Sind Farben das Problem?

Sich in etwas hineinsteigern kann jeder. Dumm nur, wenn man es aufschreibt und sofort veröffentlicht. Das gehört zu den Eigenheiten von Blogs – es gibt keinen Chefredakteur oder Korrekturleser, der Einsprüche erhebt.

Als ich diesen Blogpost hier verfasste, war ich gedanklich dermaßen im Thema drin, dass ich Behauptungen aufstellte und Schlüsse daraus zog, die mir später beim Lesen als nicht richtig vorkamen. Leider hatte ich den Text bereits veröffentlicht – durch einen impulsiven Klick auf den „Publizieren“-Button. Zunächst ließ ich den Artikel so stehen, weil ich Dinge ungern zurücknehme, doch es murkste mich. Zwar lassen sich Texte grundsätzlich auf unterschiedliche Weise auslegen, aber mir war und ist es zu wichtig, nicht falsch verstanden zu werden. Daher hier besagter Text in überarbeiteter Fassung:

Ich bin keine Feministin. Dieser Satz müsste zwar genauer erläutert werden, aber ich lasse ihn jetzt einfach mal so stehen – der Einfachheit halber, da es mir in diesem Blogpost um etwas anderes geht.

Heute (inzwischen gestern) landete ich über einen Link (bei Twitter) auf einem feministischen Blog. Der aktuellste Beitrag dort behandelte das Thema Farben und Geschlechterrollen. Die Publizistin Hannah Wettig beklagt in ihrem Text („Meine Tochter mag kein rosa….“) die Tatsache, dass es Mädchenkleidung beinahe ausschließlich in rosa und Jungensachen in militärgrün gibt. Selbstverständlich geht sie aus ihrer feministischen Perspektive auf diese Problematik ein und erzählt nebenbei von „Pink stinks“ sowie merkwürdigen Erfahrungen im Kindergarten. Einiges davon spricht mich überhaupt nicht an, vermutlich schreibe ich gerade deshalb jetzt meine Meinung dazu auf. Für besonders aussagekräftig halte ich Wittigs Hinweis darauf, dass die Kinderkleidung in den Siebzigern nicht derart farbig eingeschränkt und geschlechtsspezifisch war. Das ist ein entscheidender Aspekt, meiner Meinung nach.

Auch ich habe in meiner Kindheit nicht so viel rosa gesehen, wie jetzt. In meinem ursprünglichen Text teilte ich Wittigs Meinung, die Farbauswahl sei stark eingeschränkt. Man neigt schnell dazu, dieser Behauptung zuzustimmen, weil sie tatsächlich auf einige Geschäfte zutrifft und man sehr viele Mädchen rosa gekleidet sieht. Entscheidend ist jedoch, ob die Behauptung insgesamt der Realität entspricht und genau das trifft, glaube ich, nicht zu. Ich war sogar so weit, zu postulieren, in meiner Kindheit sei die Farbauswahl größer gewesen. Nein, in den 70ern waren die einzelnen Kleidungsstücke bunter, aber heute ist die Auswahl deutlich größer.

Frau Wittig meint zudem, andersfarbige Kleidung (also alles, was nicht rosa, aber dennoch für Mädchen ist) sei teurer. Sie macht dies am Beispiel von Hausschuhen fest. Auch an dieser Stelle hatte ich zunächst zustimmend genickt, weil es da nunmal auffällig große Preisunterschiede gibt. Doch muss ich zugeben, dass mir schon oft Mädchensachen (auch Schuhe) in sehr dunklen Farben aufgefallen sind, die keineswegs teurer waren. Auch wenn man sich das Mädchen-Spielzeug anschaut, so gibt es heute sogar Grusel-Barbies. Die Industrie passt sich auch gewissen gesellschaftlichen Entwicklungen an. Was mir allerdings zum Stichwort Kleidung an Kritik einfällt, ist, dass es dort diese Anpassung an die Nachfrage, an die Bedürfnisse der Konsumenten, kaum gibt. Nicht in Bezug auf Farben, sondern Größen. Das sagen bestätigen auch die Verkäuferinnen in dieser Branche. Doch das nur nebenbei.

Frau Wittig schreibt aus ihrer Mutterrolle heraus, daher tue ich das an dieser Stelle auch. Als meine Tochter auf die Welt kam, stand für mich fest, dass ich ihr Kleidung in diversen Farben kaufen würde, aber möglichst wenige Sachen in rosa. Diese Farbe fand ich nämlich langweilig, aber das ist eine Frage des Geschmacks. Mich stört es nicht, dass rosa als Mädchenfarbe und das Gegenpendant zu blau gilt. Ich halte rot einfach für aussagekräftiger, orange für sehr schön und gelb für erfrischend. Deshalb wurde meine Kleine dementsprechend gekleidet. Allerdings änderte sich das, sobald sie sprechen konnte. Zu meiner Überraschung, wollte und will sie fast ausschließlich rosa tragen. Soll man Kindern ihre Lieblingsfarbe verbieten, weil sie die Geschlechtertrennung unterstützt? Vermutlich würde das kaum ein Elternteil tun – hoffentlich.

Für mich muss kein Mädchen Röcke und Kleider sowie rosa T-Shirts ablehnen, um charakterstark (oder emanzipiert) zu sein. Es muss ebenso wenig auf Bäume klettern können, wie mit Barbie-Puppen spielen. Das kann es aber tun. Ein Mädchen soll einfach es selbst sein (dürfen). Gleiches gilt für Jungen.

