Von Wirklichkeiten und Lügen – Manfred Lütz räumt wieder auf

Es gibt wohl kaum jemanden, der noch nie von ihm gehört hat. Das müsste man zumindest meinen, da der Arzt, Philosoph und Theologe bereits mehrfach für Bestseller gesorgt hat. Dennoch möchte ich ihn hier vorstellen, da seine Bücher etwas Besonderes sind. Allein schon die Titel sprechen für sich, wie z.B. „Irre -Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen – Eine heitere Seelenkunde“. Herr Lütz spricht die Dinge beim Namen an und bleibt bei all seinem Wissen bescheiden. Er verzichtet auf extravagantes Fachvokabular und erreicht den Leser mit leicht verständlichen Formulierungen, ohne dadurch ins Banale zu verfallen.

Mit der Lektüre „LebensLust. Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und Fitness-Kult“ fing alles an. Es war mein erstes Buch von ihm. Ich bekam es zum Abschluss eines Praktikums in der PR-Abteilung einer Werbeagentur von meinen Kollegen geschenkt. Die Geschenkwahl drückte möglicherweise deren Verdruss gegenüber den Oberflächlichkeiten aus, von denen sie in der Werbebranche umgeben waren. Tatsächlich zählten die PR-Leute größtenteils zu den bodenständigsten Mitarbeitern des Unternehmens und ich bin ihnen bis heute für das vielschichtige Geschenk dankbar.

Das aktuelle Buch des besagten Autors trägt den Namen „Bluff! – Die Fälschung der Welt“ und ist dieses Jahr bei Droemer/Knaur erschienen. Der Radiosender SWR2 strahlte zu diesem Anlass am 30. September den Vortrag „Alles Lüge!“ aus, welchen Herr Lütz sowohl geschrieben als auch vorgelesen hat. Auf das Manuskript zu diesem Vortrag werde ich mich im Folgenden beziehen.

Kernaussage in „Bluff!“ und „Alles Lüge!“ ist, dass wir alle in künstlichen Welten leben. Die Soziologin in mir muss bei dieser Formulierung jedes Mal an „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (Berger/Luckmann) sowie ansatzweise auch an Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ denken – beides sehr empfehlenswerte Bücher, allerdings keine leichte Kost.

Herr Lütz hat sich bereits in „LebensLust“ ein wenig mit der Wirklichkeit befasst und bezeichnete diese als das „Lieblingsthema(..) der Lust“ (S. 114), da diese in erster Linie von dem lebe, was tatsächlich sei. So fände (Lebens)Lust dort statt, „wo ganz unberechenbar das wirkliche Leben spiel(e) und wo nicht getrennt (.. werde) zwischen Körper und Geist“ (S. 115). Vor allem in Grenzsituationen erlebe man die Ganzheitlichkeit und somit auch die Wirklichkeit. Nicht grundlos lautet der Zusatz zum Titel der besagten Lektüre: „Ein Buch über Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheit und darüber, wie man länger Spaß am Leben hat“.

In „Bluff – Die Fälschung der Welt“ kommt der Wirklichkeit die volle Aufmerksamkeit zu. Hier ist sie das Hauptthema und kein kurz erwähnter Aspekt mehr.

Herr Lütz erläutert in seinem Vortrag „Alles Lüge!“ die Grenzen der Wissenschaftlichkeit in puncto Hirnforschung und Psychotherapie und lässt uns unsere eigene Wahrnehmung hinterfragen. So kritisiert er zum Beispiel „naive Hirnforscher, die denken (….), das Eigentliche der Psyche des Menschen (….) seien die Neurotransmitter-Phänomene im Gehirn“(S. 5) und bezeichnet dies als einen Kategorienfehler, um dann mit den folgenden Worten auf ein von Paul Watzlawick illustriertes Beispiel zu verweisen: „Ein Mensch kommt in ein Restaurant, um ein Wiener Schnitzel zu essen. Man bringt ihm die Speisekarte, und er beißt nun herzhaft in die Speisekarte hinein, genau an der Stelle, wo `Wiener Schitzel´ steht. Dann hat er natürlich in ein Wiener Schnitzel gebissen – aber auf der falschen Ebene, meine Damen und Herren, auf einer sehr wenig schmackhaften Ebene.“ (S. 5)

