Netzhass zum Nulltarif – Mobbing inbegriffen

Ein neues Thema macht die Runde. Nein, neu ist es nicht wirklich, aber zurzeit besonders aktuell. Digitaler Hass, auch Netzhass genannt – eine Online-Variante des Mobbings. Treffen kann er jeden, aber publik wird er dann, wenn es sich beim Opfer um eine prominente Person handelt. Julia Probst zum Beispiel.

Die beliebte Bloggerin und Piratin wurde nach ihrem TV-Auftritt vergangene Woche mit Shitstorms angegriffen. Trotz ihrer Gehörlosigkeit, hatte sie sich in der Sendung auf ZDFinfo nicht der Gebärdensprache bedient, sondern gesprochen. Die daraufhin erfolgte Kritik über Twitter – z.B. Ihre Stimme sei viel zu hoch und höre sich lächerlich an – ging größtenteils unter die Gürtellinie.

In einem Interview mit ZEIT ONLINE sprach Probst über die verletzenden und niveaulosen Äußerungen. „Shitstormkultur ist ja kein Internetphänomen“, sagte sie. „Das gibt es im echten Leben auch – dort heißt es eben Mobbing.“ Dennoch betrachtet sie die Beleidigungen rückblickend als positiv, da diese „eine Diskussion in Gang gebracht“ hätten und „Deutschland sich an Menschen mit Behinderung gewöhnen“ müsse.

In seinem SPIEGEL-Artikel „Netzhass ist gratis“ fragt der Journalist Sascha Lobo zurecht, was „Demokratie wert {sei}, wenn der Netzhass die Diskussionen zerstör{e}“. Er weist zusätzlich darauf hin, dass für den Einzelnen (das Opfer also) ein einziger Hass-Tweed mehr wiege als tausend freundliche.

Ist Netzhass gleich Mobbing?

Während Probst Shitstorming mit Mobbing in Verbindung bringt, befasst sich Lobo mit den Unterschieden. Er meint, in vielen Menschen stecke „ein Hassmonster, und das Internet {…vermöge} es zu wecken, Dr. Jekyll und @mrhyde“. Vermutlich haben beide recht. Das Internet ist wie eine Verlängerung des Mobbing-Arms und bietet zudem sogar denen eine Möglichkeit anzugreifen und zu mobben, die offline zu feige dazu sind. Außerdem ziehen sich die bösartigen Tweets, niveaulosen Kommentare unter Blogbeiträgen und Beleidigungen in Internetforen im privaten sowie beruflichen Leben fort. Dann sind es Kollegen oder Mitschüler, die einen innerhalb sozialer Netzwerke fertigmachen. Die daraus resultierende psychische Belastung ist groß und sie kann jeden betreffen.

An wen soll man sich wenden, wenn man zum Opfer wird? Bei Risiken und Nebenwirkungen wenden Sie sich an den Betreiber oder Administrator? Nein, so funktioniert es nicht.

Nicht nur Prominente – auch Privatpersonen werden zu Opfern

Während Personen des öffentlichen Lebens mit unangenehmen Angriffen umzugehen lernen müssen, weil es sich dabei (leider) um einen Nebeneffekt ihres Jobs handelt, sind Privatpersonen – insbesondere Schülerinnen und Schüler – diesem Treiben hilflos ausgeliefert. Sie haben keine Image-Berater und keine Fans, die stark zu ihnen halten. Wenn sie Pech haben und niemandem auffällt, wie schlecht es um sie steht, können sie daran zugrunde gehen.

Lobo fordert das „Schulfach Interneterziehung {….und} alle anderen Maßnahmen, die zu einer digitalen Herzensbildung beitragen, einer sozialen, nicht bloß technischen Online-Kompetenz also“. Ich schließe mich dem an und wünsche mir, dass sich die daraus resultierenden sozialen Kompetenzen nicht nur auf das Online-Verhalten auswirken, sondern auch auf den direkten Umgang von Menschen untereinander – face-to-face.

Vom Begriff „Shitstormkultur“, den Julia Probst gebraucht, möchte ich Abstand nehmen, weil das Wörtchen Kultur für eine positive Assoziation sorgt. Allerdings möchte ich gerne mit Probsts Zitat abschließen, welches sowohl zum gewöhnlichen Mobbing als auch zur digitalen Variante passt: „Es muss normal werden, verschieden zu sein.“

Quellen

Sascha Lobo: Netzhass ist gratis

ZEIT-Interview mit Julia Probst

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