Mehr als ein Erfahrungsbericht: Markus Göttings ALLES AZZURRO

Auch ein Lesewurm darf wählerisch sein. Ich bin es jedenfalls und als mir neulich meine beste Freundin ihre Urlaubslektüre präsentierte, die sie bereits fertig gelesen hatte, überkam mich seltsamerweise nicht das sehnsüchtige Verlangen nach dem besagten Stück.

Voll überschäumender Freude teilte sie mir den Inhalt ihrer Lektüre mit und ging fälschlicherweise davon aus, ich würde diese noch am selben Tag mit zu mir nehmen. Sie war sich meines Interesses sogar dermaßen sicher, dass sie am darauf folgenden Tag vor meiner Tür stand. „Du hast das hier gestern bei mir liegen lassen“, hörte ich sie sagen, während mir die Gute „Alles Azzurro“ von Markus Götting überreichte.

Markus Götting, Alles Azzurro. Unter deutschen Campern in Italien, Ullstein.

Stunden später saß ich im Wohnzimmer auf dem Sofa und hatte ausnahmsweise nichts zu tun. Draußen klopfte der Regen gegen die Fensterscheiben. Das perfekte Lesewetter, dachte ich. Nur blöd, dass ich mit allen Lektüren durch war und keine Lust auf die diversen Gedichtbände hatte, welche unser Wohnzimmer-Regal bestücken.

Als plötzlich mein Blick auf den kleinen Tisch vor mir fiel und ich Göttings Werk erblickte, blieb mir daher nichts anderes übrig als zuzugreifen. Wem wäre es nicht so ergangen? Schauen darf man doch, überlegte ich und betrachtete das Buch-Cover von allen Seiten.

Wenige Augenblicke später saß ich mit einem aufgeschlagenen Buch da und lachte. Herr Götting, das Schlitzohr, hatte mich rumgekriegt. Inzwischen denke ich, dass es ab und an ganz gut ist, zu seinem Glück gezwungen zu werden – oder besser: zu seiner Freude.

Bei der Lektüre „Alles Azzurro. Unter deutschen Campern in Italien“ handelt es sich um fiktionalisierte Realität. Der Autor beschreibt seine Initiation in die Gemeinschaft der Camper, wobei er die real existierenden Personen verfremdet, um ihnen – nun ja – jegliche Unannehmlichkeiten zu ersparen.

Er, ein Mann, für den zuvor allein die Vorstellung eines solchen Urlaubs das reinste Grauen bedeutete, heiratet eine Frau, für die wiederum das Campen die große Erfüllung darstellt. Zum Leid des Frischvermählten, überreicht ihm sein Schwiegervater einen Schlüssel für das seit Jahrzehnten von der Familie bevorzugte Ferienheim: einen gelben Wohnwagen in Italien. Keine Frage also, wohin die Hochzeitsreise geht.

Mit einer beeindruckenden Portion Witz wird der Leser nicht nur unterhalten, sondern auch informiert. Immerhin erfährt man nicht zuletzt etwas über das Geschehen auf einem Campingplatz und den Umgang deutscher Urlauber untereinander. Schonungslos erzählt Götting von seinen Fehlschlägen als Anfänger unter Profis. Trotz seines Jobs als Krisenreporter gilt er als Softie – was nicht zuletzt daran liegt, dass er mit seiner selbsterfundenen Kabelkonstruktion für einen flächendeckenden Stromausfall sorgt. Während einer Fussballspiel-Übertragung! Kein Wunder also, dass er sich bei einigen Campern keiner Beliebtheit erfreut. Zum Glück gibt es da den Willi aus dem Rheinland und dessen Freunde, die allesamt zum Neuling halten und diesem bei allen Herausforderungen, wie zum Beispiel dem Aufbau eines Vorzeltes, behilflich sind.

Besonders amüsant finde ich die Gedankengänge des Erzählers. Wie von einem Journalisten nicht anders zu erwarten, ist er ein guter Beobachter und denkt über die sonderbaren Dinge, die ihm auffallen, gerne nach. Manchmal spricht er seine Verwunderung auch offen aus: „Die verkaufen Iglo Fischstäbchen. Mitten in einem Fischerort. Wie degeneriert ist das denn?“ (S. 72)

Markus Götting gewährt dem Leser einen Einblick in die Welt der Camper und Italien-Freunde. Da ich weder eine eingefleischte Italien-Urlauberin bin noch mich für Ferien in einer fahrbaren Blechdose mit Bistro-Gardinen und Blumentöpfen an den Fenstern interessiere, kann ich umso mehr behaupten, dass dem Autor ein gutes Buch gelungen ist. Denn immerhin hat er es geschafft, mich ahnungslose Nicht-Camperin für diese Lektüre zu begeistern. So lag ich gestern Abend in der Wanne, genoss das warme Wasser als sei es ein Meer und schlug das Buch (wieder) auf. Alles Azzurro!

Markus Götting, Alles Azzurro. Unter deutschen Campern in Italien, Ullstein; 2012.
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