Meiner Meinung nach, ist es wichtig, das eigene Kind zu verstehen. Es ist nicht auf der Welt, um die politischen Ansichten der Eltern zu verkörpern. Klar geben Eltern ihre Wertvorstellungen an die Kinder weiter und sind ihnen Vorbilder, aber Kinder haben ihre eigenen Rechte und dürfen nicht als Symbole herhalten. Sie absichtlich pink einzukleiden halte ich für genauso falsch, wie ein Verbot eben dieser Farbe. Extreme sind selten sinnvoll.

Nichtsdestotrotz hat Frau Wittig recht, wenn sie behauptet, in den Siebzigern sei die Kinderkleidung farblich nicht so geschlechtsspezifisch gewesen. Soviel ich weiß, neigten Eltern damals dazu, ihren Töchtern hellere und den Söhnen eher dunkle Sachen anzuziehen oder insgesamt bunte Kleidung. Ich verbrachte meine ersten neun Lebensjahre in einem sozialistischen Land und dort war die Auswahl nicht groß. Man war froh, an überhaupt etwas dranzukommen. Meine Familie profitierte von Verwandten in Westdeutschland, die uns Päckchen schickten oder von Auslandsbesuchen einiger Verwandter, die ab und zu nach Westdeutschland fahren durften, zum Besuch oder zur Kur. Dann bekamen wir einige wunderschöne Kleidungsstücke und diese wurden von Schwester zu Schwester, Cousin zu Cousin weitergereicht. Seltsamerweise hielten die Pullis, Hosen und Kleider jahrelang – was für eine erstaunlich gute Qualität sprach.

Was mich heute stört, ist nicht das viele rosa oder militärgrün, obwohl mir beide Farben durchaus aufgefallen sind – wie gesagt, in bestimmten Geschäften und weil es Eltern gibt, die diese Farben toll finden. Mich stört vielmehr die Kombination von Bebilderung und schlechter Qualität. Die Bekleidungsindustrie spielt mit den Wünschen und Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen. So werden für Mädchen gerne Hello Kitty sowie Lillyfee drauf gedruckt und für Jungen Star Wars sowie bestimmte Helden. Das allein wäre nicht schlimm. Doch ausgerechnet diese Kleidungsstücke sind häufig von schlechter Qualität. Nach dem Motto: Das Teil darf nicht teuer sein, also ist der Stoff egal, Hauptsache das Bild ist drauf, dann kaufen die Leute das Zeug. Leider geht deren Rechnung auf.

Schade finde ich auch, dass den heutigen kids in gewisser Weise alles vorgegeben wird: welche Filme sie schauen, welche Figuren, Farben und Marken ihnen gefallen müssen. Wer sich nicht anpasst, gilt als uncool und peinlich. Er oder sie wird ausgegrenzt. Ist das nicht traurig? Ich halte es für zunehmend wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass es sinnvoll ist, die Dinge zu reflektieren und sich eine eigene Meinung zu bilden. Das wird dem Einzelnen jedoch nicht einfach gemacht.

Dann ist da noch etwas aus einem anderen Bereich, das ich für nennenswert halte – wenn wir schon beim Thema Kinder(wohl) sind. Es betrifft die Lebensmittelindustrie. Man nehme eine Packung gewöhnlichen Wurstaufschnitts in die eine Hand und eine Packung mit Kinder ansprechendem Bild in die andere. Das kennt wohl jeder – diese „Kinder-Produkte“, wie z.B. Lyoner in Bärchen-Form (oder Joghurt mit Disney-Motiv). Wer die Zutatenliste beider Päckchen miteinander vergleicht, wird feststellen, dass das Kinder ansprechende Produkt wesentlich mehr Zutaten enthält als das andere. Man muss kein Chemiker sein, um zu erkennen, dass es sich keineswegs um irgendwie „gesunde“ Zutaten handelt, sondern um Zeug, das da gar nicht hineingehört. Ausgerechnet für Kinder! Das regt mich wesentlich mehr auf als die Sache mit der Kleidung, aber alles zusammen macht es noch schlimmer. Kinder werden manipuliert und auf ihre (auch gesundheitlichen) Kosten wird Geld gemacht.

Kaum jemand scheint am Wohlergehen der Kinder interessiert zu sein. Nur Geld zählt – in der Lebensmittel-, der Spielzeug- und der Bekleidungsindustrie, kurz: überall. Wurst, die wie ein Bär aussieht, Käsescheiben in Form einer Maus – eigentlich schöne Ideen, aber leider halbherzig umgesetzt, weil die Wurst seltsame Inhaltsstoffe aufweist und der Käse ebenfalls fragwürdig ist. Zumindest sind derart ansprechend und für Kinder verführerisch gestaltete Produkte in der Regel von deutlich schlechterer Qualität als gewöhnliche Wurst, rechteckiger Käse – Ware ohne Märchenfiguren oder Action-Helden auf der Verpackung.

Selbst, wer das erkennt und kritisiert, kann sich alledem nicht entziehen. Kurz: Es wäre falsch alles zu verteufeln, aber darüber hinwegsehen lässt sich auch nicht – sonst macht man sich selbst etwas vor.

Ich bin froh, in den Siebzigern geboren worden zu sein. Die damalige Gesellschaft erschien in gewisser Weise authentischer als die heutige. So kommt es mir rückblickend zumindest vor. Denn verglichen zu heute (zum Westen?), mussten wir damals auf einiges verzichten, aber mir war das als Kind nicht bewusst. Ich denke, heute haben es die Kinder nicht leicht und wir, die „entwickelte Gesellschaft“, gehen nicht gut mit ihnen um. Es gibt Dinge, die existentiell wichtiger und kritikwürdiger sind als die Bedeutung und Auswirkung von geschlechtsspezifischer, farblich vorgegebener Kleidung.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s