In seinem Vortrag spricht der Autor auch die Bedeutung der Medien an, die – seinen Worten nach – oft eine künstliche Welt darstellen und mit der Wahrheit sowie der Wirklichkeit spielen. Hierfür führt er nicht nur Beispiele wie die Reality-Shows an, sondern erwähnt auch das Attentat vom 11. September 2001. Als man „die Twin Towers in New York brennen sah, da dachte man doch im ersten Moment, das ist ein Science Fiction-Film, das kann doch gar nicht die Wirklichkeit sein“ (S. 6), so Herr Lütz. Da ich mich zum besagten Zeitpunkt in der Nähe von New York aufhielt und nicht nur die US-amerikanische Nachrichtenerstattung live mitverfolgen, sondern auch die daraus resultierenden Reaktionen meiner dortigen Mitmenschen erleben durfte, weiß ich, dass diese Behauptung zutrifft. Wir alle – eine deutsche Gruppe – saßen mit ungläubig aufgerissenen Augen im Frühstücksraum eines Days Inn vor dem Fernseher. Zunächst konnten wir uns kaum vorstellen, dass es sich bei den dort gezeigten Bildern um etwas Reelles handelte – etwas das relativ wenige Kilometer von uns entfernt geschehen war. Jedoch nur kurze Zeit später, wurden wir mit der unmittelbaren Realität konfrontiert, als uns auf dem College-Campus weinende Studierende über den Weg liefen, deren Verwandte in einem der Tower gearbeitet hatten.

Herr Lütz geht noch tiefer auf die Medien und den Unterschied zwischen der durch sie inszenierten Welt und der Wirklichkeit ein. Einer der Aspekte, die auch ich persönlich für sehr wichtig halte, ist, dass viele Menschen großes Mitgefühl mit Filmfiguren empfinden, dieses jedoch im wahren Leben nicht leben. Wenn zum Beispiel in ihrer Lieblingsserie ein alter Mensch allein und einsam ist, dann fühlen sie mit ihm, doch ihre alleinlebende alte Nachbarin nehmen sie kaum wahr. Das ist etwas, worauf ich bereits in eigenen Texten eingegangen bin, weil es – meiner Meinung nach – zu den Phänomenen des Kapitalismus gehört und mich traurig stimmt.

Abschließen möchte ich mit dem Hinweis des Autors, dass jeder Tag, den wir erleben, einer weniger von unserer Lebenszeit ist und sich nicht wiederholen lässt. Herr Lütz vertritt die Ansicht, dass gerade diese Einsicht uns dabei helfen kann, die Augen für die existentiell wichtigen Dinge, die Wirklichkeit also, zu öffnen. (Vgl. S. 7) Gerne stimme ich ihm darin zu, dass wir Erwachsenen uns (nicht nur) in diesem Punkt von Kindern unterscheiden. Denn „es ist die reale Welt, die wirkliche Welt von uns allen, die Heimat, in die wir als Kinder hineingeboren wurden, die wir betasteten, sahen, hörten, rochen und schmeckten – die Heimat, die uns dann durch all die vielen gefälschten Welten, die sich uns aufdrängten, zeitweilig entglitt(….).“ (S. 8).

Da ich diesen Monat ungewohnt viele Termine wahrzunehmen habe, komme ich nur selten zum Lesen und habe daher „Bluff!“ nicht vor mir liegen, aber Herr Lütz hat mit seinem Vortrag, den ich nur zufällig und unvollständig gehört, jedoch online nachgelesen hatte, mein Interesse für das Buch geweckt. Populärwissenschaftliche Lektüren sind oftmals entweder sehr schlecht oder aber besonders gut geschrieben. Im zweiten Fall erfüllen sie ihren Sinn: Sie machen die breite Öffentlichkeit auf bedeutende Themen aufmerksam, mit denen sich sonst nicht selten lediglich die wissenschaftliche Welt befasst. Außerdem ermöglichen sie einen kritischen Blick auf die Wissenschaftlichkeit an sich. Manfred Lütz ist ein Meister auf diesem Gebiet.

Quellen:

Manfred Lütz, LebensLust. Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und Fitness-Kult, Pattloch-Verlag, München 2002.

Link zum Manuskript „Alles Lüge! Die Fälschung der Welt“: http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=10206868/property=download/nid=660374/vdgyu1/swr2-wissen-20120930.pdf (12.10.2012)

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