Kinder, spielt mit Autoreifen!

GefahrenzeichenDieser Monat ist dem Spielzeug gewidmet. Zumindest auf „BerlinFreckles„, denn dort findet eine von Tollabox geförderte Blogparade zum Thema „Zeug zum Spielen vs. Spielzeug“ statt. Als ich davon las, war mir sofort klar, dass ich mich daran beteiligen würde. Es ist ein wichtiges Thema, das man fröhlich angehen, aber auch kritisch auslegen kann. Ich habe mich für Letzteres entschieden.

Wer will mit einem Spiderman aus unlackiertem Holz spielen?

Spielsachen bereichern das Kinderleben. Oder etwa nicht? In den letzten Jahren wurden immer mehr Untersuchungsergebnisse publik, die besagen, dass viele Spielsachen Schadstoffe (Blei, Arsen, Pthalate, etc.) enthalten. Einige der Stoffe sind krebserregend, andere verändern das Erbgut oder führen zu Hautveränderungen – um nur einige Beispiele der Folgen zu nennen. Wer glaubt, seine Kinder schützen zu können, indem er online recherchiert, jedes Spielzeug unter die Lupe nimmt oder sich an Tipps der Verbraucherzentrale hält, dem sei nur ein Wort genannt: Kita. Man kann (vielleicht) auf antibiotikahaltiges Fleisch und Eier unglücklicher Hühner verzichten, aber selbst Kinder, denen Kohlrabi-Suppe mit Tofustreifen schmeckt, kommen mit schadstoffhaltigem Spielzeug in Berührung. Nicht nur einmal. In Kindergärten durchgeführte Urinproben wiesen diese Stoffe nach.

Regelmäßig tauchen in den Medien folgende Tipps auf:

  • Kein stinkendes Spielzeug kaufen.
  • Je weicher das Plastik, umso schädlicher ist es.
  • Holzspielzeug ist besser als Plastik.
  • Zu deutschen Produkten greifen!
  • Finger weg von Billigware!

Dumm nur, dass….

  • …. Plastik und Gummi häufig stinken.
  • …. fast alle Plastikfiguren biegsam sind und somit Weichmacher enthalten.
  • …. Holzspielzeug nicht selten mit schädlichen Farben lackiert ist und Kinder zudem so gar nicht auf Holz-Spidermänner stehen.
  • …. inzwischen auch „deutsche“ Produkte im Ausland hergestellt werden.
  • …. auch in teuren Produkten zu hohe Werte an Schadstoffen gefunden worden sind.

Als Mutter, die ihren Kindern die Freude am Spielen nicht nehmen möchte, aber zugleich großen Wert auf gute Produkte legt, schaue ich mir das Spielzeug an, bevor ich es kaufe und gebe zu, deutsche Sachen zu bevorzugen. Dennoch bin ich bereits mehrfach auf die Nase gefallen. Da kauft man ein teures Holzeisenbahn-Set aus angesehenem europäischen Hause, um wenige Monate später zu erfahren, dass ausgerechnet dieses Produkt ausnahmsweise im fernen Ausland hergestellt und versehentlich mit giftigen Farben lackiert worden war. Dumm nur, dass ein zweijähriges Kind nicht so lange braucht, um die Farbe davon abzulutschen.

Selbst wenn man als Mutter oder Vater auf alles achtet, das Kind einen der wenigen deutschen Kindergärten besucht, in denen auf „gutes“ Spielzeug Wert gelegt wird, gibt es noch Verwandte und Bekannte, die möglicherweise…. Ach, ich höre auf, so macht das ganze doch gar keinen Spaß! Ernsthaft, ich dachte immer, Spielsachen seien zum Spaßhaben da.

Bisschen Gift kann nicht schaden – das ist wie mit Schokolade.

Inzwischen haben EU-Politiker reagiert und neue Gesetze verabschiedet, die Veränderungen in den Grenzwerten beinhalten. Leider scheinen die netten Damen und Herren etwas falsch verstanden zu haben. Denn beispielsweise die Grenzwerte für schädliche Kohlenwasserstoffe (PAK) liegen bei Kinderspielzeug weit über denen von Autoreifen. Logische Konsequenz: Kinder mit Autoreifen spielen lassen.

Wäre es unverschämt, die Politiker dazu aufzufordern, nicht auf irgendwelche Lobbys, sondern ihren (gesunden?) Menschenverstand zu hören? Oder zumindest an die Kinder – unsere Zukunft – zu denken? Ach was, die Lobbyisten haben ihnen bestimmt sehr eindrücklich erklärt, wie es sich mit den Giften verhält: wie mit Süßigkeiten. Bald wird es nicht „Ein Stück Schoki und vier Gummibärchen – mehr nicht!“ heißen, sondern:

„Heute nur das bleihaltige Spielzeug – die krebserregenden Sachen morgen, Paulchen!“

Zwar hat die Bundesregierung gegen die neuen EU-Richtlinien geklagt, aber zu einer Entscheidung wird es nicht vor 2014 kommen und wie diese dann aussehen wird, kann keiner sagen.

Manchmal frage ich mich, wie das in meiner Kindheit war. Haben wir in den 70ern und 80ern auch mit belastetem, Erbgut veränderndem Zeug gespielt? Kinderhasser (ja, die gibt es!) würden bestimmt sagen: „Schaut man sich die Kids von heute an, muss es ja stimmen.“

Ehrlich, ich weiß es nicht. Zumindest war das Plastik damals härter, enthielt somit möglicherweise keine oder weniger Weichmacher – die nachweislich gesundheitsschädigend sind. Unabhängig davon, ist eines klar: Unsere Eltern wussten nicht Bescheid. Gifte im Spielzeug waren kein Thema. Damals rauchten ja auch fast alle. Das war selbstverständlich und absolut gewöhnlich. Wer anders sein wollte, griff nicht zur Zigarette, sondern zur Pfeife oder Zigarre. Das war´s.

Mit dem Wissen kam die Verantwortung. Verdammt!

Heute wissen wir mehr, doch wäre es nicht wesentlich bequemer, weniger informiert zu sein? Könnte man das Leben dann nicht viel mehr genießen?

Und: Wollen wir unwissend tun oder die Industrie in die Knie zwingen? Ha!  Ja, ja, ich weiß, wie das klingt. Eltern, die sich an die Eingangstüren großer Spielzeugfabriken ketten, will keiner sehen. Vor allem, weil es unsinnig wäre, das zu tun. Und nein, ich habe nichts gegen den globalen Handel, wohl aber gegen skrupellose westliche Firmen, die nur am eigenen Profit interessiert sind. Doch das ist ein anders Thema.

Lassen wir das und kaufen die sechste Stoffpuppe, in der Hoffnung, der Stoff möge unbelastet sein, nicht aus Bangladesch kommen und das Püppchen von Kinderhänden genäht worden sein. Reden wir uns die neue Action-Figur aus Plastik schön. Denn was haben wir für eine Wahl? Bei einem Glas Wein – oder drei – sieht die Welt gleich schöner aus und das Leben wird leicht.

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