls erst mit neun in Osnabrück. Hilfsbereitschaft wurde groß geschrieben, denn jeder war auf seine Freunde und Bekannten angewiesen – sei es, um nicht überall stundenlang in der Warteschlange stehen zu müssen oder auch, um an die Ware unter(!) der Ladentheke zu kommen, welche die Verkäuferinnen für Freunde und Verwandtschaft zur Seite gelegt hatten. Das waren Zeiten, in denen die Menschen zusammenhalten mussten. Auf die Nachbarskinder aufzupassen, als seien es die eigenen, war nahezu selbstverständlich und ich könnte beinahe endlos mit der Auflistung der positiven zwischenmenschlichen Begebenheiten fortfahren. Polen war damals meine Heimat.

Nichtsdestotrotz war die politische Situation nicht gerade vorteilhaft für Leute, die DER Partei nicht angehörten. Daher sprachen viele Gründe für eine Ausreise. Der Weg meiner Familie nach Westdeutschland, ist eine längere Geschichte, mit der ich hier niemanden langweilen möchte. Entscheidend ist vielmehr, dass sich für mich ganz plötzlich alles veränderte – auch die Heimat.

Cochemer Reichsburg (Original und Lego-Miniatur)

(Die Reichsburg in Cochem – rechts als Miniatur im Legoland.)

„Nur“ ein Zuhause oder doch schon Heimat? 

1989 (vor der Wende) in Deutschland angekommen, hatten wir zunächst keinen festen Wohnsitz. Etwa zwei Wochen durften wir in einer stillgelegten Osnabrücker Kaserne in einem Raum mit ungefähr 20 bis 30 uns völlig fremden Menschen residieren. Danach lebten wir über ein Jahr lang in einem Übergangslager in Cochem. Dort hatten wir das etwa 7 qm große Zimmer einer Wohnung zur Verfügung – nicht viel Platz für eine vierköpfige Familie. Auch die Hochbetten aus Stahl entsprachen nicht dem Inbegriff eines gemütlichen Zuhause. Dennoch war das WG-Leben (denn in der 4-Zimmer-Wohnung lebten natürlich auch andere Familien und Pärchen) mit die schönste Zeit meines Lebens. Das lag sowohl an den vielen wunderbaren und interessanten Menschen, die ich damals kennenlernen durfte als auch an der schönen, für ihre Weinberge sowie Burgen bekannten Gegend. Im Übergangslager fühlte ich mich zu Hause, aber meine Heimat war meine Familie.

Inzwischen lebe ich schon lange an einem besonders schönen Fleckchen Erde im Rheinland und genau hier ist meine Heimat. Warum? Ich fürchte, die Antwort klingt derart abgedroschen, dass sie kaum jemand glauben mag. Hier leben Menschen, die ich liebe. Und da ist noch etwas: der Ort. Hier fühle ich mich zu Hause – kenne fast jede Straße, verbinde viele Erinnerungen mit den einzelnen Plätzen und Menschen. Die Nachbarn kennen mich und ich kenne sie. Wenn ich durchs Zentrum schlendre, begegnen mir meist bekannte Gesichter. Auch die Sprache liegt mir am Herzen und das Essen ist meins. Alles zusammen – Menschen, Sprache, Gerüche, Landschaft, etc. – sind wie Bestandteile einer besonderen Speise, die man nicht missen mag. Heimat ist Freude (und Leid?), Trost und Umarmung. Für mich ganz persönlich gehören Heimat und Familie zusammen.

Wer sich jetzt fragt, was mir aus Polen geblieben ist, dem sei – neben schönen Kindheitserinnerungen und lieben Verwandten, die bis heute dort leben – die Außenperspektive genannt. Ich kann auf beide Länder, Polen und Deutschland, von innen und von außen blicken. Das ist sehr viel wert.

Jetzt drücke ich auf den Publizieren-Button und freue mich darauf, endlich alle anderen Blog-Beiträge zu diesem Thema zu lesen.

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4 Gedanken zu “Heimat wechsle dich

  1. wow, du hast das so umfassend und so klar geschrieben. ich bin beeindruckt, denn deine geschichte ist genau die meine, nur dass ich aus dem banat komme.
    werde dich öfter besuchen, dein blog gefällt mir….
    viele grüße
    elke

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