Vom Fluch, jünger auszusehen

Oder indirekt: Warum Aussehen und Alter zusammenpassen sollten.

Was ich gestern meinem Briefkasten entnahm, ließ mich staunen. Da lag doch tatsächlich ein ansprechend gestalteter Flyer mit der folgenden Aufschrift in meiner Hand:

Creme-Werbung

(*siehe unten)

Die Uhr zurückdrehen? Hm, klingt interessant. Oder? Sieben Jahre. Mal überlegen, ach ja,  vor sieben Jahren veränderte sich mein Leben enorm. Und zwar auf eine sehr schöne Weise und äußerst bereichernd. Will ich wieder auf den Stand von damals zurück? Nein. Heute ist es besser. Außerdem: Wer kann Bitteschön die Zeit zurückdrehen? Und was soll das mit den sieben Jahren in zwei Wochen bedeuten? Lächerlich.

Beim Aufklappen des Flyers kam die Erleuchtung. Es handelte sich dabei um die Präsentation eines neuen Kosmetik-Produktes: einer Anti-Aging-Creme, die nicht nur das Älterwerden verlangsamen, sondern die Frau sogar verjüngen soll. Der Hersteller verspricht mit anderen Worten: Du kannst in zwei Wochen sieben Jahre jünger aussehen, WENN du diese Creme benutzt. Wow! Wollen wir das nicht alle?

Keine Frage, das entspricht dem Trend. Jugend um jeden Preis. Und dank der Creme bräuchte man sich nicht einmal unters Messer zu legen. Etwas für Weicheier also? Okay, für eine Schönheits-OP würde ich mich nicht hergeben, aber diese Gesichtscreme auflegen….

Auch auf die Gefahr hin, dass mich jetzt alle meine weiblichen Leser (gut: Leserinnen) hassen werden: Ich sehe jünger aus als ich bin. Das heißt, mir kommt es gar nicht so vor, denn Falten sind da – das lässt sich nicht leugnen. Trotzdem werde ich für jünger gehalten. Und nein, das ist nicht wirklich von Vorteil. Im Gegenteil. Es nervt! Oder glaubt hier wirklich jemand, es sei schmeichelhaft an der Edeka-Kasse nach dem Ausweis gefragt zu werden, nur weil man eine Flasche Wein kaufen möchte? Und zwar jedes Mal, egal welche Kassiererin da sitzt! Am Disco-Eingang den Perso zücken zu müssen ist ebenfalls wenig berauschend. Vor allem dann nicht, wenn die Teenager vor einem problemlos reingelassen werden. Ja, da fragt man sich schonmal, was man falsch gemacht hat.

Konsequenzen sind gefragt. Wenn ich vorhabe, Wein zu kaufen, nehme ich grundsätzlich meine Kinder mit. Dann fragt nämlich niemand nach.

Die Sache mit der Disco erwies sich als etwas schwieriger. Da kann ich nunmal nicht meine Kinder mitnehmen. Käme vermutlich nicht so gut an. Außerdem werde ich auch in anderen Situationen von Autoritätspersonen häufig zunächst wie eine Jungendliche behandelt. Sogar die Nachbarn gingen, als wir hier einzogen, davon aus, ich sei die junge Tante meiner Kinder und würde auf diese bloß aufpassen. Ein Babysitter sozusagen. Es dauerte eine Zeit, aber inzwischen haben sie es eingesehen. Ebenso die Schulkameraden meines Sohnes, die letztes Schuljahr noch darüber stritten, ob ich seine Mutter oder Schwester sei.

Auch hatte ich es satt, beim Friseur vom weiblichen (wie ein Kanarienvogel geschminkten) Azubi als „der natürliche Typ“ bezeichnet zu werden. Natürlicher Typ ist DIE Beleidigung unter jungen Leuten schlechthin. Da hätte sie mir direkt eine verpassen können.

Um also unangenehmen Situationen vorzubeugen und endlich einigermaßen wie eine Frau über 30 auszusehen, ließ ich mich letztes Jahr im Dezember zur Kosmetikerin führen. „Schminkschule“ hieß der Kurs. Eine Stunde lang wurde mir erklärt, welche Schminkweise zu mir passt und wie ich das anzustellen habe. Natürlich war meine Lehrerin deutlich jünger als ich. Doch nett war sie. Trotzdem ein komisches Gefühl – aber wenigstens beiderseits, sobald ich ihr mein Alter nannte.

Egal. Jetzt habe ich auch so eine Makeup-Tube in der Schublade. Wimperntusche, Lippenstift und Lidschatten hatte ich schon früher benutzt, aber Makeup? Früher nannte ich das Zeug Tapete oder Kleister. Ursprünglich wollte ich es ab 30 benutzen, habe es dann aber verpasst. Inzwischen ist es also soweit. Ich benutze es manchmal.

Und nun das: eine verjüngende Gesichtscreme. Bedenkt man, dass Wein ab 16 erlaubt ist und ich dennoch den Ausweis vorlegen muss…. Ehrlich, ich verstehe das selbst nicht, habe aber Zeugen (die jedes Mal in Lachanfällen ausbrechen, wenn das passiert). Möchte ich also diese Creme benutzen? Mal nachrechnen:

16 – 7 = 9

Welche 33jährige möchte aussehen wie 9? Okay, von der Größe könnte es funktionieren…. ich meine, das geht doch gar nicht! Will ich nicht! Weg mit dem Ding.

*Den Spruch habe ich aus rechtlichen Gründen ein wenig verändert – nicht jedoch den Sinn und die Aussagekraft.

 

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4 Gedanken zu “Vom Fluch, jünger auszusehen

  1. Ich musste mit 25 noch meinen Ausweis zeigen, wenn ich Billiard spielen wollte (das war damals ab 18, warum auch immer). Und in den U.S.A., obwohl in Begleitung meiner Eltern, für den Genuss einer harmlosen Pina Colada, ebenfalls den Ausweis zücken. Deine Genervtheit verstehe ich.

    Das Gute ist, und das hat mich auch damals schon getröstet, wenn man 46 ist, so wie ich jetzt, dann ist 10 Jahre jünger aussehen sehr in Ordnung. 🙂

    Lieben Gruss, Christine

  2. Danke, Christine. Ja, damit tröste ich mich auch. 🙂
    Hoffe überhaupt alt zu werden. Deshalb stört mich der Jugendwahn. Habe letztens einen guten Spruch gehört: Alle wollen lange leben, aber niemand möchte alt sein.

    Herzliche Grüße!

  3. Das kenn ich! Ich wurde mit 36 in Österreich am Bahnschalter mal gefragt: „… halben oder vollen Preis?“ Ich wurde in Sitzungen und Verhandlungen – wo man mich noch nicht kannte – oft für einen Praktikanten gehalten und entsprechend unterschätzt. Anfangs hat mich das geärgert. Irgendwann hab ich den Vorteil erkannt: Ich hab alle reden lassen bis keiner mehr was wusste, und dann zum Schluss hab ichlosgelegt. Und so meine Position bestens vertreten können.
    Bei uns liegt das in der Familie. Meine Mutter ist 85 und wird auf 65 geschätzt, mein Vater ist 90 und wird für 75 gehalten. Wir sehen das mit dem Jugendwahn also eher gelassen 😉

    Herzlichen Gruß

    Lutz

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