Wer findet als Erster ein Haar in der Suppe?

Samstag. Ein Wohnzimmer, eine Couch, Rotwein – der Fernseher läuft. Eigentlich könnte es ein gemütlicher Abend werden, an dem der Flimmerkasten benutzt wird, der sonst nur noch als Attrappe dient, weil man sich interessante Sendungen zum selbstgewählten Zeitpunkt online auf dem Notebook anschaut.

Doch wäre ein derartiger Abend nicht zu profan? Warum sollte man sich einfach mal unterhalten lassen? Viel ergiebiger ist es doch, den Moderator zu beobachten, um dessen Fähigkeiten zu prüfen. Ach, welch eine Befriedigung ist es dann, wenn man etwas zu kritisieren gefunden hat. Und: Wer mehr findet, gewinnt. Oder?

Vorweg sei gesagt, dass ich mich nicht davon freisprechen kann, einiges an der gestrigen Sendung kritisiert zu haben, aber was heute in den Medien stattfindet, halte ich für äußerst übertrieben. Kritik ist in dieser Branche nicht nur legitim, sondern Teil des Geschäfts, allerdings sollte Fairness dabei nicht vergessen werden.

Einerseits wird „Wetten dass..?“ als DIE Sendung des deutschen Fernsehens bezeichnet und für so bedeutend gehalten, dass sich heute zahllose Zeitungen und Magazine auf dieses Thema stürzten. Andererseits scheint sie so manchem Journalisten doch nicht wichtig genug zu sein, um genügend Respekt dem Moderator gegenüber aufzubringen.

Markus Lanz werden diverse Fehler vorgeworfen. Dazu zählen Steifheit und ein Mangel an Augenkontakt (Die Welt). Die Tatsache, dass es erst seine zweite Sendung diesen Formates war, scheint den Journalisten nicht Grund genug für leichte Nervosität oder „Steifheit“ zu sein. Schließlich wird von einem Moderator keine Menschlichkeit verlangt. Der fehlende Augenkontakt wird Herrn Lanz in zweifacher Hinsicht angekreidet: Nicht nur er selbst habe die Gäste sowie Kandidaten zu selten angeschaut, auch Oliver Welke habe Halle Berry nicht in die Augen schauen können. Also Bitte, Herr Lanz, hätten Sie da nicht eingreifen und Herrn Welke zurechtweisen können?!

Besonders häufig weisen die fürsorglichen Redakteure darauf hin, dass sich Frau Berry während der gesamten Sendung furchtbar gelangweilt habe. Es sei eine Zumutung für diese Dame gewesen. Doch seien wir ehrlich, wenn man als Gast bei jemandem zu Besuch ist, kommt es nicht auf den Gastgeber allein an, ob der Abend ein Erfolg wird. Es ist eine gemeinsame Leistung von Moderator, Kollegen und Gästen!

Einen weiteren Kritikpunkt stellen die Wetten dar. Auch diese werden Herrn Lanz zum Vorwurf gemacht. Insbesondere die Zahnarzt-Wette wird als unzumutbar beschrieben. So heißt es, der arme Tom Hanks habe die Bohrergeräusche kaum ertragen können (Spiegel-Online). Doch es war geradezu Hanks schauspielerische Pflicht, Mimik und Gestik gezielt einzusetzen. Er musste eine Reaktion zeigen und hätte ein vergnügtes Lächeln etwa zu den Bohrgeräuschen gepasst?

In dem Zusammenhang sei noch darauf hingewiesen, dass sich die Journalisten große Sorgen um das Wohlbefinden der US-amerikanischen Stars zu machen scheinen. Sehr löblich – eigentlich. Doch ist es zugleich genau das, was sie Oliver Welkes und Markus Lanz vorwerfen: Anspannung den ausländischen Filmstars gegenüber. Sie halten dem Moderator sogar die schlechte Arbeit (zu leise und langsame Übersetzung) der Dolmetscher vor, obwohl das nicht zu seinem Aufgabengebiet gehört.

Auch die Kinderwette geht nicht ohne Kritik aus. Diese sei nicht so spannend wie die Gedächtnisleistung in der vorherigen Sendung gewesen. Die lieben Kinder da draußen sollten sich demnach wohl künftig etwas Besseres einfallen lassen, um ihre Vorgänger zu überbieten. Vermutlich möchten doch lieber die Zeitungsredakteure selbst mit der Wetten-Auswahl beauftragt werden.

Herr Lanz habe den jungen Wettkandidaten bei dessen Konzentration gestört, heißt es zusätzlich (Rhein-Zeitung). Dabei wirkte der Junge keineswegs unglücklich. Im Gegenteil, er bewegte sich erstaunlich souverän und locker vor der Kamera. Ein derartiges Verhalten ist nur möglich, wenn sich ein Kind wohl fühlt. Die Arbeit eines Moderators beginnt lange bevor er die Bühne betritt und dazu gehört es auch, sich mit den Wettkandidaten bekannt zu machen, ihnen (besonders den Kindern) ein gutes Gefühl zu vermitteln sowie die Angst zu nehmen. Das war Herrn Lanz zweifellos gelungen, sonst hätte sich der Junge ganz anders an seiner Seite verhalten.

Als „Wetten dass..?“ noch von Thomas Gottschalk moderiert wurde, klagten alle über den zu aufdringlichen „Zirkusdirektor“. Er nähme sich selbst viel zu wichtig, hieß es damals nicht selten. Nun ist Markus Lanz an der Reihe und auch er kriegt sein Fett weg. Was sagt uns das?  Negative Schlagzeilen machen sich besser als positive – das ist allseits bekannt.

Fazit: Gleichgültig, wer diese Sendung übernommen hätte, so oder so hätte man etwas an ihm und seiner Arbeit auszusetzen gehabt. Markus Lanz mag kein Komiker sein und ein guter Tänzer wird vermutlich auch nicht aus ihm werden, aber: Was soll´s?! Er ist ein sympathischer, vielseitiger und intelligenter Mensch, der sich selbstbewusst zwischen seinen Gästen zu bewegen versteht. An die umfangreiche Kombination von Talk, Wettkampf und Showeinlagen samt Komik muss er sich noch gewöhnen, doch er wird es gewiss schaffen, wenn man ihn nicht vorher entmutigt. Lasst ihn nur machen. Sinnvoll wäre künftig allerdings eine Trennung zwischen der Kritik am Moderator und den Defiziten anderer Beteiligten bzw. der Sendung insgesamt.

Eine Quellenauswahl:

Stern: „Schade um die schöne Show“

Die Welt: „Wie Lanz die Seele von `Wetten dass..?´ verzockt“

Spiegel: „Momente der Fremdscham“

Rhein-Zeitung: „Reaktionen von Fremdschämen bis Super“

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