Familienfreundlichkeit contra wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit?

Seit Tagen ist es im Gespräch: Der Bundesverband der Arbeitgeberverbände (BDA) möchte die Elternzeit und das Elterngeld kürzen. Damit nimmt die Diskussion um familienfreundliche Unternehmen wieder ihren Lauf, denn der Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt argumentiert mit den schlechten Wiedereinstiegschancen von Müttern (und Vätern) nach der Elternzeit. Diese Auszeit führe zu erheblichen Qualifikationsverlusten, bei denen weder Wiedereingliederungsprogramme noch firmeninterne Kitas Sinn machen würden, so heißt es seitens der Arbeitgeberverbände.

Zu dieser Kontroverse gehört jedoch viel mehr. Die Meinung des BDA ist bekannt, einige Politiker haben sich ebenfalls (kritisch) dazu geäußert und ich frage mich, wer bei alledem an die Kinder denkt. Sie sind diejenigen, um die es dabei geht. Sie sind von derartigen Entscheidungen betroffen und sie sind unsere Zukunft – privat, gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich betrachtet. Doch zunächst sind sie einfach nur Menschen – Kinder und Jugendliche, die ihre Eltern brauchen. Sie benötigen u.a. Liebe, Zuwendung und aufrichtiges Interesse. Dazu gehört aber auch Zeit – und diese müssen die Eltern haben.

Das Thema ist ein weites Feld. Man kann auf die Probleme von Alleinerziehenden eingehen, denen keine andere Wahl bleibt, als möglichst kurz nach der Geburt ihres Kindes wieder in den Beruf einzusteigen. Dann kann man karriereorientierte Frauen entweder als Egoistinnen anprangern oder als Vorbilder hochheben, weil sie trotz Nachwuchs früh wieder eine Vollzeit-Stelle annehmen. Hinzu kommt die sich im Wandel befindende Rolle der Väter. Geht man von einer Durchschnittsfamilie aus, d.h. nicht von der eines Fussball-Nationalspielers, so hat es diese mit einem Einkommen in der Regel nicht einfach. Da außerdem immer mehr Frauen in Deutschland über eine gute Ausbildung (Anzahl der Akademikerinnen ist steigend) verfügen, wollen diese nicht den Rest ihres Lebens am Küchenherd verbringen. Auf einen gewissen beruflichen Erfolg möchten sie nicht verzichten. Umso entscheidender ist es – wie wir alle inzwischen wissen -, für gute Vereinbarungsmöglichkeiten von Beruf und Familie zu sorgen.

Mir ist in dem Zusammenhang jedoch wichtig, darauf hinzuweisen, dass es nicht die Lösung sein kann, die Erziehungspflicht samt Verantwortung an junge Au-pairs oder Mitarbeiter irgendwelcher Kinderhorte abzugeben.

Es kann doch kein Ziel sein, Kinder in die Welt zu setzen, um sie dann acht Stunden pro Tag zunächst in der Krippe, dann im Kindergarten und anschließend in der Ganztagsschule zu lassen. Klar wollen Kinder mit Gleichaltrigen zusammen sein und spielen, aber doch nicht den ganzen Tag. Und nicht unter den Bedingungen (Lärm, etc.), die dort herrschen. Man braucht nur mit Erzieherinnen oder Lehrern zu sprechen und erfährt, wie ermattet diese (Erwachsenen!) am Ende ihres Arbeitstages sind. Von der Lautstärke und dem Stress, heißt es dann. Sind Kinder etwa resistent gegen Stress? Nein.

Leider ist der Wochenplan eines Vorschulkindes nicht selten voll – diverse Fördermaßnahmen in Form von Vereinen werden häufig als eine weitere Möglichkeit der Ganztagsbeschäftigung genützt.

Bei alledem sollte man die Bedeutung von Bindungs- und Bezugspersonen nicht unterschätzen. Und in der Regel wollen Mutter und Vater diese Rollen einnehmen. Das geht jedoch nur, wenn sie mit ihrem Kind Zeit verbringen. Intensiv, nicht nebenbei und zwischendurch.

Wichtige Ansätze wären, meiner Meinung nach, familienfreundlichere Arbeitsregelungen, die es ermöglichen würden, dass jeweils mindestens ein Elternteil nachmittags zuhause ist. Leider können bisher nur sehr wenige Paare diesen Luxus genießen, ohne erhebliche finanzielle Einbußen hinnehmen zu müssen. Außerdem sollte für ein besseres Image von Müttern (und Vätern, welche die Elternzeit beansprucht haben) gesorgt werden. Sie sind kein Neuwagen, dessen Wert von Monat zu Monat rapide fällt. In meinem Text „Das Absurde hat einen Namen“ habe ich das bereits angesprochen.

Von allen Beiträgen, die ich zu den Forderungen des BDA gelesen habe, hat mir einer besonders zugesagt. Christian Geyer (FAZ) drückt in seinem Artikel sehr gut aus, dass Familienfreundlichkeit in der Wirtschaft längst gefragt ist und dass beispielsweise Unternehmen, die firmeninterne Kindergärten anbieten, zukunftsorientiert agieren. Hundts Aussage, eine lange Elternzeit sei schlecht für die Karriere, quittiert er mit dem Hinweis, „genau dies {… gelte} es zu ändern statt zu zementieren“. Ich stimme ihm nicht nur in diesem Punkt zu. Familienfreundlichkeit sollte die Zukunft sein. Wer sich qualifizierte und motivierte Mitarbeiter wünscht, sollte das beachten – vor allem im Hinblick auf die künftigen Arbeitnehmer-Generationen. Ob die Kinder von heute später leistungsstark sein werden, hängt auch von ihren aktuellen Erlebnissen ab.

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